Geschichte löschen durch Bücher
Hinweis: Der folgende Text spiegelt die ganz persönlichen Leseerfahrungen des Autors wider. Es handelt sich also um eine individuelle Meinungsäußerung, keine literaturwissenschaftliche Untersuchung. Wenn Sie Textpassagen in den von mir besprochenen Büchern finden, die ich überlesen habe und meiner Auffassung widersprechen, schreiben Sie es bitte in den Kommentar!
Hans Bibelriether, Natur Natur sein lassen
Vermutlich war ich einer der ersten, der das Buch 2017 direkt nach seinem Erscheinen gekauft hat. Ich hatte lange darauf gewartet und mir sehr viel davon versprochen. Drei Jahre zuvor hatte ich zu Bibelriether Kontakt aufgenommen und er hatte mir ausführliche Materialien zur Verdopplung der Borkenkäferschutzzone 1997 geschickt und mich gebeten, darüber einen Artikel zu schreiben, was dann auch geschah: Die Verdopplung der Borkenkäferschutzzone 1997. Und noch ein zweiter Artikel entstand mit seiner Hilfe und auf seine Veranlassung: Fällen von Douglasien in der Naturzone am Scheuereckriegel. Als ich das Buch kaufte, ging ich davon aus, dass diese Themen natürlich auch im Buch vorkommen würden und selbstverständlich auch die Borkenkäferbekkämpfung nach Kyrill. Im Falkenstein-Rachel-Gebiet wurde von Sinner schließlich genau das Gegenteil von dem gemacht, was Bibelriether im Rachel-Lusen-Gebiet gemacht hatte und wofür er zu Recht berühmt geworden war.
Ich war vermutlich nicht nur einer der ersten, der das Buch kaufte. Ich war auch einer der ersten, der das Buch wieder verkaufte. Ich war bitter enttäuscht. Ich hätte den Untertitel des Buches ernst nehmen sollen: „Die Entstehung des ersten Nationalparks Deutschlands“. Bibelriether ging es nur um die Entstehung des Parks. Er schrieb nicht über die Fehlentwicklungen nach dessen Erweiterung. Und auch bei dieser konzentrierte er sich nur auf die Vorgeschichte.
Ansonsten präsentiert Bibelriether dem Leser eine einzige Erfolgsgeschichte. Er schreibt ausschließlich über die Schokoladenseiten des Parks. Wenn es Probleme gab, dann wurden diese schnell behoben. Und das hat er gemacht und das und das. Verein, Zeitschrift, Netzwerk, Informationszentrum, Nationalparkwacht, Umweltbildung, Rothirsch, Borkenkäfer – er immer vorneweg und mittendrin. Und natürlich der Windwurf von 1983. Eine Geschichte, die zu einem Mythos geworden ist und alle Befürworter des Parks auswendig daherbeten können. Auch ich habe 2014 eine Heldengeschichte dazu geschrieben: Das Fichtensterben am Lusen. Psychologen würden dem Buch Narzissmus vorwerfen. Nicht der Park oder die Natur stehen im Mittelpunkt, sondern er. Die Selbstbespiegelung eines alten Mannes. Das ist peinlich. Zum Fremdschämen.
Das Buch blendet die gesamte Geschichte seit 1997 aus. Kyrill kommt nicht vor. Quadratkilometergroße Sanitärhiebe kommen nicht vor. § 14 zum Schutz des Hochlagenwaldes in der Nationalpark-Verordnung von 1997 kommt nicht vor. Man könnte einwenden: „Logisch. Das interessiert ihn nicht. Da war er nicht mehr Leiter.“ Es bleibt ein Desaster, weil es zur Geschichtsklitterung der NPV beiträgt. „Natur Natur sein lassen“ ist ein Slogan geworden, der nichts mehr bedeutet. Sinner kann sich 1998 hinstellen und allen Ernstes behaupten, dass Borkenkäferbekämpfung der „sicherste Schutz des ‚Natur Natur sein lassen‘ in der Naturzone des Nationalparks“ ist.1siehe Zeitschrift „natur“: Hammer des Monats
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