Einleitung
Urwald hinter ZaunIch habe den Urwald im Juli 2019 besucht. Einen Artikel aber habe ich damals nicht geschrieben. Dafür gab es fünf Gründe:
- Es gibt Tage, da weiß man sofort: Die Fotos werden super. Dieser Tag damals gehörte nicht dazu. Immer war dieser Zaun im Bild. Und die schönen alten Bäume standen immer weit hinten und junge Bäume versperrten die Sicht. Buchenstangenholz ist nicht fotogen.
- Rund um den Urwald standen viele Informationsschilder. Das fand ich toll! Ein Waldlehrpfad! Dass es das noch gab! Es war nett, dass Förster mir den Urwald erklärten. Dumm nur, dass sie es auf Tschechisch taten. An der Übersetzung der tschechischen Texte bin ich dann schier verzweifelt.
- Ich bin vom Urwald weiter zum Boubín. Ich dachte mir, vielleicht ist der Aussichtsturm dort so gebaut, dass ich hochgehen kann – trotz meiner Höhenangst. Ich konnte es nicht. Ich kam bis zur ersten Etage und musste – ganz vorsichtig und mit Herzrasen – umkehren. Andere Wanderer hatten überhaupt keine Probleme und lachten und scherzten. Nicht die allerbesten Voraussetzungen, um einen Artikel zu schreiben.
- Der Platz am Boubín-See ist ein denkbar idyllischer Ort. Er würde sich ideal dazu eignen, dort eine kleine Gaststätte zu eröffnen. Die Verwaltung tut es nicht. Nicht am Boubìn-See, nicht am Lackensee und selbstverständlich auch nicht am Rachelsee. Es ist vollkommen egal, ob es tschechische oder deutsche Verwaltungsbeamte sind. Auch deswegen: kein Artikel damals.
- Der Rundweg um den Urwald beginnt am Boubín-See. Und direkt an diesem See – ich war keine 50 m gegangen – hatte das Forstamt kürzlich einen Sanitärhieb durchgeführt. Mitten im sog. Nationalen Naturschutzgebiet. Direkt neben dem Urwald. Es sind solche Momente, in denen ich am liebsten „FU!“ rufen und umkehren möchte. Und in gewisser Weise bin ich umgekehrt: Den Artikel habe ich nicht geschrieben.
„natürliche Waldentwicklung“„Der Schutzring, der den Urwaldkern umschließt, ist heute ebenfalls eine eingriffsfreie Zone und ermöglicht eine natürliche Waldentwicklung. Der Unterschied zwischen dem historischen Urwald und diesem Gebiet verschwindet immer mehr.“1Michal Šíp, Urwald Boubin (Kubany): Das Nationalreservat und seine Geschichte, Oldenburg, Edition Sagitta 2006, S. 51
Zufällig habe ich jetzt erfahren, dass die staatliche Forstverwaltung im April 2022 den Rundweg um den Urwald, den ich 2019 noch gegangen bin, gesperrt hat. Das Verrückte ist: Es gibt nur diesen einen Weg, wenn man den Urwald sehen will. TINA. Einen anderen Weg gibt es nicht. Und ausgerechnet diesen einen Weg hat die Forstverwaltung gesperrt. Das macht die Fotos, die ich damals gemacht habe, wertvoll. Es sind Fotos von einem Urwald, den es nicht mehr gibt.
Übrigens: Der Aussichtsturm ist auch gesperrt.
Rundweg mit Spuren von Forstrückeschleppern
Hinweis 1
Die Überschrift könnte genauso lauten „Der Urwald am Kubany“ oder „Der Kubany-Urwald“. Denn Boubín ist der tschechische Name für den 1.362 m hohen Berg Kubany. Der tschechische Name für den Urwald ist Boubínský prales. Prales bedeutet Urwald auf tschechisch.
Hinweis 2
Der Urwald gehört nicht zum Nationalpark Böhmerwald (Národní park Šumava), sondern rd. 7 km nördlich von seiner Grenze.2Michal Šíp, Urwald Boubin (Kubany): Das Nationalreservat und seine Geschichte, Oldenburg, Edition Sagitta 2006, S. 9 Meine Einordnung dieses Artikels bei diesem Nationalpark ist also streng genommen falsch. Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass sowohl Urwald als auch Nationalpark zum Böhmerwald (Šumava) und zum gleichnamigen Biosphärenreservat gehören.
Hinweis 3
Der Boubin-Urwald gehört zu einem Nationalen Naturschutzgebiet (Národní přírodní rezervace), das 661 ha groß ist. Dieses wiederum gehört zum Landschaftsschutzgebiet Šumava (Chráněná krajinná oblast Šumava, abgek. CHKO Šumava). Landschaftsschutzgebiet und Nationalpark werden gemeinsam verwaltet und bilden zusammen das Biosphärenreservat Šumava.3siehe Karte auf der Homepage des Nationalparks
„eingriffsfreie Zone“