Nach Veröffentlichung meiner beiden Videos zum Wildverbiss und zur Borkenkäferbekämpfung am Meineckenberg im Nationalpark Harz hätte ich gerne ein offizielles Interview mit Nationalparkleiter Andreas Pusch geführt.
Wenn im Kampf gegen den Borkenkäfer wieder einmal mehrere Hektar Fichtenwälder im Nationalpark ((im Folgenden abgekürzt mit NLP)) Harz kahlgeschlagen werden, dann löst das kein großes „Schlagzeilengetöse“ ((Michael Meyen, Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand – Wie uns die Medien regieren, Frankfurt a. M. 2018, S. 8)) aus. Fernsehen und Tageszeitungen schweigen. Nachrichten über Kahlschläge im NLP Harz steigern nicht die Quote oder die Auflage. Auch die sozialen Netzwerke schweigen: Auf Facebook, Instagram und Twitter bringen Kahlschläge im NLP Harz keine „Klicks, Likes und Shares. ((a. a. O., S. 14))
„Was wir […] über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ ((Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 21986, S. 8; zit. n. Michael Meyen))
Wenn der Satz von Luhmann stimmt, wissen wir über die Kahlschläge im NLP Harz nichts.
Fast nichts. Denn manchmal gibt es Ausnahmen. Im Sommerloch erschien in meiner Tageszeitung, dem Mindener Tageblatt, ein großer ganzseitiger Artikel von Sabrina Gorges über die „aufwendige[n] Schlachten gegen den Käfer“ im NLP: Erst die Stürme, jetzt der Käfer. ((Der Artikel war von der Deutschen Presse Agentur und erschien wortgleich in mehreren Tageszeitungen. Beim Weser-Kurier kann der Artikel kostenlos gelesen werden.)) Der Artikel erschien am 22. August – genau einen Tag, nachdem ich im NLP ein ehemaliges Schlachtfeld besucht hatte. Zufälle gibt es.
Der Artikel war der Auslöser für einen langen Film: Im ersten Teil diskutiere ich die 5 Widersprüche, in die sich die NLP-Verwaltung bei der Borkenkäferbekämpfung verwickelt. Im zweiten Teil zeige ich eigene Filmaufnahmen vom Meineckenberg, wo vor 10 Jahren eine große Fläche kahlgeschlagen wurde. Am Schluss stelle ich neue wissenschaftliche Studien vor, die die Bekämpfung des Borkenkäfers in Nationalparks ablehnen.
Eine übersichtliche Gliederung der einzelnen Filmkapitel, die Links zu allen im Film besprochenen Quellen, weitere Hintergrundinformationen und einen Leserbrief von mir finden Sie hier: Kritik der Borkenkäferbekämpfung im Nationalpark Harz.
Jetzt habe ich den Meineckenberg erneut besucht und ich war erschüttert. Aus dem Kahlschlag ist eine Grassteppe geworden, auf der vereinzelt Birken wachsen. Alle gepflanzten Buchen sind von Hirschen verbissen und verkrüppelt. Ich habe ein 12-minütiges Video produziert, in dem ich auch selbst auftrete. Ich kommentiere das dort aufgestellte Informationsschild und zeige den Wildverbiss:
Nationalpark Harz. Da stand ich nun auf dem riesigen Kahlschlag und war fassungslos. Ich schreibe das nicht nur so dahin, sondern ich habe wirklich die Fassung verloren. Ich stand da inmitten der ganzen Zerstörung und habe Sätze gestammelt wie „Das gibt es doch gar nicht!“, „Das kann doch nicht wahr sein!“ oder einfach nur „Jesusfuckingchrist!“ Und in all dieser Verwüstung habe ich vor Wut laut geschrien.
Der Übersichtsartikel über meine vielen Artikel zu den Großkahlschlägen im Nationalpark Bayerischer Wald heißt Ultraviolence. Den Artikel habe ich nun erweitert mit einem mutigen Zitat von Prof. Dr. Jörg Müller (stellvertretender Leiter des Nationalparks und Leiter des Sachgebiets Naturschutz und Forschung.im Nationalpark Bayerischer Wald, Professor für Tierökologie und Tropenbiologie an der Universität Würzburg). Offen spricht er von einem „schlechteren Beispiel für Sanitärhiebe in einem Schutzgebiet“, von „ökologisch ungebildeten Entscheidungsträgern“ und von „negativen Folgen für den Artenreichtum von Totholzbewohnern“. Und sicherlich zum Ärger vieler Entscheidungsträger präsentiert er auch noch ohne Scheu das untere Foto:
Beste und schlechtere Praxis für Sanitärhiebe in einem Schutzgebiet (engl. best and worse practice for salvage logging in a protected area)
Hier geht es zum Update des Übersichtsartikel: Ultraviolence.