Naturwald Lange Wande im Wesergebirge

Exkurs: Über die Felsen im Wesergebirge

Hinweis: Die Fotos wurden am Samstag, den 11.4.2026, mit einer 20 Jahre alten Panasonic Lumix DMC-FZ30 am Hohenstein gemacht.

Einleitung

Felsen sind wichtig. Ohne Felsen geht gar nichts.

Vielleicht werden Sie jetzt denken: Jetzt dreht er völlig durch! Jetzt ist er endgültig verrückt geworden!  Aber … Felsen sind wirklich wichtig! Wirklich! Ich meine das ernst: Ohne Felsen gäbe es die ganzen Naturwälder, Naturschutz-, Vogelschutz- und FFH-Gebiete im Wesergebirge nicht. Und die vielen Touristen auch nicht. Vermutlich.

Felsen und Naturschutz

Vielleicht ist das gar nicht so verrückt, wie es sich anhört. Man schaue sich die Geschichte an. Alles begann 1930 mit der Ausweisung des Naturschutzgebiets Hohenstein. Das ist fast 100 Jahre her. Der Hohenstein war erst das fünfte ausgewiesene Naturschutzgebiet Niedersachsens und gehört damit zu seinen ältesten Naturschutzgebieten.

„Das Gebiet besteht aus einem Teilbereich des Süntel mit herausragenden Felsformationen, zusammenhängenden, überwiegend naturnahen Wäldern, wertvollen Waldbächen, Quellen und Grünlandflächen. […] Der Hohenstein ist ein zum Teil niedersachsenweit einzigartiger Lebensraum zahlreicher wärmeliebender Pflanzenarten sowie Lebensraum von Tierarten der Felsspalten und Felsklüfte.“1NLWKN, NSG Hohenstein, Hervorhebungen von mir

Zuständig für Naturschutzgebiete ist der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Und er nennt in seiner Beschreibung die Felsen als Erstes. Es sind die Felsen, die an erster Stelle stehen – noch vor den Wäldern, Waldbächen etc.. Selbstverständlich ist das nicht. Aber die Felsspalten und Felsklüfte sind eben ein „einzigartiger Lebensraum“.

Felsen, Felsspalten und Felsklüfte gibt es nicht nur im NSG Hohenstein, sondern auch im NSG direkt daneben. Es heißt nicht einfach nur „NSG Wesergebirge“ oder „NSG Wälder des Wesergebirges“, es heißt „NSG Kamm des Wesergebirges. Das NLWKN erklärt, warum dieser Kamm so wichtig ist:

„Von besonderer Bedeutung sind die arten- und strukturreichen, vielfach in Kontakt mit Fels- und Gesteinsbiotopen stehenden Waldbestände in den Oberhängen und Kammlagen.“

Immer geht es um die Oberhänge oder die Kammlagen, d. h. die Flächen „in Kontakt“ mit den Felsen. Denn:

„Hier finden zahlreiche gefährdete Pflanzen- und Tierarten und ihre Lebensgemeinschaften eine Lebensstätte.“

„Besonnte Felsvorsprünge“, „beschattete Klippen“, „Felsspaltengesellschaften“, „Felsrasen“, „zerklüftete, felsige Schatt- und Schutthänge“ – immer spielen Felsen eine besondere und wichtige Rolle. Denn hier – und häufig nur noch hier – leben sie: die „gefährdeten Pflanzen und Tierarten“.

Felsen und Wald

Aber nicht nur die gefährdeten Arten sind schützenswert, sondern auch die Waldflächen direkt an den Felsen:

„Überwiegende Teile des Gebietes, insbesondere der Kamm wie auch die Oberhänge der Höhenzüge, sind mit den naturraumtypischen Buchenwaldgesellschaften bewachsen, die der potentiell natürlichen Vegetation entsprechen.“

Will sagen: Hier wächst der Wald so, wie er wachsen würde, wenn der Mensch nicht eingegriffen hätte. Keine Fichten. Keine Douglasien. Hier war immer Wald. Keine Wiese, keine Weide, kein Ackerland.

„Es handelt sich hierbei ausschließlich um historisch alte Waldstandorte.“

Der Wald hier wurde nicht gerodet wie weiter unten im Tal. Und hier oben wurde er auch nicht  bewirtschaftet: Es war zu steil. Zu kalt. Zu windig. Hier wachsen Bäume für Maler, nicht für das Sägewerk. Viele sind schief und krumm. Und wenn sie absterben, bleiben sie einfach stehen. Oder sie fallen um und bleiben liegen. Oben an den Felsen stört das niemanden.

