Antrag auf Kahlschlag am Wüstegarten durch Achim Frede

Drei Fehler in der dritten Begründung für den Großkahlschlag

Der dritte Grund für den Großkahlschlag enthält drei Fehler:

  1. Fehler: Rohboden
  2. Fehler: Pionier- und Sukzessionsstadien
  3. Fehler: Kryptogamen-Fluren

1. Fehler: Rohboden

Es gibt auf dem Großkahlschlag keinen Rohboden. Die oberste Bodenschicht ist voller Humus. Es handelt sich zwar um Rohhumus, d. h. „wenig zersetzte[n] und saure[n] Auflagehumus“1 aus Nadelstreu, aber es ist Unsinn, dass dieser Boden fast humusfrei sei. Durch den Kahlschlag entsteht kein Boden mit „naturschutzfachlicher Wertigkeit“.2

Rohhumus und Blattrosetten des Roten Fingerhuts auf dem Großkahlschlag

2. Fehler: Pionier- und Sukzessionsstadien

Bei jedem Kahlschlag entstehen „Pionier- und Sukzessionsstadien“. Den Beweis, dass ausgerechnet die am Wüstegarten von einer besonderen „naturschutzfachlichen Wertigkeit“ wären, bleibt Frede schuldig. Sein bemühter Begründungsversuch z. B. mit dem Biotopkomplex, den Blockhalden oder den Borstgrasrasen überzeugt nicht.3

3. Fehler: Kryptogamen-Fluren

Frede nennt nicht ein einziges Beispiel, was er überhaupt unter „Kryptogamen“ versteht. Ich möchte ihm nicht unterstellen, dass er meint, durch den Kahlschlag würden Bakterien und Algen profitieren. Und er meint auch sicherlich nicht, dass Bakterien und Algen am Wüstegarten „naturschutzfachlich“ wertvoll sind. Auch Moose, Bärlappe und Pilze scheiden als Profiteure eines Kahlschlags aus. Sie brauchen Wasser und Feuchtigkeit. Ein Kahlschlag, auf den die Sommer niederbrennt, ist kein geeignetes Biotop für sie. Es bleiben die Flechten. Und es sieht so aus, als sollten sie tatsächlich als Begründung für den Kahlschlag herhalten.

Das dort aufgestellte Informationsschild behauptet:

„Befreit von den schattenwerfenden Fichten können sich auf Felsen lichtliebende Flechten ausbreiten.“

Flechten sind Überlebenskünstler. Sie wachsen praktisch überall: bei mir zu Hause zum Beispiel auf einer Betonmauer und auf dem gepflasterten Garagenhof. Ich käme allerdings nie auf die Idee, von einer besonderen „naturschutzfachlichen Wertigkeit“ der Betonmauer oder des Garagenhofs zu sprechen. Ein anderes Beispiel sind die vielen ehemaligen Steinbrüche meiner Heimatstadt Porta Westfalica. Die sind für Flechten ein wahres Eldorado. Auch auf die Idee, diese Steinbrüche zu besonderen Naturschutzgebieten zu erklären, ist noch nie jemand gekommen.

Die Felsbrocken am Wüstegarten sind zwar auch zwei Jahre nach dem Kahlschlag noch nackt und bloß, trotzdem ist nicht auszuschließen, dass auf ihnen irgendwann irgendwelche Flechten wachsen. Aber das ist keine Begründung für einen Kahlschlag. Dann wäre jeder Kahlschlag gerechtfertigt, auf dem ein paar Steinbrocken herumliegen. Und findige Privatwaldbesitzer würden vor einem Kahlschlag schnell eine Wagenladung Felsbrocken in ihrem Wald abkippen, um die „naturschutzfachliche Notwendigkeit“ ihres Kahlschlags zu rechtfertigen. Fredes Hinweis auf die „Kryptogamen-Fluren“ taugt also auch nicht als Begründung für den Großkahlschlag am Wüstegarten.

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  1. Nationalparkverwaltung Berchtesgaden (Hg.), Die Pflanzenwelt des Nationalparks Berchtesgaden, Berchtesgaden 2003, S. 184 []
  2. siehe auch das vorige Kapitel Frede und der Borstgrasrasen []
  3. siehe Frede und der BiotopkomplexFrede und die Blockhalden und Frede und der Borstgrasrasen []