„Alles ver-rückt!“ – Leibl und Müller zu Corona

„Die Maske ist ein Instrument der Freiheit.“
Markus Söder
„Ich bin nicht zufrieden: die Ergebnisse sind nicht hart genug, dass wir Unheil abwehren.“
Angela Merkel

Einleitung

Bei der Recherche für meinen letzten Artikel zum Nationalpark (NLP) Bayerischer Wald stolpere ich über den Blog-Eintrag vom 16. September 2020: Alles ver-rückt – 50 Jahre Nationalpark Bayerischer Wald: Interview mit Dr. Franz Leibl und Prof. Jörg Müller. Ich gebe dem Blogger völlig recht: Es ist tatsächlich alles verrückt – auch dieses Interview. Es ist sogar völlig verrückt.

Selbstverständlich ist auch meine Kritik an Leibl und Müller völlig verrückt. Denn die Gesellschaft ist über das Coronavirus tief gespalten: Leibl und Müller glauben an die Verhältnismäßigkeit der Anti-Corona-Maßnahmen und die Gefährlichkeit des Virus. Ich nicht. Zwischen uns herrscht ein unüberbrückbarer Graben.

Hinweis: Ich verzichte in diesem Artikel auf Belege und Literaturhinweise. Die einen werden die Informationen nicht glauben, die anderen kennen sie schon.

„Besondere Zeiten“

„Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen“, sagen Nationalparkchef Dr. Franz Leibl und sein Stellvertreter, Forschungsleiter Prof. Dr. Jörg Müller.

Es sind nicht die „besonderen Zeiten“, es ist Ministerpräsident Söder, der „besondere Maßnahmen“ fordert. Würde Söder morgen am Tag die Maskenpflicht rund um den Gipfel des Lusen anordnen, Leibl und Müller würden auch das durchsetzen. Beamte haben eine Dienstpflicht. Pressesprecher Wolf brachte es so auf den Punkt: „Wir sind eine Behörde und eine Behörde setzt das um, was sie machen muss.“1Pressesprecher Gregor Wolf erklärt mir die Naturzonenerweiterung 2019 Aber im Gegensatz zur Borkenkäferbekämpfung würde Wolf jetzt zu den Anti-Corona-Maßnahmen niemals sagen: „Das ist jetzt nichts, was schlüssig begründbar ist!“2ebd.

„Eines der großen Feste mit der Bevölkerung wollen wir auf Juni 2021 verlegen, das war’s dann aber auch. Eine traurige Sache […].“

Noch trauriger wird es, wenn bis zu diesem Termin kein Impfstoff da ist. Denn bekanntlich ist die Pandemie erst dann vorbei, wenn alle geimpft sind. Es könnte nicht ein „großes“, sondern ein ganz kleines Fest werden. Mit Maske, Mindestabstand, Alkoholverbot und Sperrstunde. Die Corona-Regeln für öffentliche Feiern ändern sich täglich – je nach Inzidenzwert.

„Obwohl im Augenblick massiv Besucher in den Park drängen, ist es für die Natur gerade noch erträglich […].“

Ich muss Ende Juni wahnsinniges Glück gehabt haben! ich fühlte mich im Park immer allein und verlassen. Nur im unmittelbaren Umfeld des Falkenstein traf ich auf größere Besuchergruppen. Aber selbst im Falkensteinhaus bekam ich immer meinen Lieblingsplatz am Panoramafenster.

„Ignoranz oder Unkenntnis“

„Trotzdem müssen wir jetzt darauf achten, dass die vielen Menschen sensible Bereiche im Park nicht aus Ignoranz oder Unkenntnis zertrampeln.“

Wer ist „wir“? Leibl und Müller? Sie müssen in diesen „besonderen Zeiten“ auf so viele Dinge achten! All die vielen „besonderen Maßnahmen“! Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie Leibl persönlich im Besucherzentrum herumläuft und die Einhaltung des Mindestabstands kontrolliert. Oder wie Müller das richtige Tragen der Maske überwacht: „Bitte ziehen Sie die Maske auch über die Nase!“ Es gibt soviel „Ignoranz“ und „Unkenntnis“ in der Welt! Und soviel Unbildung! Vor zwei Jahren klagte Müller noch – anläßlich der Borkenkäferbekämpfung im NLP – von „ökologisch ungebildeten Entscheidungsträgern“3Ultraviolence. Von medizinisch ungebildeten Entscheidungsträgern würde er nie sprechen.

Und immer geht es um die „sensiblen Bereiche“, die „zertrampelt“ werden! Es ist eine fixe Idee der NLP-Verwaltung: Menschenmassen überfluten den NLP, stürzen sich auf die „sensiblen Bereiche“ und „zertrampeln“ alles! Ich selbst bin am Steinfleckberg zweimal durch „sensible Bereiche“ gewandert und habe nie begriffen, wer diese „zertrampeln“ soll. Man müsste ein sehr trittsicherer und ein sehr sportlicher Athlet sein, um dort vom Trampelpfad abzuweichen. Denn überall liegt Totholz herum, von den moorigen Bereichen einmal ganz zu schweigen. Wer ist so bescheuert und wandert dort querfeldein? Aber klar – ich vergaß: es sind diese Idioten mit ihrer „Unkenntnis“ und „Ignoranz“! Dieselben, die keine Maske tragen wollen.

