Urwald im Nebel

Der Botaniker Ludwig Jost (1865 – 1947) spekuliert über die Gefühle des modernen Menschen im Urwald von Kubany in Böhmen:

„Der Forstmann […] wird vielleicht die schreckliche Unordnung, die da herrscht, beklagen […].“ ((Baum und Wald, Berlin 21952, S. 110))

Diese „schreckliche Unordnung“ hat mir bei einer Wanderung durch den Urwald von Uholka in der Ukraine auch viel Grund zur Klage gegeben: Ständig musste ich über umgestürzte Baumriesen klettern. Am Ende brach ich die Wanderung wegen Regen und Nebel vorzeitig ab.

Wie schreibt Jost so treffend:

„Der Botaniker ist überwältigt von der Gewalt dieser ungeschminkten Natur.“ ((ebd.))

Lesen Sie hier meinen ersten Bericht über die Wanderung Fontynyasy.

Veröffentlicht unter Uholka

Wie man einen Urwald ruiniert

In meinem letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, dass es im 19. Jahrhundert im Böhmerwald noch große Urwälder gab, und dass im Jahr 1858 Fürst Schwarzenberg 1.850 ha Urwald zu einem Schutzgebiet erklärt hat. Der Botaniker Heinrich Göppert bereiste 1864 die Urwälder des Böhmerwaldes und hielt seine Eindrücke in Zeichnungen fest.

Zeichnung 17: „Eine unfern von der vorigen entnommene Ansicht [Kubany-Urwalde am Capellenbach] mit ebenso grossen Stämmen, mit nicht geringerer Zahl von Lagerstämmen, gleichfalls mit jungen Fichten verschiedener Grösse bedeckt“ ((Heinrich Robert Göppert, Skizzen zur Kenntnis der Urwälder Schlesiens und Böhmens, Dresden 1868, S.56. Eine höhere Auflösung der Zeichnung finden Sie hier: Zeichnung 17 – 2.400 x 1.600 Pixel.))

Ich möchte in diesem Beitrag erzählen, wie dieses Schutzgebiet nur wenige Jahre später ruiniert wurde. Georg Sperber schreibt darüber in seinem Buch Urwälder Deutschlands. Ich möchte aber auch Fehler korrigieren, die sich in den Text von Sperber eingeschlichen haben und einige Lücken füllen.

Fangen wir mit einem Fehler an: Es waren nicht 1.850 ha, die Johann Adolf II. Fürst zu Schwarzenberg zum Schutzgebiet erklärte, sondern 143,7 ha. Weiterlesen

Göppert und der Urwald im Böhmerwald

In seinem Buch Urwälder Deutschlands schreibt Dr. Georg Sperber:

„Bei einer ersten Forsttaxation [= Forstinventur, Forsteinrichtung, F.-J. A.] um 1840 beschrieb Forstmeister Josef John im Böhmerwald noch ein Drittel der Wälder als Urwald. […] John machte die Forstwelt auf das bedrohte Urwald-Vermächtnis aufmerksam. Der Fürst [Schwarzenberg, der größte Waldbesitzer, F.-J. A.] lies sich überzeugen und verfügte 1858, dass rund 1850 ha ‚für immer erhalten und gepflegt werden sollen, um auch den Nachkommen noch einen Begriff von der Vollkommenheit zu verschaffen …‘ […] 1864 bereiste der Botanikprofessor Heinrich Robert Göppert ausgiebig das böhmisch-bayerische Grenzgebirge. 1868 publizierte er die Ergebnisse seiner Urwaldbegegnungen, illustriert mit 23 Zeichnungen, deren Genauigkeit besticht.“

Zeichnung 10 beschreibt Göppert so:

„Fichten (a. b. d. d.) auf dem teilweise verrotteten, mit Moosrasen bedeckten Stocke gekeimt und später unter einander verwachsen, eine (d) im Absterben begriffen. e. und f. später auf ähnliche Weise entwickelte Fichten; g. h.  und i. Ebereschen (Formberger Urwald bei Landeck in der Grafschaft Glatz).“ ((Heinrich Robert Göppert, Skizzen zur Kenntnis der Urwälder Schlesiens und Böhmens, Dresden 1868, S.55))

Eine höhere Auflösung der Zeichnung finden Sie hier: Zeichnung 10 – 2.400 x 1.600 Pixel.

