Geschichte löschen durch Filme

Ich bekenne mich schuldig. Ich gebe es zu. Meine Artikel sind zu lang. Ein ganz schlimmes Beispiel ist der Artikel Besucherlenkung am Hirschgespreng – Wie man eine baumlose Grassteppe versteckt. Er hat mittlerweile 13 Kapitel. Was natürlich viel zu viel ist. Aber ein Kapitel führt fast automatisch zum nächsten. Aus A folgt B. Wer im Nationalpark Wege aufreißt, macht bestimmte Gebiete unzugänglich. Gebiete, die niemand mehr sehen soll, weil sie so gar nicht zur Philosophie des Parks passen wollen. Entweder Kahlschläge oder „Natur Natur sein lassen“ –  beides zusammen geht nicht.

Nationalpark Bayerischer Wald

Und so versteckt man erst die Kahlschläge, dann die Geschichte, wie es dazu kam. Geschichte, die so gar nicht zum Park passt. Die hässlich ist. Die dreckige Geschichte. Sie wird gelöscht. Auf Informationsschildern. In Büchern. Und in Filmen.

Screenshot YouTube

Das 13. Kapitel meines viel zu langen Artikels handelt davon, wie man in Filmen die hässliche, die unbequeme, die dreckige Geschichte des Parks löscht: Geschichte löschen durch Filme.

Drei Minuten Enttäuschung

„Das ist ja kein Gefühl von den Leuten, dass sie verarscht werden. Sondern sie werden verarscht.“
Frederik Pleitgen, CNN, Markus Lanz 29.10.26

Sie sehen einen alten weißen Mann, der drei Minuten lang enttäuscht, bockig, irrational, starrsinnig und uneinsichtig ist. Er fühlt sich verarscht. Ursache ist die Video-Playlist des Nationalparks Bayerischer Wald „Buchdrucker-Wissen in 60 Sekunden“.

Irrwege der Öffentlichkeitsarbeit des Nationalparks Bayerischer Wald

2023 passierte am Großen Falkenstein das, was die Nationalparkverwaltung 25 Jahre zu verhindern versucht hatte: Der Borkenkäfer verwandelte die Fichtenwälder in Totholzflächen. In den 80er Jahren der Lusen, in den 90er der Rachel und nun der Falkenstein.

Totholzfläche an der Waldhausstraße/Lindberg im August 2026 

In dieser Situation hatte die Nationalparkverwaltung eine ganz sonderbare Idee: Sie drehte sechs Videos zum Borkenkäfer. Das Sonderbare daran: Die Videos sind jeweils nur 60 Sekunden lang. Weil drei Videos mit keinem Geringeren als Prof. Dr. Jörg Müller gedreht wurden – immerhin einem international renommierten Wissenschaftler, Abteilungsleiter und stellvertretenden Direktor des Parks – , habe ich mir die Videos angeschaut. Ich war fassungslos.

Lesen Sie hier meinen neuen Artikel: Buchdrucker-Wissen in 60 Sekunden.

Totholzfläche an der Waldhausstraße/Lindberg im August 2026 

Nationalparkwissen in 90 Sekunden (1/2)

Der Borkenkäfer im Nationalpark Bayerischer Wald ist keine Katastrophe, sondern führt zu mehr Artenvielfalt. Der Totholzreichtum und die Auflichtungen sind gut für viele seltene Arten. Das sagt Prof. Dr. Jörg Müller, Vize-Chef im Nationalpark Bayerischer Wald. Nur gibt es dann ein Problem: Verantwortlich für die Borkenkäfermassenvermehrung war der Klimawandel. Folglich wäre der Klimawandel gut für den Nationalpark. Das sagt Prof. Müller aber nicht. Denn der Klimawandel kann ja nicht gut sein, oder?

Videos mit Prof. Müller: