Der Borkenkäfer als menschengemachte Störung
Würde man Besucher des NP nach den Ursachen für das Fichtensterben fragen, so würde die überwältigende Mehrheit vermutlich spontan den menschengemachten Klimawandel verantwortlich machen. Sie befänden sich dann in guter Übereinstimmung mit Fernsehen, Tageszeitung und auch der NPV. Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu behaupten, dass die NP-Leitung, die Stabstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Stabstelle Leitungsbüro und die sieben Sachgebiete1siehe Organisationsmodell der NPV des Bayerischen Waldes sich einig sind: Der Klimawandel ist die Ursache des Fichtensterbens. Und der Klimawandel ist menschengemacht. Böse Zungen würden nun ergänzen: „200 Personen unterschiedlichster Fachrichtungen“2siehe Ansprechpartner in der NPV können nicht irren.
Die Kausalkette, die zum Fichtensterben führt, sieht dann so aus: Der menschengemachte Klimawandel führt zu warmen Jahren und zu Dürre. Dies führt zur Massenvermehrung des Borkenkäfers. Dies führt zum Fichtensterben.
Vielleicht würden einige der Befragten in der Kauselkette noch Stürme ergänzen wollen und gleichaltrige Fichtenreinbestände mit hohem Holzvorrat. Das ändert aber nichts daran, dass am Anfang der Kette immer der menschengemachte Klimawandel steht.
Das bedeutet, dass es ohne Klimawandel nicht zum Fichtensterben gekommen wäre. Vielleicht hätte es ab und an mal ein wärmeres Jahr gegeben oder auch einmal einen Sturm. Aber nicht in der Häufung wie in den vergangenen Jahrzehnten. Vielleicht hätte es hier und da mal ein Borkenkäfernest gegeben. Aber es wären nicht kilometerweit die Altfichtenwälder im NP abgestorben.
Wenn das alles so ist, dann ist letztlich der Mensch verantwortlich für das Fichtensterben und nicht der Käfer. Denn der hätte sich nie so dramatisch und katastrophal vermehrt, wenn der Mensch nicht so viel CO₂ produzieren und das Klima verändern würde. Dann aber ist der Borkenkäfer keine natürliche, sondern eine menschengemachte Störung.
Die Schlussfolgerung, dass es letztlich nicht der Käfer, sondern der Mensch ist, der das Fichtensterben im NP verursacht hat, hat Folgen: Denn dann ist das Fichtensterben kein natürlicher Prozess und kein Naturvorgang. Es liegt auch keine natürliche Dynamik vor. Es ist der Mensch mit seiner CO₂‑Produktion, der den Prozess in Gang setzt. Das Motto des NP „Natur Natur sein lassen“ stimmt nicht.
Vielleicht wird sich die NPV um diese Schlussfolgerung herumdrücken und sagen: „Zugegeben: Am Anfang der Kausalkette steht der Mensch. Aber den ganzen übrigen Prozess lassen wir im NP ungestört ablaufen. Wir schauen zu, wie die Natur auf den Klimawandel reagiert. Insofern ist es doch eine natürliche Dynamik, die im NP ungestört abläuft!“
Nun – mich persönlich überzeugt das nicht. Ich halte das für eine Überstrapazierung der Begriffe „natürlich“ und „Natur“. Vier Beispiele mögen veranschaulichen, warum:
- Viele Menschen essen zu viel und bewegen sich zu wenig. Sie werden übergewichtig. Ist Übergewicht natürlich? Dickwerden ein natürlicher Prozess? Bewegungsmangel eine natürliche Störung?
- Durch die moderne Landwirtschaft gelangt sehr viel Dünger in die Seen. Es kommt zur Massenvermehrung von Algen. Die Seen kippen um. Die Fische sterben. Ist Fischsterben natürlich? Algenblüte eine natürliche Störung? Das Umkippen von Seen ein natürlicher Prozess?
- Der Mensch hat in den vergangenen Jahrhunderten Wölfe und Bären ausgerottet. Dadurch und durch die ungenügende Jagd des Menschen haben sich vielerorts die Rehe dramatisch vermehrt. Dies führt im Wald zu massivem Wildverbiss und zu Schäden an der Naturverjüngung. Ist Wildverbiss natürlich? Die Massenvermehrung von Rehen eine natürliche Störung? Das Scheitern der Naturverjüngung ein natürlicher Prozess?
- In vielen Gewächshäusern werden Gemüsepflanzen wie Tomaten, Paprika und Gurken mit CO₂ gedüngt. Der Ertrag erhöht sich um bis zu 40 %. Ist das Wachstum der Gemüsepflanzen im gedüngten Treibhaus natürlich? Ertragssteigerung ein natürlicher Prozess? CO₂ eine natürliche Störung?
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