Der Pilzkäfer Triplax rufipes im Steigerwald

Mitte Oktober zeigte mir Dr. Simon Thorn in der Nähe der Ökologischen Station Fabrikschleichach im Steigerwald den Pilzkäfer Triplax rufipes. Er lebt in Seitlingen wie z. B. dem Austern-Seitling (Pleurotus ostreatus) und gehört zur Familie der Schwamm-, Pilz- und Faulholzkäfer (Erotylidae).

Er steht auf der Roten Liste für Deutschland (RLD)1Binot, M., Bless, R., Boye, P., Gruttke, H., & Pretscher, P. (1998): Rote Liste gefährdeter Tiere Deutschlands, Bonn-Bad Godesberg (Bundesamt für Naturschutz) 1998 und ist vom Aussterben bedroht (Gefährdungskategorie 1). Weil er so selten ist, wird er in den beiden deutschen Standardwerken für Käfer, dem Fauna Käferführer I – Käfer im und am Wald und dem Kosmos Käferführer, leider nicht erwähnt. Auch einen deutschen Namen hat der kleine Krabbler nicht: ich nenne ihn den Rotbeinigen (= rufipes) Pilzkäfer. Die mit ihm eng verwandten Urwaldreliktarten 2siehe J. Müller, H. Bussler u. a., Urwaldrelikt-Arten – Xylobionte Käfer als Indikatoren für Strukturqualität und Habitattradition, waldökologie online 2 (2005), S. 106 -113 heißen T. collaris (RLD 1), T. elongata (RLD 0 = ausgestorben, verschollen), T. melanocephala (RLD 1).

Der ebenfalls im Pilz gefundene Tetratoma fungorum stammt aus der Familie mit dem unheimlichen Namen der Keulendüsterkäfer (Tetratomidae). Im Gegensatz zu seinen beiden Verwandten T. ancora (RLD 3 = gefährdet) und T. desmaresti (RLD 1) steht er nicht auf der Roten Liste Deutschland.

Breaking News: Der Hambacher Forst im Ausnahmezustand

Im September 2018 waren die Proteste im Hambacher Forst ein Top-Thema in den Medien. Fast jeden Tag berichteten SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und FRANKFURTER ALLGEMEINE, SPIEGEL und STERN über die Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Polizisten. Wann waren wo wie viele Baumhäuser geräumt worden? Wie viele Festnahmen, wie viele Verletzte? Welcher Minister hatte was wo gesagt?

Ich habe den Medienhype um den Hambacher Forst mit Hilfe des Buches Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand – Wie uns die Medien regieren von Michael Meyen analysiert:

„Konflikte, Emotionen und Bilder, immer wieder Bilder. Möglichst auffällig, möglichst groß. Zapp! Nicht! Weg! Bleib hier, denn ich sage dir, was du wirklich wissen musst. In Schlagworten, leicht verständlich, leicht bekömmlich.“ ((Meyen, S. 11))

Der Hambacher Forst lieferte alles: Konflikte, Emotionen und Bilder. Immer wieder Bilder: Aktivisten mit Sturmhauben in Baumhäusern, Polizisten in Kampfanzügen auf Hebebühnen: Das war grell, das war originell! Das brachte Quote und Auflage, Klicks, Likes und Shares.

Im Zentrum meiner Analyse steht ein SPIEGEL-Artikel über ein Facebook-Video, das eine von Polizisten festgenommene Baumbesetzerin zeigt und 3,5 Millionen Klicks brachte. Lesen Sie hier meinen ausführlichen Artikel: Wie Journalisten den Hambacher Forst erschaffen haben.