„Unglaublich belastend“

„Die Krise macht sichtbar, was wir gesellschaftlich schon länger beobachten: Menschen leben geballt in Städten, was gerade zu Coronazeiten unglaublich belastend sein kann, und suchen Ausgleich bei uns auf dem Land.“

War es schon bis hierhin schwierig, den Sinn der Antworten von Leibl und Müller zu erahnen, so wird es jetzt völlig unverständlich. Müller redet in Rätseln. Wir beobachten „schon länger“, dass Menschen „geballt“ in Städten leben? Und das beobachtet wer? „Wir“? Leibl und Müller? Seit wann? Menschen leben in Städten? Wer hätte das gedacht! Und das Leben in Städten ist „unglaublich belastend“ in Coronazeiten? Nur in den Städten? Was redet der Mann? Ich wohne auf dem Land und habe einen riesigen Garten. Und ich bin nicht belastet? Tatsächlich? Was für ein Unsinn!

„Dies zeigt einmal mehr, dass es Räume braucht, die uns gesund erhalten.“

Es stimmt: im Park brauchte ich keine Maske. Aber im Falkensteinhaus musste ich sie wieder aufsetzen. Auch morgens in der Pension oder abends im Gasthof galten alle Hygieneregeln. Sofort war ich also wieder „belastet“. Der bayrische Wald ist keine Insel der Seligen. Das Land hält uns gesund, die Stadt ist belastend? So einfach ist das?

„Der Nationalpark ist darauf ausgelegt, Besuchern einen naturnahen, entspannten Erholungsraum zu bieten.“

Das ist glatt gelogen. In allen Besuchereinrichtungen gelten die Hygieneregeln. Was ist daran „entspannt“? Und Müller kann ja mal die Mitarbeiter fragen, wie „entspannt“ die ihren Arbeitstag hinter der Maske empfinden! Überhaupt: Was für eine Arroganz! So als ob nur der Nationalpark einen „naturnahen, entspannten Erholungsraum“ anbietet! Den „Erholungsraum“, von dem Müller phantasiert, finden Urlauber am Großen Arber ganz genauso.

„Etwas völlig Normales“

„Zieht man allein die biologische Seite in Betracht, ist die Coronakrise etwas völlig Normales.“

Der Satz ist eine Binsenweisheit. Unklar ist nur, was Müller unter „Coronakrise“ versteht. Ganz bestimmt meint er nicht die Krise des Gesundheitswesens. Denn die Intensivstationen sind leer. Meint er mit Krise die Einschränkung der verfassungsmäßigen Grundrechte? Meint er die Wirtschaftskrise? Aber seit wann hätten eine politische und wirtschaftliche Krise eine „biologische Seite“?

„Wie sich Arten ausbreiten, ist eine ökologische Standardfrage.“

Auch das ist eine Binsenweisheit. Was sollen solche Sätze? Fällt Müller nichts ein und sagt er einfach irgendetwas ins Mikro?

„Mit Covid trifft das Virus jetzt eben den Menschen.“

Der Satz ist völlig wirr. „Das“ Virus trifft „den“ Menschen? „Jetzt“? Es gibt unzählige Viren, die uns immer schon „getroffen“ haben.

„Weil wir bislang immer gut durchgekommen sind, haben wir verlernt, dass es auch für uns mal kritisch werden kann.“

„Immer gut durchgekommen“? „Immer“? Hallo? Grippewelle 2017/18? Aber jetzt wird es „kritisch“? Wieso? Wenn Müller eines kann, dann mit Statistiken umgehen. Er sollte in der Lage sein, die Lageberichte des RKI zu lesen und auch zu verstehen. Es wird „kritisch“? Positive Tests sind nicht gleich Infektionen, Infektionen sind nicht gleich Krankenhausaufenthalte, Krankenhausaufenthalte bedeuten nicht Intensivstation, Intensivstation bedeutet nicht Todesfall, Verstorbene mit Corona sind etwas anderes als Verstorbene an Corona. Es wird kritisch „für uns“? Fürchtet Müller um sein Leben? Oder das seiner Familie? Seiner Mitarbeiter? Seiner Studenten? Siecht seine Oma vielleicht sterbenskrank im Pflegeheim dahin? Oder wird es vielleicht für Leibl „kritisch“? Ist er vielleicht kurz vor der Pensionierung ein Hochrisikopatient? Vorerkrankungen?

„Aus der Fassung“

„Die aktuelle Krise bringt uns nun aus der Fassung […].“

Wer ist „uns“? Die NLP-Verwaltungsspitze? Sind Müller und Leibl „aus der Fassung“? Fassungslos bin bestenfalls ich – wegen dieses Interviews.

„Viren sind sehr schwer beherrschbar.“

Das ist ausgemachter Blödsinn. Unser Immunsystem beherrscht Viren sehr gut. Influenza-, Adeno-, Herpes-, Papilloma-, hMP-, Rhinoviren … Leibl wäre längst tot, wenn es anders wäre.

„[…] aber immerhin zeigt uns das Virus, dass die Natur nicht so beherrschbar ist wie wir Menschen immer glauben.“

Ich weiß nicht, wie es um den Glauben an die Beherrschbarkeit der Natur bei Leibl bestellt ist, der Glaube an die Beherrschbarkeit des Borkenkäfers ist seit 1997 im NLP ungebrochen.

„Der Mensch ist Teil der Natur, nicht ihr Herr. Wenn wir als Erkenntnis aus der Krise mitnähmen, dass Natur einen höheren Stellenwert verdient, wäre schon mal ein großer Wunsch erfüllt.“

Es fehlt eigentlich nur noch Werbung für das Elektroauto und vegane Ernährung.

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