So wundert es nicht, dass diese Flächen am Fels schon vor über 50 Jahren zu Naturwäldern ausgewiesen wurden:

1969: Vorschlag für die Ausweisung eines Naturwaldreservats Hohenstein. Infrage kommen überwiegend Nichtwirtschaftswaldflächen im NSG Hohenstein
1972: Ausweisung als Naturwald auf einer Fläche von 15,9 ha in den Abteilungen 43a und b2zit. n. Meyer, P.; Lorenz, K.; Mölder, A.; Steffens, R.; Schmidt, W.; Kompa, T.; Wevell von Krüger, A. (2015): Naturwald Hohenstein. Naturwaldreservate im Kurzportrait, S. 3

Damit gehörte der Hohenstein 1972 zu den ersten 51 Naturwäldern in Niedersachsen:

„Bereits vor 50 Jahren wurden hier zwei kleinere Naturwaldflächen ausgewählt, die zu den ersten ihrer Art in Niedersachsen zählten“3Naturwald Hohenstein: Landesforsten erfassen den Zustand auf dem Weg zum Urwald von morgen, DEWEZET vom 22.5.2022

2004 wurde der Naturwald Hohenstein sogar auf 58,9 Hektar erweitert. Das ist alles andere als selbstverständlich. Im Teutoburger Wald – nur 100 km entfernt –  drohte der Untergang des Abendlandes, als der Wald für einen Nationalpark aus der Nutzung genommen werden sollte. Hier im Weserbergland war das möglich. Keine Proteste. Kein Amoklauf der Sägewerke. Denn wo liegen all diese Flächen?

„Heute umfasst der mittlerweile auf 58,9 Hektar erweiterte Naturwald fünf getrennt liegende Teilflächen, die ein mehr oder weniger schmales Band entlang den Oberhangbereichen von Hohenstein, Blutbach- und Totental bilden.“4zit. n. Meyer, P.; Lorenz, K.; Mölder, A.; Steffens, R.; Schmidt, W.; Kompa, T.; Wevell von Krüger, A. (2015): Naturwald Hohenstein. Naturwaldreservate im Kurzportrait, S. 1, Hervorhebung von mir

Die Flächen liegen an den Oberhangbereichen – in der Nähe der Felsen also. Und diese Felsen spielen auch bei den vier Naturwäldern in unmittelbarer Nachbarschaft eine Hauptrolle:

  • Lange Wande,
  • Luhdener Klippen,
  • Naturwald Egge,
  • Schrabstein

In den Kurzporträts der NW-NFA zu den drei Naturwäldern lesen wir:5Hervorhebungen von mir

„Der Naturwald [Lange Wande]wird durch eine Korallenoolith-Felssteilwand des Oberen Juras geprägt[…].“

„Der Naturwald [Luhdener Klippen] besteht aus einer Felswand mit nach Süden und Südwesten abfallenden Steilhangbereichen

„Der Naturwald Egge besteht aus vier Teilflächen, die sich in West-Ost-Ausrichtung entlang den Steilhängen des Wesergebirges erstrecken.“

„Der in einer Höhe von 200 – 290 m ü. NN gelegene Naturwald [Schrabstein] besteht aus westlich bis südlich ausgerichteten, schroffen, nach oben hin plateauartig abgeflachten Felshängen mit einem Klippenbereich und anschließender Geröllhalde.“

Felsen und seltene Arten

Alle fünf Naturwälder gehören zum großen FFH-Gebiet Süntel, Wesergebirge, Deister. Die Kronjuwelen eines FFH-Gebietes sind immer die seltenen Arten. Und wo kommen diese vor? 

