Der Aufsatz „Gestörte Heimat“ und die Windkraft

Die Experten für Klimaschutz und die Windkraft

Im Gegensatz zu den Einheimischen hatten Naturschutzexperten mit den Totholzflächen überhaupt keine Probleme:

„Im Expertendiskurs des Naturschutzes gilt ‚Biodiversität‘ als Wertmaßstab für […] Landschaften […]. Auf Grundlage der Biodiversität im Allgemeinen und dem Vorkommen von seltenen Arten im Speziellen wird Wert zugeschrieben, der umso höher ausfällt, je seltener die entdeckten Arten und je indikativer sie für andere typische Arten eines Ökosystems sind (Indikatorarten).“1Gestörte Heimat, S. 162, Hervorhebungen von F. – J. A.

Und weil der Borkenkäfer viele seltene Arten fördert, finden ihn Naturschutzexperten gut und Totholzflächen haben für sie einen hohen naturschutzfachlichen Wert. Sie stören sich überhaupt nicht an toten Fichten. Ganz im Gegenteil: Sie finden sie schön. Und Naturschutzexperten wie Jörg Müller beklagen ganz offen den Mangel an „ästhetischem Empfinden für Naturdynamik“ bei Laien.2Wenn der Borkenkäfer geht, kommt der Gartenrotschwanz, Vogelschutz – 1/2011

Ich könnte es mir jetzt leicht machen und sagen, die Naturschutzexperten spielen bei der Windkraft genau dieselbe Rolle wie beim Borkenkäfer. Sie finden Windräder toll. Und tatsächlich sind Enoch zu Guttenberg oder Harry Neumann3siehe Der BUND und die Windkraftindustrie aus exakt diesem Grund aus dem BUND ausgetreten. Die Naturschutzexperten des BUND finden Windräder toll: siehe z. B. den Artikel über Windenergie auf der Homepage des BUND. Und er veröffentlicht das folgende Bild mitsamt dem Titel „Windräder im Sonnenuntergang“ und findet den Anblick offensichtlich nicht grauenerregend, sondern schön:

Lars Schmidt / Wind farm in sunset / CC BY-NC-ND 2.0

Aber Guttenberg und Neumann sind auch Naturschützer. Vielleicht finden ja auch weniger die Experten für Naturschutz, sondern mehr die für Klimaschutz Windräder schön. Aber es kann durchaus sein, dass auch Klimaschutzexperten Landschaften mit Windrädern insgeheim genauso hässlich und furchtbar finden wie die Anwohner. Sie reden nur nicht offen darüber, weil sie Angst vor der drohenden Apokalypse haben und keine Alternative zu Windräder sehen: „Ich möchte auch keine Windräder in meinem Hinterhof, aber was soll man denn sonst gegen den Klimawandel unternehmen?“ Vielleicht interessieren die Klimaschutzexperten sich aber auch gar nicht für die Schönheit einer Kulturlandschaft und es ist ihnen einfach egal. Sie wohnen in der Stadt, wo es keine Windräder gibt. Oder im Grünen und der Blick von ihrer Terrasse geht auf Kulturlandschaften, in denen noch keine Windräder gebaut wurden. Vielleicht kann man die obige Passage aus „Gestörte Heimat“ aber auch so übersetzen:

„Im Expertendiskurs des Klimaschutzes gelten Erneuerbare Energien als Wertmaßstab für […] Landschaften […]. Auf Grundlage der Klimaneutralität im Allgemeinen und dem Vorkommen von Windrädern im Speziellen wird Wert zugeschrieben, der umso höher ausfällt, je häufiger die Windräder sind und je mehr Leistung sie haben.“4Gestörte Heimat, S. 162, Hervorhebungen von F. – J. A.

Vielleicht finden Experten für Klimaschutz Windräder tatsächlich schön und sagen in Anlehnung an Jörg Müller tatsächlich:

„Bis heute fehlt es bei vielen Menschen an Akzeptanz oder ästhetischem Empfinden für Technik.“

Windpark Kreuzstein im FFH-Gebiet Werra- und Wehretal

Vielleicht liefert aber auch ein Satz im Schlusskapitel von Aschenbrand und Michler eine Erklärung für die hohe Wertschätzung von Windrädern durch Klimaschutzexperten:

„Von Seiten der Anwohner werden landschaftliche Veränderungsprozesse tendenziell kritisiert, vor allem, wenn das Gefühl entsteht […] keinen individuellen Vorteil aus der Veränderung zu ziehen.“5a. a. O., S. 164

Klimaschutzexperten verdienen ihr Geld mit Klimaschutz. Möglicherweise sind sie sogar als Gesellschafter an den Gewinnen von Windparks beteiligt. Und auch Anwohner von Windrädern, die von ihnen profitieren wie z. B. Bauern, die die Flächen verpachten, werden die Windräder richtig schön finden.

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