Besucherlenkung am Hirschgespreng – Wie man eine baumlose Grassteppe versteckt

Geschichte löschen durch Bücher – Fortsetzung

Marco Heurich, Christoph Mauch (Hg.), Urwald der Bayern

Die beiden Herausgeber haben für den Sammelband nicht weniger als 19 weitere Autoren versammelt. Von den also insgesamt 21 Autoren haben 7 einen Professoren- und 16 einen Doktortitel. 2 Autoren tragen sogar 2 Doktortitel und zusätzlich noch einen Professorentitel. Die geballte Menge an wissenschaftlicher Kompetenz ist beeindruckend und sie soll beeindrucken.

Ich habe die – inklusive Vorwort und Einleitung – insgesamt 18 Aufsätze akribisch durchforscht: Der Orkan Kyrill 2007, das Aufarbeiten der Windwürfe, Minister Werner Schnappauf, MdL Helmut Brunner, Heinz Wölfl (Vorsitzender des Kommunalen-Nationalparkausschusses), die quadratkilometerweite Borkenkäferbekämpfung im Umfeld der Windwürfe – das alles fehlt auf den 305 Seiten.

Kyrill

Der Orkan kommt in dem Band zweimal vor: Einmal erwähnt ihn Pavla Šimková in seinem Aufsatz „Grenzüberschreitender Naturschutz im Bayerischen Wald und Šumava“:

„Nur zehn Tage nach dessen Amtsantritt verwüstete Orkan Kyrill die Wälder des Bayerischen Waldes und Šumavas, wobei die Schäden in den Fichtenwäldern auf tschechischer Seite dreimal so groß waren wie in Bayern. Ähnlich wie auf bayerischer Seite im Jahr 1983 – der »Stunde Null« des Prozessschutzes im Bayerischen Wald – entschied sich die Leitung des Nationalparks Šumava, unterstützt vom neuen Umweltminister, den Windwurf in der Kernzone des Parks liegen zu lassen. Die Bayern taten das gleiche1Rechtschreibfehler im Original, Hervorhebungen von mir […]“

Sie taten nicht das Gleiche, wovon sich jeder Besucher am Hirschgespreng überzeugen kann. Man kann es auch nachlesen in der Sonderausgabe von Unser Wilder Wald zum Orkan Kyrill.

Ein zweites Mal kommt der Orkan bei Hubert Job vor. In seinem Aufsatz „Attraktivität und Akzeptanz des Nationalparks Bayerischer Wald“ unterteilt er „in wenigen Schlagworten“ die Geschichte des Parks in 6 Phasen – die 5. Phase beschreibt er so:

„1997 bis 2007
Etablierungsphase: Orkan »Kyrill« führt zu großflächigen Kahlschlägen und Borkenkäferausbreitung auch im Falkenstein-Rachel-­Gebiet; […]“

Die zeitliche Einordnung ist falsch. Die meisten großflächigen Kahlschläge fanden nach 2007 statt, werden dann aber in seiner Chronologie nicht mehr erwähnt. Alle Details – z. B. wo genau diese Kahlschläge erfolgten, wie groß diese waren, die verantwortlichen Personen u.v.a.m. – fehlen.

Sanitärhiebe

Der forstwissenschaftliche Fachbegriff für Kahlschläge zur Borkenkäferbekämpfung (engl. salvage logging) kommt im Buch nicht einmal vor. Auch die beiden Autoren, die Forstwissenschaftler sind – Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Ammer und Dr. Hans Bibelriether – nutzen ihn nicht.

Kahlschlag

Das Wort kommt dreimal vor – einmal in der oben schon erwähnten Chronologie von Job.

Dann benutzt es Pavla Šimková zweimal in seinem ebenfalls oben schon erwähnten Aufsatz: 

„Allerdings musste der Naturschutz in diesem riesigen Gebiet nicht nur mit wirtschaftlichen Nutzungen der Landschaft ringen, sondern auch mit dem Vorgehen des Militärs, das auf einem großen Bereich des Schutzgebietes für seine Zwecke Kahlschlag betrieb und Bodenverbesserungen durchführte.“

„Während einer Borkenkäfermassenvermehrung im Jahr 1995 ließ die Verwaltung des Nationalparks Šumava die befallenen Bäume nicht stehen, sondern setzte vielerorts auf Kahlschlag und aktive Borkenkäferbekämpfung, sehr zum Leidwesen der deutschen Seite, die eine natürliche Erneuerung des Waldes bevorzugte.“

Das zweite Zitat ist nicht falsch. 1995 gab es noch nicht den Erweiterungsteil des NPs zwischen Falkenstein und Rachel, sondern nur den alten Park zwischen Rachel und Lusen. Und noch war Bibelriether Chef und nicht Sinner. Insofern müsste vor das „sehr zum Leidwesen der deutschen Seite“ ein „damals noch“. Ab 1997 würde sich das ändern und Sinner würde sich gebetsmühlenhaft auf § 14 der Nationalpark-Verordnung berufen und aktiv den Borkenkäfer bekämpfen.

