Bibelriether – Sturz eines Säulenheiligen

Im Sammelband „Urwald der Bayern – Geschichte, Politik und Natur im Nationalpark Bayerischer Wald“ hat Hans Bibelriether das letzte Wort. Denn der letzte Beitrag im Band ist ein Interview von Mitherausgeber Mauch mit ihm.

Um es vorwegzunehmen: Es ist ein Fiasko. Nicht nur wegen der Antworten von Bibelriether. Auch wegen der Fragen. Die da lauten wie:

„Sie haben Nationalparke in allen Teilen der Welt gesehen. Sie waren in Asien und Afrika, in Nord- und Südamerika. Gibt es einen Nationalpark irgendwo auf der Welt, der als Leitbild gedient hat? Oder haben Sie einen Lieblingsnationalpark?“

Fremdschämen.

„Wenn Sie zurückblicken, was würden Sie heute anders machen?
Eigentlich nichts.“

Kein Kommentar.

„Von außen gesehen waren auch Leute wie Bernhard Grzimek und Horst Stern wichtig…
Ja. Natürlich waren die auch wichtig. Ohne Horst Stern hätten wir das Problem mit dem Rotwild nicht gelöst. Er hat den wichtigen Film Bemerkungen über den Rothirsch gedreht.“

Den mindestens ebenso wichtigen Film „Bemerkungen über einen sterbenden Wald“ nennt Bibelriether nicht. Es gibt Menschen, die so etwas schäbig nennen. Denn für Stern war dieser Film sehr wichtig: Er hatte 18 Jahre keinen Film gedreht. Für seinen vermeintlichen Freund kehrte er noch einmal hinter die Kamera zurück.

„Wo sehen Sie die größten Verdienste Ihrer Nachfolger als Leiter des Nationalparks? Und was hätten Sie vielleicht anders gemacht?“

Richtig hätte die Frage lauten müssen:

„Wo sehen Sie  die größten Fehler Ihrer Nachfolger als Leiter des Nationalparks? Und was hätten Sie auf jeden Fall anders gemacht?“

Mauch stellt die Frage deshalb falsch, weil er genau weiß, dass Bibelriether auf die richtige nicht antworten würde. Und Bibelriether antwortet tatsächlich:

„Meine Nachfolger haben die Nationalparkzielsetzung aufrechterhalten: dass es in Nationalparken um ursprüngliche Natur geht.“

Friede, Freude, Eierkuchen.

„Was ich mir gewünscht hätte, wäre, dass man im Bayerischen Wald weniger Rücksicht nimmt auf einzelne Kommunalpolitiker. 

Als ob das Hirschgespreng, der Lacken- oder der Ruckowitzberg wegen eines Kommunalpolitikers kahlgeschlagen worden wäre!

„Ich hätte mir auch gewünscht, dass man schneller und konsequenter neue Naturzonen ausweist, insbesondere im Erweiterungsgebiet. Das hat man immer wieder aufgeschoben.“

Ja, und Sinner und Leibl haben Krokodilstränen deswegen vergossen! Sie hätten ja so gerne neue Naturzonen ausgewiesen, aber § 14 der Nationalpark-Verordnung … aber der Nationalparkausschuss … aber der Ministerpräsident … aber das Mitglied des Landtags … aber der Landrat … Regierungspolitiker reden genau so: „Ich hätte mir gewünscht …“

Das alles ist keine Petitesse. Es schürt den Verdacht, dass Bibelriether nach Kyrill ganz genauso gehandelt hätte wie Sinner. Vielleicht wäre nicht Sinner, sondern er es gewesen, der gesagt hätte:

„Ich würde ja gerne Natur Natur sein lassen. Aber das Hirschgespreng ist Entwicklungszone und da bin ich gesetzlich verpflichtet, den Käfer zu bekämpfen.“

Es wird Anhänger Bibelriethers geben, die mir jetzt vorwerfen werden, wie ich so etwas behaupten könne und dass das unverschämt sei. Schließlich sei Bibelriether 2007 schon 10 Jahre pensioniert gewesen. Und er hätte, wäre er noch im Dienst gewesen, ganz sicher anders gehandelt als Sinner und dass er den Borkenkäfer hätte fressen lassen genauso wie in den 80er und 90er Jahren.

Ich möchte darauf antworten und Folgendes zu bedenken geben: Bibelriether war zwar 2007 schon 74 Jahre alt, aber er war offenbar bei guter Gesundheit, denn er lebte noch fast 20 Jahre. Er war auch nicht senil. Er hätte also durchaus etwas unternehmen können gegen die Borkenkäferbekämpfung nach Kyrill.

Was? Nun – das Mindeste wäre doch ein Artikel in der Passauer Neuen Presse gewesen. Auch die Süddeutsche Zeitung hätte sicherlich einen Artikel von ihm veröffentlicht.1In der Genios-Pressedatenbank findet sich kein Eintrag eines solchen Artikels. Redakteur Christian Seebald wäre hochinteressiert gewesen.2siehe seinen Artikel Tricksen, Tarnen, Täuschen Und hatte Bibelriether keine Kontakte zum Bayerischen Rundfunk? Gab es keinen ehemaligen Pressesprecher von ihm, der ihm dabei hätte helfen können, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Auch andere Formen des öffentlichen Protests wären denkbar und möglich gewesen: ein offener Brief an den Umweltminister oder den Ministerpräsidenten. Warum keine Mahnwache vor der Nationalparkverwaltung? Oder eine Demonstration zusammen mit Mitgliedern des Vereins der Freunde des Ersten Deutschen Nationalparks Bayerischer Wald, dem er in seiner Biografie ein ganzes Kapitel widmet.

Wenn das alles nichts nützt: Warum keine Sitzblockade vor einem Harvester? Das hätte es vermutlich sogar in die Tagesschau gebracht und auf die Titelseite der Bild-Zeitung! Und wenn ihm das alles zu blöd war und er keinen Sinn für Öffentlichkeitsarbeit hatte, hätte er doch wenigstens im stillen Kämmerlein ein Buch schreiben können: keine Biografie, sondern ein Protestbuch. Mit Fotos von im Schlamm versinkenden Harvestern. „Ich klage an …!“ Wer, wenn nicht er hätte genau gewusst, wohin er gehen muss und wo man die besten Fotos schießt? Zur Not hätten seine Ranger ihm welche besorgt. Er ist so stolz auf sie in seiner Biografie.

Und selbst, wenn das alles zwecklos gewesen wäre: Bibelriether hätte ein Zeichen gesetzt. Aber er blieb stumm. Zumindest kenne ich kein einziges Dokument von ihm aus dieser Zeit, in dem er klar und deutlich seine Stimme erhebt.

Böse Zungen würden sagen: Er hat Harvester Harvester sein lassen.

Hinweis: Sollte es – wider Erwarten – doch historische Dokumente geben, die meine Vorwürfe Lügen strafen, schreiben Sie es bitte in den Kommentar!

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