6 Unterschiede zwischen Urwald und Wirtschaftswald

Zusammenhang des Lebensraums

Lachat und Müller sprechen im Originalbeitrag von “Absence of Habitat Fragmentation”1. Der ökologische Fachbegriff Habitat ist etwas umfassender als Lebensraum, denn er umfasst die Gesamtheit der abiotischen und biotischen Faktoren, die ein Lebewesen benötigt. Spricht man also beispielsweise vom Habitat des Eremiten (Osmoderma eremita), meint man damit nicht nur eine große Baumhöhle, sondern diese muss auch ganz bestimmt abiotische (Temperatur, Feuchtigkeit) und biotische Faktoren (holzzersetzende Pilze) aufweisen. Unter “Fragmentierung des Habitats” verstehen Lachat und Müller folgendes:

“Gemäß der Vereinbarung zur Biodiversität versteht man unter Waldfragmentierung jeden Prozess, der die Umwandlung eines früher zusammenhängenden Waldes in einzelne Waldstücke bewirkt, die durch nicht bewaldetes Land getrennt werden.”2

Sie verweisen auf eine Abbildung von Jörg Müller,3 die ich schematisch abgezeichnet habe:

Abbildung 1: Zerstückelung eines Habitats und Rodung des Urwalds führen normalerweise zu einem Verlust von Habitaten

“Die Zerstückelung des Habitats hat zwei Folgen: die Verminderung der Größe des Waldhabitats und die Einschränkung der Verbindung [der Habitatfragmente].”4

Die Verminderung der Größe des Waldes und die Einschränkung der Verbindung zwischen den einzelnen Waldstücken zeigt jedes Satellitenbild von Google Maps – hier eines meiner Heimatstadt Porta Westfalica.

Abbildung 2: Fragmentierung der Waldgebiete rund um Porta Westfalica in NRW

Die Zerstückelung und Isolation der einzelnen Waldfragmente voneinander gilt aber nicht nur für den Wald im allgemeinen. Sie gilt noch vielmehr für die Waldschutzgebiete:

Abbildung 3: Fragmentierung der Waldschutzgebiete am Beispiel von Porta Westfalica (Quelle: Wildnis in NRW, rote Beschriftung von F.-J. A.)

Zwischen dem Wildnisgebiet “Wälder bei Porta Westfalica” (38 ha) westlich und der Naturwaldzelle “Nammer Berg” (15 ha) östlich von Porta Westfalica liegen 4,5 km.5

In diesem Zusammenhang betonen Lachat und Müller, dass man Totholzinsekten, die häufig vorkommen, und solche, die bedroht sind, nicht in einen Topf werfen darf:

“Nicht alle Totholzinsekten reagieren in gleicher Weise auf die Zerstückelung des Waldes, unabhängig davon, ob die Folge ein Verlust an Fläche des Habitats ist oder ein Verlust der Verbindung [zwischen den einzelnen Fragmenten]. […] Häufige Totholzkäferarten sind nicht betroffen von der Fragmentierung in einer Landschaft, die von Wald dominiert wird. Aber es ist wichtig zu erkennen, dass möglicherweise die Totholzarten, die häufig in einer veränderten Landschaft vorkommen, diejenigen sind, die am besten mit solchen Landschaften umgehen können, und möglicherweise sind sie nur eine Teilmenge von Käfern, die häufig in Urwäldern vorkommen.”6

Totholzkäfer, die auf der Roten-Liste stehen, haben eine geringere Fähigkeit, Lücken zwischen fragmentieren Habitaten zu überqueren. Diese Arten reagieren also empfindlicher auf Habitatfragmentierung. Deshalb betonen Lachat und Müller:

“Die Folgen der Fragmentierung für Totholzinsekten mit unterschiedlichen ökologischen Merkmalen wie z. B. Mobilität, Körpergröße und Ansprüche an das Habitat sind deshalb unterschiedlich, und es können keine allgemeinen Schlussfolgerungen gezogen werden. Außerdem ist es möglich, dass die Ausrottung von sehr empfindlichen Arten in der Vergangenheit wegen der Fragmentierung und des Verlusts von Habitaten solche Gemeinschaften von Arten selektiert haben, die weniger empfindlich auf Veränderungen ihres Habitats reagieren verglichen mit den ursprünglichen Gemeinschaften von Arten.”7

Kurz gesagt: Die heute in den Wirtschaftswäldern lebenden Totholzkäferarten sind die wenigen Glücklichen, die überlebt haben.

Am Ende ihres Kapitels über Habitatfragmentierung kommen Lachat und Müller auf die notwendige Mindestgröße von Waldschutzgebieten zu sprechen:

“Der Haupteffekt der Fragmentierung für Totholzinsekten in Urwäldern ist möglicherweise mehr indirekt. Fragmentierung beeinflusst die Walddynamik, die wiederum einen Einfluss hat auf die Menge und die Qualität von Totholz. Natürliche Störungen […] wie z. B. […] Windwürfe werden beeinflusst durch die Größe, die Form und die Position der umgebenden Landschaft. […] [N]ur Flächen von mehreren tausend Hektar können alle Waldentwicklungsphasen beherbergen, und dazu gehört auch die Unterschiedlichkeit von natürlichen Störungen und die damit verbundene Fauna und Flora.”8

Naturwaldreservate und Wildnisgebiete erfüllen diese Mindestbedingung nicht. Und selbst einige Nationalparks sind erschreckend klein: so z. B. der Nationalpark Jasmund mit nur 3.070 ha oder der Nationalpark Kellerwald-Edersee mit nur 5.738 ha. Und der Nationalpark Schwarzwald ist zersplittert in ein nördliches und ein südliches Fragment. Auch die Form einiger Nationalparks wie z. B. die des Nationalparks Hunsrück-Hochwald weckt Zweifel an der Eignung: der östliche Teil ist zu lang und zu schmal.

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  1. S. 585 []
  2. ebd. []
  3. S.588 []
  4. S. 585 []
  5. gemessen vom östlichen Rand des Wildnisgebiets und dem westlichen Rand der Naturwaldzelle []
  6. S. 588, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  7. ebd., Hervorhebungen von F.-J. A. []
  8. S. 589, Hervorhebungen von F.-J. A. []