„An den Felsen im Süntel kommen mehrere seltene Pflanzenarten vor, zu welchen die Pfingst-Nelke, der Milzfarn und eine endemische Unterart des Brillenschötchens gehören.“6NLWKN, FFH-Gebiet 112 Süntel, Wesergebirge, Deister

Gemeint sind die Felsen des Hohensteins. Sie gehören zu den  „bedeutsamsten Felswände[n]“ Niedersachsens.7NLWKN (Hrsg.) (2022): Vollzugshinweise zum Schutz der FFH-Lebensraumtypen sowie weiterer Biotoptypen mit landesweiter Bedeutung in Niedersachsen – Kalkfelsen mit Felsspaltenvegetation. – Niedersächsische Strategie zum Arten- und Biotopschutz, Hannover, S. 5 Grund ist „ihre Höhe und Artenausstattung“. Zu dieser Ausstattung gehören u. a. Brillenschötchen, Pfingst-Nelke und Rauke. Und die sind etwas ganz Besonderes: Denn sie gehören zu den „vorrangig schutzbedürftigen Pflanzenarten“, sind „vom Aussterben bedroht und extrem selten“.8a. a. O., S. 10 So wichtig sind diese Rote-Liste-Arten an den Felsen des Hohensteins, dass sie es sogar in die Informationstafel des Weserberglandwegs geschafft haben:

Nicht interessieren soll hier, wie sich die Küchenschelle in den Informationstext verirrt hat: In den offiziellen Naturschutzdokumenten kommt sie jedenfalls nicht vor. Doch das nur am Rande! Viel wichtiger ist Folgendes: Auch das Informationsschild des Weserberglandwegs beweist, wie wichtig Felsen, oder besser noch „steile Felsen“, sind. Denn dort wachsen die Pflanzen, die „einzigartig“ sind. Und der Tourismus liebt alles, was irgendwie „einzigartig“ ist. Das Schild könnte auch über Buschwindröschen, Gelbes Windröschen, Waldveilchen, Glockenblumen und Bärlauch informieren, die alle wunderschön anzusehen sind und hier in großen Mengen wachsen. Aber das sei ferne! Das tut das Schild gerade nicht. Die sind nicht „einzigartig“. Die wachsen nicht am „steilen Fels“, nicht an der „mächtigsten Klippe“ Niedersachsens.

Felsen und Tourismus

Für den Tourismus sind die Felsen auch noch aus einem anderen Grund wichtig.  Auf  Felsen kann man stehen und die Aussicht genießen.

Ölgemälde eines Mannes, der dem Betrachter den Rücken zugewandt hat und von einem Felsen ins neblige Tal blickt. Zwischen den starken Nebelschwaden sind Felsen mit Bäumen drauf und Berge zu erkennen. Der Mann trägt einen langen, dunklen Anzug und sein lockiges, blondes Haar wird vom Wind bewegt. Er stützt sich rechts an einem Gehstock ab und sein linkes Bein ist auf einem vorderen Felsen angewinkelt.
Von Caspar David Friedrichhttps://online-sammlung.hamburger-kunsthalle.de/de/objekt/HK-5161, Gemeinfrei, Link

Wenn Bäume die Sicht von den Felsen versperren, baut man Türme wie z. B. den Luhdener Klippenturm. Der steht  ganz in der Nähe des Hohensteins. Am Turm beginnt – passend zum Klippenturm – der Klippenweg. Er verläuft  immer schön am Rand der Klippen entlang. Am Weg steht eine über 100 Jahre alte Steinbank, auf der angeblich schon Kaiser Wilhelm II. gesessen und die Aussicht von den Klippen genossen haben soll.9siehe Ruhebänke vom Verschönerungs-Verein Rinteln aufgestellt Bevor er sich und das Deutsche Reich von den Klippen in den Abgrund stürzte.

Der Klippenturm wurde 1889 eingeweiht. Gebaut wurde der nicht nur für die Einheimischen, sondern auch für die Touristen. Und die kamen damals mit der Eisenbahn. 1875 war die neue Bahnlinie Löhne – Hameln eingeweiht worden.10Von der Blüte bis zum Verfall: Vor 150 Jahren eröffnete die Eisenbahn durch das Wesertal, DEWEZET vom 14.9.2025 Und mit der Eisenbahn kamen nun die Touristen von Hamburg und Bremen zu den Felsen des Wesergebirges.11In der Sächsischen Schweiz spielte die Eisenbahn eine ähnliche Rolle. Die waren nicht ganz so weit weg wie die Alpen.

„Vielen Besuchern aus dem norddeutschen Flachland bot sie [= die Luhdener Klippe] ein beeindruckendes erstes Berg-Erlebnis.“12Informationsschild des Weserberglandwegs über den Luhdener Klippenturm

Schluss

Am Anfang waren die Felsen. Dann kamen die Touristen. Dann der Naturschutz. Erst Felsen, dann Touristen, dann Naturschutz. Felsen sind wichtig. Ohne Felsen geht gar nichts.

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