Besucherlenkung am Hirschgespreng – Wie man eine baumlose Grassteppe versteckt

Utopie – ein positiver Umgang der NPV mit der Borkenkäferbekämpfung am Hirschgespreng

Wenn jemand etwas radikal kritisiert, dann wird er häufig gefragt: „Was wollen Sie eigentlich? Wie sieht denn Ihr Programm aus? Wie würden Sie es denn machen?“ Nun, ich habe viele ganz konkrete Vorschläge, die ich im Folgenden skizziere. Sie wären gar nicht so schwer umzusetzen, denn Ähnliches macht der NP seit Jahrzehnten und er hat sehr viele Erfahrungen gesammelt.

Rundwege

Es gibt im NP eine geradezu unüberschaubare Vielzahl von Rundwegen: Rundweg Wolf, Rundweg Waldschnepfe, Rundweg Siebenschläfer usw. usf. etc. pp. Es nimmt einen wunder, dass es keine Rundwege durch Sanitärhiebe gibt. Von diesen gibt es ja auch eine geradezu unüberschaubare Vielzahl im Falkenstein-Rachel-Gebiet. Ich plädiere für die Einrichtung von mindestens fünf Rundwegen – nämlich in der Nähe der fünf großen Windwurfflächen, die nach dem Orkan Kyrill nicht aufgearbeitet worden sind:

  1. Lackenberg, 
  2. Sandl,
  3. March,
  4. Distelruck und
  5. Bärnloch.1siehe Unser Wilder Wald, Heft 21, S. 2

Aus diesen Flächen brach der Borkenkäfer in den Folgejahren aus – trotz eines 500 m breiten Beobachtungsrings. Deshalb wurden rund um die fünf Flächen viele 100 ha befallene Fichten geräumt. In fünf dieser abgeräumten Flächen sollen Rundwege angelegt werden. Das Hirschgespreng ist eine dieser Flächen und einer der Rundwege sollte dort geschaffen werden.

Zusätzlich sollten Rundwege in den fünf damals nicht aufgearbeiteten Windwurfflächen gebaut werden. Dies ist etwas anspruchsvoller wegen der mikadoartig kreuz und quer liegenden Totholzstämme und der aufgeklappten Wurzelteller, aber prinzipiell weiß die NPV, wie so etwas geht: Am Hochwiesriegel gab es früher einmal einen kleinen Windwurf-Erlebnisweg.

Auch ein Rundweg, der sowohl durch eine nicht geräumte als auch durch eine geräumte Fläche führt, wäre reizvoll: Besucher könnten dann mit eigenen Augen kurz hintereinander den Unterschied sehen.

Zusammengefasst halte ich die Einrichtung von zehn Rundwege für sinnvoll: fünf durch die damals nicht aufgearbeiteten Flächen und fünf durch die Sanitärhiebe in deren unmittelbarer Nachbarschaft.  

Informationsschilder

Die NPV hat im Park sehr viele Informationsschilder aufgestellt. 2026 fiel mir z. B. das folgende, offenbar ganz neue Informationsschild zur Borkenkäferbekämpfung auf, das gleich an mehreren Stellen2Im August 2026 stand es u. a. am Parkplatz Schillerstraße (Zwieseler Waldhaus) und auch am Parkplatz Schleicher (Lindberg). platziert worden war:

Es fordert sogar zur Mitarbeit auf, weil der Leser die vier Tafeln unten rechts erst einmal aufklappen muss, um sie zu lesen:

Offenbar fehlt es im NP nicht an guten Leuten, die gute Schilder machen können. Deshalb könnte man sicherlich auch welche anfertigen und an den oben beschriebenen Rundwegen aufstellen. Auf ihnen sollte erklärt werden, was dort passiert ist. Ähnliche Schilder hat es früher schon gegeben. Eines stand auf dem Weg vom Falkenstein-Schutzhaus zum Ruckowitzschachten:

Über den Inhalt des Schilds kann man sich streiten, und ich habe mich 2014, als ich es las, fürchterlich darüber aufgeregt.3siehe Desinformationschilder Aber immerhin: Es stand da und lieferte eine Erklärung für den Riesenkahlschlag am Ruckowitzberg. Es war nicht die ganze Geschichte, aber es war ein Anfang. 

Wenn man an den Rundwegen keine Schilder aufstellt, kann man unmöglich verstehen, was dort vor nunmehr fast 20 Jahren geschehen ist. Auch ein Fachmann könnte das nicht. Ein Förster könnte vielleicht Vermutungen anstellen, aber er kann nicht hellsehen. Für die wirkliche Vorgeschichte, wie sie bspw. in dem Sonderheft von „Unser wilder Wald“ beschrieben ist, benötigt der Besucher des NPs Informationen. Und die sollte ein Schild liefern. Ein Schild kann natürlich nicht die ganze Geschichte erzählen. Die passt auf kein Schild und man bleibt auch nicht stundenlang vor einem Schild im Wald stehen, um es vollständig zu lesen. Aber ein Schild kann die groben Züge der Geschichte skizzieren und es kann Hinweise geben, wo man sich weiter informieren kann.