Totholzflächen

Laut offiziellen Zahlen der NPV entstanden von 1988 bis 2023 im gesamten NP rd. 11.000 ha Totholzflächen. Davon wurden rd. 8.500 ha belassen und rd. 2.500 ha geräumt.2siehe Totholzflächen im Nationalpark Bayerischer Wald 2.500 ha entsprechen 25 km2. Im Falkenstein-Rachel-Gebiet wurden rd. 15 km2 geräumt – nahezu alle Flächen nach Kyrill 2007.

Der Fachbegriff „Totholzflächen“ kommt im Buch zehnmal vor – so z. B. wieder bei Job:

„1997-2007 […] deutliche Naturverjüngung der Totholzflächen im Rachel-Lusen-­Gebiet“

Oder in der Einleitung der beiden Herausgeber:

„Der Wald hat sich verjüngt wie nie zuvor, und durch die geringere Verdunstung in Totholzflächen liegt der Wasserspiegel in Trockenjahren heute beträchtlich höher als in Vergleichsgebieten, in denen der Wald noch »intakt« war.“ 

Niemals aber wird berichtet, dass diese auch geräumt werden. Und fast erwartungsgemäß fehlen auch alle Zahlen. Dies ist umso bemerkenswerter, als Mitherausgeber Marco Heurich ebenfalls Mitherausgeber der Berichte zur natürlichen Walddynamik im Nationalpark ist und die Zahlen regelmäßig für einen – offenbar sehr – kleinen Kreis von Interessierten veröffentlicht.

Schnappauf, Brunner, Wölfl

Alle drei Personen, die haupt- oder mitverantwortlich waren für die Sanitärhiebe im Erweiterungsgebiet, werden im Buch nicht erwähnt.

§ 14 Nationalparkverordnung

Dieser Paragraf war die „Ermächtigungsgrundlage“ für die Borkenkäferbekämpfung im Erweiterungsgebiet.3siehe 10.7.1997 – Bayerischer Landtag verabschiedet Nationalpark-Verordnung Er kommt im Buch nicht vor.

Käferkämpfe

Man hätte hoffen können, dass wenigstens in einem der 18 Aufsätze die Borkenkäfermaßnahmen nach Kyrill thematisiert werden: „Käferkämpfe
Borkenkäfer und Landschaftskonflikte im Nationalpark Bayerischer Wald“ von
Martin Müller und Nadja Imhof. Aber auch hier wird man enttäuscht. Es geht um „Echte Natur: eine neue Wildnis“ oder um „Die Borkenkäferbedrohung und die Zerstörung der Heimat“, aber nicht um Kyrill. Wenn über „Veränderte Strategien des Borkenkäfermanagements im Nationalpark Bayerischer Wald“ geschrieben wird, dann lesen wir:

„Während der Borkenkäfer noch durch regelmäßige Kontrolle der Bestände und sofortige Entfernung der befallenen Bäume in der Managementzone kontrolliert wird, wurde »Natur Natur sein lassen« zum Motto für die Naturzone.“

Dass es auch noch eine Entwicklungszone gibt, erfährt man mehr zwischen den Zeilen:

„das Falkenstein-Rachel-Gebiet wird als Erweiterungsgebiet bis 2027 sukzessiv in Naturzone umgewidmet“

Was in den Zonen geschieht, die nicht Naturzone sind, wird nicht gesagt.

Emotionale Betroffenheit

Das Buch erschien 2020. Nach dem Trockenjahr 2018 nahmen die Totholzflächen im Falkenstein-Rachel-Gebiet dramatisch zu und mittlerweile sind dort praktisch alle alten Fichten abgestorben.4siehe Mangold, M., Olszewski, T., Heurich, M. (2025). Bericht zur natürlichen Waldentwicklung im Nationalpark Bayerischer Wald 2014 bis 2023. Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald, Grafenau Man kann dem Buch natürlich nicht vorwerfen, das nicht vorhergesehen zu haben. Das ändert nichts daran, dass viele Aussagen des Buches bereits wenige Jahre nach seinem Erscheinen in einem anderen Licht erscheinen. Über das Fichtensterben in den 80er und 90er Jahre behaupten Müller und Imhof:

„Die aus der emotionalen Betroffenheit der Bewohner resultierende soziale Unzufriendheit resultierte schließlich in einem politischen Widerstand, der auf Eindämmung der Borkenkäferepidemie drängte.“

War das wirklich so? Die Fichten rund um den Falkenstein sind heute alle tot. Vom Panoramafenster der Falkenstein-Schutzhütte blickt man auf tote Fichten. 

Blick aus dem Panoramafenster im August 2026

Heute ist komischerweise niemand emotional betroffen und tote Fichten führen auch nicht zu sozialer Unzufriedenheit. Auf Eindämmung der Borkenkäferepidemie drängt heute nur die Lobby der Privatwaldbesitzer und auch das nur in der Managementzone. Die früher angeblich so schützenswerte Kaltklimafichtenrasse wurde 2022 sogar regierungsamtlich abgeschafft.5siehe Nachdenken über Sinner – Teil 2 Was stimmt eigentlich an den Erzählungen über die 80er und 90er Jahre?

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