Klimawandel und Rachel – Was ein Nationalparkmitarbeiter nicht sagen darf

„Fasst man alle bisherigen Erkenntnisse zusammen, so zeigt sich, dass es vor allem die Extreme im Wald sind, die heute für den Artenschutz wichtig sind.“
Müller/Simonis

Das Absterben der Fichten im Nationalpark war gut

Meiner persönlichen Erfahrung nach wird niemand in der Nationalparkverwaltung sagen, dass das Fichtensterben am Lusen oder am Rachel schlecht war. Ganz im Gegenteil! Dass die Fichten-Kalamität sogar gut war, davon ist die Verwaltung wahrscheinlich felsenfest überzeugt. Nicht einmal hinter vorgehaltener Hand wird ein Nationalparkvertreter sagen, dass es schlecht war. Auch nicht zu vorgerückter Stunde nach dem 5. Glas Weizen. Im Gegenteil: Seit dem Fichtensterben am Lusen in den 80er Jahren leisten alle Mitarbeiter Überzeugungsarbeit, wie gut das Fichtensterben war und ist. Das sind meines Erachtens keine Lippenbekenntnisse, die Öffentlichkeitsarbeit ist allen ein Herzensanliegen. Und wer Zweifel an den positiven Auswirkungen des Fichtensterbens auch nur andeuten würde, der ist wohl als Arbeiter im Nationalpark falsch.

Der Nationalpark hat in den vergangenen 50 Jahren eine schier überwältigende Fülle von Aufsätzen in Fachzeitschriften, von Pressemitteilungen, Webseiten, Fernsehbeiträgen, Podcasts und Videos produziert, die alle die positiven Folgen des Fichtensterbens loben. Ein Beispiel sei hier zitiert: Es ist der bereits oben zitierte Artikel von Müller und Simonis. Beide Autoren sind nicht irgendwer: Prof. Dr. Müller ist z. Z. stellvertretender Leiter der Nationalparkverwaltung und Leiter des Sachgebiets III: Naturschutz und Forschung. Rainer Simonis war von 1996 -2020 Leiter der Nationalpark-Dienststelle Finsterau.

Der Artikel beginnt, indem er scheinbar Verständnis für die Kritiker des Nationalparks äußert – die Hervorhebungen sind von mir:

„Wer heute in den Hochlagen des Nationalparks Bayerischer Wald wandert, kann kilometerweit durch abgestorbene Altfichtenwälder laufen. Solche Bilder rufen bei vielen Menschen Unbehagen hervor. Fast alle sind wir in Kulturlandschaften aufgewachsen, mit einem Minimum an natürlicher Dynamik. Worte wie „ökologische Katastrophe“ oder „kaputtgeschützt“ machen nach solchen Wanderungen schnell die Runde. Selbst unter Naturschützern kann man zuweilen Zweifel an einem solchen Naturschutzkonzept hören.“

Unbehagen und Zweifel – das darf nicht sein! Und wenn so etwas sogar bei Naturschützern vorkommt, dann schrillen im Nationalpark die Alarmsirenen und schweres Geschütz wird aufgefahren.

Der Aufsatz erschien beim Landesbund für Vogelschutz. Also werden zunächst einmal seltene Vögel aufgezählt, die von den Totholzflächen profitieren. Und weil das natürlich nicht reicht, kommen zusätzlich die gefährdeten und extrem seltenen Arten. Nicht nur selten, sondern extrem selten.

„Nur eine vermeintliche Wüste – waldsteppenartige Totholzfläche im Nationalpark, in Wirklichkeit ein vitaler Lebensraum z. B. für den Gartenrotschwanz.“ Wer also Flächen wie die am Rachel eine Wüste nennt, hat keine Ahnung. Und Müller/Simonis liefern die Erklärung für ein solches Unverständnis gleich mit: Kritiker sind „in Kulturlandschaften aufgewachsen, mit einem Minimum an natürlicher Dynamik“. Bei ihnen „fehlt es [ … ] an Akzeptanz oder ästhetischem Empfinden für Naturdynamik.“

Mögen Kritiker von einer Katastrophe schwadronieren:

„Von Seiten der Nationalparkvertreter ist man sich aber einig, dass wir es der Natur wenigstens auf der kleinen Fläche des Nationalparks erlauben sollten, auch in Mitteleuropa im Vergleich zur großen Kulturlandschaft einmal ihren eigenen Weg zu gehen.“

Die Altfichtenwälder im Nationalpark sind zwar „kilometerweit“ abgestorben. Aber das ist nicht schlimm. Im Gegenteil: Das ist auch gut so!

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