Der Kahlschlag am Wurmberg im Harz

Die Goslarsche Zeitung

Die in Braunlage am häufigsten gelesene Zeitung ist die Goslarsche Zeitung (GZ). Lokalredakteur Michael Eggers aus Braunlage bringt am 28. Juni 20191Im Artikel-Archiv der GZ können Sie alle Artikel im Original lesen. Online erscheinen die Artikel schon einen Tag früher. gleich drei Artikel zum Kahlschlag am Wurmberg:

  1. Kahlschlag am Wurmberg gegen Borkenkäfer-Ausbreitung
  2. Mit zwei Harvestern werden die befallenen Bäume gefällt
  3. Natur nicht sich selbst überlassen

zu 1: Kahlschlag am Wurmberg gegen Borkenkäfer-Ausbreitung

Nicht nur die Ausführlichkeit des Artikels ist bemerkenswert. Auch der Anlass der Veröffentlichung ist es. Denn es ist nicht der Harz-Kurier, der aktiv wird, es ist das Forstamt Lauterberg, das sich von sich aus an die Presse wendet. Und es sind gleich zwei wichtige Förster, die bei der Redaktion in Braunlage vorstellig werden: der Leiter des Forstamts höchstpersönlich, Stefan Fenner, und der Leiter des Reviers Braunlage, Harald Laubner. Ganz offen präsentieren sie die Zahlen; die Zeitung muss sie ihnen nicht mühsam aus der Nase ziehen:

„Das Forstamt Lauterberg will insgesamt 80 Hektar Wald an Braunlages Hausberg fällen, um den Borkenkäfer zu bekämpfen.“

Zum Vergleich: der benachbarte Nationalpark (NLP) Harz rückt Informationen über die Größe der Kahlschläge nie heraus. Laubner redet diese 80 ha auch gar nicht künstlich klein

„Für die neuen Skiabfahrten mussten vor ein paar Jahren sechs Hektar Wald weichen.“

Revierleiter Fenner sagt ohne jede Scheu Sätze, die man von Förstern nicht gewohnt ist:

„Es ist eine Katastrophe. […] Das ist für mich keine Forstwirtschaft mehr.“

Die Förster wollen die Ausbreitung des Borkenkäfers verhindern, indem sie konsequent die befallenen Fichten fällen. Der Leser erfährt erstaunliches:

„Er gilt als wahrscheinlich, dass der Schädling vom nahen Nationalpark gekommen ist. Der Wurmberg grenzt in vielen Bereichen an diese Naturschutzeinrichtung, in der der Käfer nur in den Randbereichen bekämpft wird. Nationalparkchef Andreas Pusch hatte aber erst am Montag betont, dass diese 500-Meter-Grenze2siehe dazu Waldentwicklung im NLP Harz ausreicht, um den Borkenkäfer von den Wäldern der Landesforst fernzuhalten.“

Fenner und Laubner widersprechen Pusch.

„Selbst den trockenen Sommer des vergangenen Jahres haben die Fichten gut überlebt, weil sie laut der Förster wegen des moorigen Untergrunds genug Feuchtigkeit hatten.“

Aber dann:

„Doch Anfang Juni plötzlich sind die Borkenkäferschwärme gekommen und haben auch die gesunden Bäume angefallen.“

Und diese Schärme kamen aus dem NLP. Pusch wird diesen Vorwurf nicht gerne hören. Für die Förster ist das Versagen des 500 m breiten Sicherheitsstreifens mehr als ärgerlich: Denn ihre Fichten hatten ja genug Wasser. Und am Wurmberg wachsen sie in großer Höhe und kommen dort durchaus natürlicherweise vor. Sie sind dort eben nicht künstlich angepflanzt. Fenner und Laubner schieben die Schuld nicht ihren Amtsvorgängern in die Schuhe:

„[Fenner] betont aber, dass die Fichte in dieser Höhe [..] an den Wurmberg gehöre […].“

Zwar stehen am Wurmberg insgesamt 450 ha Fichten. Trotzdem redet Fenner nicht um den heißen Brei herum:

„Da fallen 80 Hektar aber schon sichtbar auf.“

zu 2: Mit zwei Harvestern werden die befallenen Bäume gefällt

Fast möchte man meinen, Revierleiter Laubner entschuldige sich schon einmal. Denn:

„Bereits am morgigen Samstag sollen Bäume in der Nähe des Maritim-Berghotels gefällt werden. ‚Wir waren auch schon einmal am Wochenende direkt vor dem Landhaus Foresta‘, erklärt Förster Harald Laubner. ‚Um etwas zu schaffen, müssen wir bereits um 6 Uhr morgens mit den Arbeiten beginnen.‘ Laubner bittet Einheimische und Gäste um Verständnis.“

Das Maritim Berghotel Braunlage wirbt mit der „Idylle des Harzes“, „grüner Gebirgswelt“ und „ruhiger Lage“. Da passen Baumfällungen am Samstag ab 6 Uhr morgens nicht wirklich dazu. Und die Urlauber des Landhotel Villa Foresta hatten sich unter einem „erholsamen und abwechslungsreichen Urlaub in unserem seit über 40 Jahren geführten Familienbetrieb mit gemütlichen Flair und Ambiente“ vielleicht etwas anderes vorgestellt als Harvester direkt vor der Tür.

Aber Laubner hätte gar kein schlechtes Gewissen haben müssen. Von Protesten und Wutbürgern meldet die GZ nichts. Vielleicht zahlt sich die Ehrlichkeit des Revierleiters aus:

„Im Einsatz seien zwei Holzerntemaschinen vom Typ Harvester, drei Seilzüge, vier Seilschlepper und insgesamt 15 Mitarbeiter.“

Wiederum bin ich solche Offenheit gar nicht gewohnt: der NLP Harz mauert, wenn es um solche Zahlen geht.

zu 3: Natur nicht sich selbst überlassen

Die Überschrift ist eine Absage an das Konzept des NLP, dem direkten Nachbar des Reviers von Förster Laubner. Denn im NLP überlässt man die Natur sich selbst. Im Wirtschaftswald geht das nicht. Laubner erklärt auch, warum in seinem Revier das Motto des NLP „Natur Natur sein lassen“ nicht funktioniert:

„In diesem Fall würde sich der Borkenkäfer weiter rasend schnell verbreiten. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Borkenkäfer eines Baumes, der nicht bekämpft wird, 625 weitere Bäume befallen. Und das will das Forstamt nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen unbedingt verhindern.“

Mich verblüfft und beeindruckt wieder die Offenheit von Laubner:

„Der Holzpreis liegt derzeit so stark am Boden, dass die Stämme vom Wurmberg nur noch exportiert werden können, beispielsweise nach China. Um den Borkenkäfer zu bekämpfen, werden allein am Wurmberg jetzt 30.000 Kubikmeter Holz anfallen. ‚Das ist normalerweise das, was in drei Jahren im ganzen Revier zusammenkommt‘, sagt Fenner.“

Um solche Informationen vom NLP zu bekommen, müssen Sie einen schriftlichen Antrag stellen.

Ein wenig nervig an diesem Artikel ist, dass die Goslarsche Zeitung –  ähnlich wie viele Tageszeitungen in Deutschland – meint, dass der Leser so gar nichts über den Borkenkäfer weiß und immer wieder aufs neue die gleichen Fragen meint beantworten zu müssen:

  • „Kann sich der Borkenkäfer dann nicht auch weiter verbreiten, wenn der gefällte Stamm im Wald liegen bleibt?“
  • „Warum werden die Borkenkäfer nicht mit Chemikalien aus der Luft bekämpft, die ihn töten?“

Ein wenig fühlt man sich wie in der Schule. Die Schüler haben nichts behalten und der Lehrer wiederholt erst einmal den gesamten Stoff des Vorjahres. So wird im ersten Artikel3Kahlschlag am Wurmberg gegen Borkenkäfer-Ausbreitung der Lebenszyklus des Borkenkäfers wiederholt:

„Normalerweise gibt es zwei Generationen von Borkenkäfern. Wegen des trockenen Sommers im Vorjahr soll es bis zu vier, auf alle Fälle aber drei Generationen gegeben haben. Dies habe für eine rasend schnelle Anhebung des Borkenkäfer-Bestands gesorgt, der wiederum für viele tote und trockene Bäume gesorgt habe.“

Immerhin: Redakteur Eggers erspart seinen Lesern die in vielen Zeitungen üblichen Infokästen über die Fortpflanzung des Borkenkäfers, die alle Jahre wieder abgedruckt werden.

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