Presse zum Kahlschlag am Wüstegarten

„Normalerweise ist ein solcher Kahlschlag in der Tat tabu.“
Karl-Gerhard Nassauer

 

„Natur soll das Sagen haben“ – Zeitungsartikel in der HNA vom 25. November 2015

Am 25. November 2015 schreibt die Journalistin Claudia Brandau für den Jesberger Lokalteil der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen einen bemerkenswerten Zeitungsartikel:

Natur soll das Sagen haben
Fichtenbestand am Wüstegarten wurde abgeholzt – es soll neue Landschaft entstehen

Das Thema
Am Wüstegarten in Jesberg wurde auf einer Fläche von fünf Hektar ein Fichtenbestand abgeholzt. Experten sehen den Kahlschlag als nötig, damit sich dort oben eine neue Landschaft entwickeln kann.

VON CLAUDIA BRANDAU

JESBERG. Als Lothar Klitsch jetzt eine Wanderung auf den Wüstegarten unternahm, traf ihn fast der Schlag: Auf der höchsten Erhebung im Kellerwald war der gesamte Fichtenbestand radikal abgeholzt worden.

DER VORWURF
Auf einer Fläche von fünf Hektar stehe kein Baum mehr, berichtet Klitsch, der Wanderführer und Vorsitzender des Vereins für Heimat und Kulturgeschichte im Schwalm-Eder-Kreis ist. Klitsch macht HessenForst Vorwürfe: Ein solcher Kahlschlag sei forstwirtschaftlich gesehen unsinnig und ein gutes Beispiel dafür, wie Steuergeld sinnlos verprasst werde. Nicht einmal ein Sturm wie Kyrill könne einen Schaden anrichten wie man ihn dort sehen könne. Hätte man die Menschen vorher informiert, wäre ein Aufschrei der Entrüstung durchs Land gegangen, ist sich Klitsch sicher.

DAS SAGT HESSEN-FORST
Normalerweise sei ein solcher Kahlschlag in der Tat tabu, sagt Karl-Gerhard Nassauer, Leiter des Forstamts Jesberg. Doch bei der Abholzung des Fichtenbestandes auf dem Wüstegarten handele es sich um eine außergewöhnliche Maßnahme.

Falscher Standort
Denn auch wenn der Wanderer auf den ersten Blick nur ein zerstörtes Waldgebiet sehe, stehe doch ein durchdachtes und von allen Behörden genehmigtes Konzept hinter der Aktion. Die Fichten hätten fallen müssen, weil sie andere Arten bedrängten, begrenzten und beschatteten: Der Standort sei schlicht falsch, da zu trocken, karg und steinig. „An all das hat vor 40 Jahren kein Mensch gedacht, als die Bäume dort oben gepflanzt wurden“, sagt Nassauer. Jetzt habe man die Bäume gefällt und damit einen einen Prozess initiiert: „Wir machen jetzt das, was man schon vor 40 Jahren hätte machen sollen: Wir überlassen die Fläche jetzt der Natur“, sagt Karl-Gerhard Nassauer.

Und auch wenn der alte Bestand dafür komplett fallen musste: „Die Wertigkeit des Gebietes steigt. Man muss jetzt nur ein bisschen Geduld aufbringen, dann kann man sehen, wie die eigentliche, natürliche Landschaft neu heranwächst.“

DAS SAGT DER EXPERTE
Und diese Landschaft werde eine ganz besondere sein, ist sich Achim Frede vom Nationalpark Kellerwald-Edersee sicher: Sie biete Quarzit-Felsen, wie sie man sonst nur im Harz oder Hunsrück finde, seltene Moose und schon bald nordische Ansichten. Natürlich sehe der Kahlschlag zurzeit schlimm aus, aber jetzt sei Geduld gefragt: „Wir müssen warten, bis die Natur ihre Wunden geschlossen hat: In zehn bis 20 Jahren werden wir vor einer großartigen Landschaft stehen. “ Schon jetzt wüchsen neue Gräser, Farne, Moose heran.

