6 Unterschiede zwischen Urwald und Wirtschaftswald

Habitatbäume

Lachat und Müller beginnen ihr Kapitel über Habitatbäume, indem sie den Fachbegriff des Baummikrohabitats (engl. tree-related microhabitat, TreM) definieren:

“Ein TreM ist definiert als eine deutliche und gut abgegrenzte Struktur, die an lebenden oder stehenden toten Bäumen auftritt. Sie bietet einen besonderen und wesentlichen Lebensort für Arten oder Gemeinschaften für zumindest einen Teil ihres Lebenszyklus’. An diesem Ort entwickeln, ernähren oder schützen sie sich oder sie pflanzen sich dort fort.”

Einen sehr guten Überblick über TreMs bietet der Aufsatz von Lachat Erkennung von Habitatbäumen im Wald: neue Ansätze für die Beurteilung von Baummikrohabitaten vom Januar 2018. Lachat stellt 47 Typen von TreMs mit Zeichnungen vor:

Lachat und Müller stellen beinahe resignierend fest:

“Weil diese Strukturen [= die TreMs] in Wirtschaftswäldern meistens verschwunden sind, sind viele der Arten, die auf TreMs angewiesen sind, selten geworden und bedroht und sie erfordern einen besonderen Schutzaufwand für ihr Überleben. Das Fehlen von TreMs ist besonders kritisch für hochspezialisierte Totholzinsekten, die keine alternativen Habitate in der Nachbarschaft finden, wenn sie sie brauchen.”1

Höhenbäume gehören zu den am besten untersuchten TreMs.2 Sie werden von Spechten erzeugt, die deshalb zu den Ökosystem-Ingenieuren (engl. ecosystem engineer) zählen.3 Höhlenbäume zählen zu den Schlüsselstrukturen, weil sie den ganzen Bereich von Zersetzungsgraden des Totholzes abdecken:

“Habitatbäume mit Höhlen bieten sehr wertvolle, langlebige und komplexe Mikrohabitate für Totholzinsekten; mit Mulm (feucht, trocken), Pilzen, Hartholz und Splintholz und verschiedenen Zersetzungsgraden.”4

Höhlenbäume sind wichtige Schlüsselstrukturen; aber sofort gießen die Autoren wieder Wasser in den Wein: Denn nur in Urwäldern wie z. B. im Iran sind diese Schlüsselstrukturen “verbreitet” (engl. common) und dort hat jede dritte reife Orient-Buche (Fagus orientalis) eine Höhle. Aber in Wirtschaftswäldern sind sie “selten” (engl. rare). Je älter ein Baum, desto mehr TreMs hat er:

“Je älter oder größer ein Baum ist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er TreMs beherbergt. […] [Ö]kologisch wertvollere TreMs wie z. B. große Mulmhöhlen, die sich [nur] langsam entwickeln, werden häufiger vorkommen in überreifen und alten Waldentwicklungsphasen, die von sehr alten Bäumen dominiert werden.”5

Wirtschaftswäldern fehlen die alten Bäume mit ihren TreMs, denn:

“Das Fällen verhindert, dass Bäume einen natürlichen Tod sterben und alt werden.”6

Lachat und Müller schlagen vor, einzelne Habitatbäume mit Anzeichen für TreMs nicht zu fällen und stehen zu lassen. Dies würde den negativen Effekt des Holzfällens “mildern” (engl. mitigate). Die wissenschaftliche Basis für diese Hoffnung ist sehr dürftig: Die Autoren führen nur eine einzige Quelle als Beleg an und diese hat einen sehr sonderbaren Titel: Whitford KR, Williams MR (2001) Survival of jarrah (Eucalyptus marginata Sm.) and marri (Corymbia calophylla Lindl.) habitat trees retained after logging. For Ecol Manag 146:181–197.

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  1. S. 595, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  2. Im Buchenurwald von Uholka-Schyrokyj Luh gibt es 150,1 ± 7,6 TreMs/ha; siehe B.; Brändli, U.-B.; Hamor, F.; Lavnyy, V. (eds), 2013: Inventory of the largest primeval beech forest in Europe. A Swiss-Ukrainian scientific adventure. Birmensdorf, Swiss Federal Research Institute WSL; L’viv, Ukrainian National Forestry University; Rakhiv, Carpathian Biosphere Reserve, Tab. 6.9, S. 54 []
  3. Ein Beispiel für einen anderen wichtigen Ökosystem-Ingenieur ist der Borkenkäfer: The European spruce bark beetle Ips typographus in a national park: from pest to keystone species. []
  4. Abb. 17.4, S. 596 []
  5. S. 596 []
  6. ebd. []