Führungen

Der NP bietet sog. „Wildnispaziergänge mit dem Ranger“ an. Sie dauern zwei Stunden und sind kostenlos. So etwas würde ich mir auch für die oben genannten Rundwege wünschen. Da die Rundwege i. d. R. am östlichen Rand des NPs liegen und der Weg dorthin weit ist, wäre ein Bustransfer dorthin sinnvoll. Genügend nicht zurückgebaute Forstwege gibt es ja.

Vielleicht kommt jetzt der Einwand: „Da kommt doch niemand!“ Darauf würde ich antworten, dass man dafür natürlich auch geschickt Werbung machen müsste. Die NPV weiß sehr gut, wie man PR macht und sie hat geschultes Fachpersonal dafür. Es gibt gute Verbindungen zur Presse und zum Fernsehen. Eine geführte Wanderung durch das Hirschgespreng mit der NP-Chefin Frau Schuster würde es sicherlich ins Fernsehen und auf die Titelseite des Lokalteils der Passauer Neuen Presse schaffen. 

Ausstellungen

Im Hans-Eisenmann-Haus gab es 2014 eine Ausstellung zum Fichtensterben am Lusen in den 80er und 90er Jahren.4Ob es sie immer noch gibt, weiß ich nicht. Ich persönlich fand sie sehr gelungen und ich habe viel gelernt.

Der NP weiß also durchaus, wie man Ausstellungen organisiert. Sicherlich könnten die beiden Nationalparkzentren eine großartige Ausstellung zu Kyrill und seinen Folgen organisieren. Auch eine Ausstellung zu § 14 der Nationalpark-Verordnung wäre sinnvoll. Denn schließlich war es dieser Paragraf über den Hochlagenwald, der verantwortlich war für die Borkenkäferbekämpfung im Falkenstein-Rachel-Gebiet. 2022 wurde er abgeschafft.5siehe Nachdenken über Sinner – Teil 2 Die „Kaltklimafichtenrasse“, die man jahrzehntelang schützen wollte, gibt es laut Bayerischer Staatsregierung gar nicht. Nun, wo selbst die Staatsregierung feststellt, dass die Borkenkäferbekämpfung „naturunverträglich“ ist, sollte es möglich sein, Rückschau zu halten.

Die Nationalparkzentren hätten Zugriff auf die Archive der Zeitungen und auch auf die Archive des Bayerischen Rundfunks. Wer hat damals was warum gesagt? Und die Zentren könnten sicherlich auch Fotos organisieren: Die Windwürfe, ihre Aufarbeitung und die Sanitärhiebe in den Folgejahren sind damals vermutlich hunderte Male fotografiert worden.6siehe z. B. Abb. 4 (b) in Müller J, Noss RF, Thorn S, Bässler C, Leverkus AB, Lindenmayer D. Increasing disturbance demands new policies to conserve intact forest. Conserv Lett. 2018;e12449. https://doi.org/10.1111/conl.12449

Videodokumentationen

Zur Ausstellung im Hans-Eisenmann-Haus gehörten auch zwei Videodokumentationen:

Wenn mich damals Leute gesehen hätten, hätten sie mich vermutlich für sehr speziell gehalten: Ich stand vor den Bildschirmen und habe mitgeschrieben. Denn für mich war das alles neu. Was wusste ich denn darüber, wie die Anwohner des Parks das Fichtensterben erlebt hatten?

Deshalb halte ich auch Videodokumentationen mit Berichten von Anwohnern und Augenzeugen für sehr sinnvoll und hilfreich. Wie haben z. B. Waldarbeiter damals das Aufarbeiten der Windwürfe oder auch später die Sanitärhiebe erlebt? Am Hirschgespreng z. B. müssen doch Dutzende Forstwirte wochenlang beschäftigt gewesen sein. Und das immer wieder über mehrere Jahre. Was haben sie damals gedacht? Was denken sie heute?

Bücher

Es gibt über die riesigen „Borkenkäferkahlflächen“ (Karl-Friedrich Sinner) im Falkenstein-Rachel-Gebiet kein Buch. Es gibt Bücher zur Vorgeschichte des Parks in den 60er Jahren, Bücher über das Fichtensterben am Lusen und Rachel in den 80er und 90er Jahren und Bücher zum 50‑jährigen Jubiläum des Parks.7siehe dazu auch meine Buchkritik im nächsten Kapitel Aber es gibt kein einziges Buch über die Borkenkäferbekämpfung nach dem Orkan Kyrill 2007. Es wäre nicht schwer, ein solches Buch zu erstellen; ein Band zur oben beschriebenen Ausstellung würde die Lücke, die bislang klafft, schließen.

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