Von allen Behörden abgesegnet
Das Projekt sei von allen Seiten und Stellen abgesegnet worden und das nicht ohne Grund, denn es soll sowohl für die Natur als auch für den Tourismus viele positive Folgen haben. So viele, dass das neue Naturgefüge als ein besonderes betrachtet wird: Am Wüstegarten entstehe durch den Kahlschlag ein solch wichtiges und wertiges Kleinod, dass es als „gesamtstaatlich repräsentatives Naturschutzgroßprojekt“ betrachtet und gefördert wird, berichtet Frede.

Anmerkungen

Der Artikel fand sich im März 2017 noch im Internet: Natur soll das Sagen haben. Das Original können Sie hier als PDF-Datei herunterladen: Natur soll das Sagen haben. Nur in diesem Original finden Sie vier Fotos: Neben kleinen Porträtfotos von Karl-Gerhard Nassauer und Achim Frede gibt es ein Foto des Kahlschlags, auf dem noch Reste von frisch gefällten Fichten herumliegen. Diese wurden später vollkommen entfernt. Das Foto ist folgendermaßen beschriftet:

„So sieht es zurzeit am Wüstegarten aus: Dort wurden fast fünf Hektar Fichten gefällt, die dort vor 40 Jahren angepflanzt worden waren. Auf dieser Fläche soll nun die Natur das Sagen übernehmen, es sollen dort neue Landschaften entstehen.“

Es wurde bezeichnenderweise nicht von einem Fotografen der Zeitung gemacht, sondern vom Nationalpark Kellerwald-Edersee. Ein viertes Foto zeigt einen Birkenwald und rechts im Hintergrund mehrere große Felsblöcke. Der Untertitel lautet:

„So soll es einmal aussehen: Wo bislang dicht gedrängt Bäume standen, soll eine nordische, lichte Landschaft entstehen, wie sie ohne Eingreifen des Menschen dort typisch wäre.“

Der Untertitel ist falsch: Die auf dem Foto gezeigte „nordische, lichte Landschaft“ entstand gerade nicht „ohne Eingreifen des Menschen“. Das Foto zeigt die bei Einheimischen als „Mausefalle“ bekannte Felsformation. Der Birkenwald dort entstand durch gezielten Eingriff des Menschen; auf dem Schnee wurden Birkensamen verstreut.1

Kommentar

Der Zeitungsartikel von Claudia Brandau ist insofern bemerkenswert, als sie nicht nur zwei Befürworter des Kahlschlags zu Worte kommen läßt sondern auch einen der Gegner. Viele Zeitungsartikel zur Forstwirtschaft sind leider häufig nichts anderes als Pressemitteilungen des Forstamts mit endlosen Monologen von Förstern. Kritiker kommen erst gar nicht zu Wort.

Aber auch in Brandaus Artikel sind die Gewichte ungleich verteilt: Im originalen Zeitungsartikel bekommt der Kritiker Klitsch 29 Zeilen Platz, die Befürworter Nassauer und Frede hingegen bekommen 89 Zeilen. Nicht nur haben die Befürworter dreimal soviel Platz – ihnen werden auch sympathische Porträtfotos eingeräumt, auf denen sie den Leser freundlich anlächeln.

Außerdem unterschlägt Brandau eine wichtige Information über Achim Frede, den sie als Experte „vom Nationalpark Kellerwald-Edersee“ vorstellt. Das ist zwar korrekt: Frede leitet dort das Sachgebiet 3 „Forschung, Naturschutz und Planung“. Aber Frede ist zusätzlich auch Teil des Projektteams des Naturschutzgroßprojekts; er ist einer der beiden Projektleiter. Frede ist also keineswegs unabhängig.

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  1. siehe Markus Schönmüller, W. Wiggert, Grunddatenerfassung zu Monitoring und Management des FFH-Gebiets „Hoher Keller“ Gebietsnummer 4920-304, Bad Wildungen Hundsdorf 2006, S. 11 []