Der Aufsatz „Gestörte Heimat“ und die Windkraft

End of Landschaft im Bayerischen Wald

Im ihrem Kapitel „Gestörte Heimat und der Wunsch nach dem grünen Wald“ schreiben Aschenbrand und Michler:

„Werden Räume als Kulturlandschaften verstanden, so sind sie meist dadurch gekennzeichnet, dass Landschaftsveränderungen durch natürliche Störungen vom Menschen auf ein Minimum reduziert wurden. Zudem wird die heimatliche Umgebung grundsätzlich und vor allem auf der Basis von Vertrautheit positiv bewertet. Landschaftliche Qualitäten der heimatlichen Wohnumgebung werden folglich selten hinterfragt, solange sie unverändert bleiben.“1a. a. O., S. 161, Hervorhebungen von F. – J. A.

Das gilt nicht nur für die Bürgerinitiative, die gegen den Borkenkäfer im NLP protestierte. Es gilt genauso für eine Bürgerinitiative gegen Windräder. Auch sie versteht ihre Heimat als Kulturlandschaft. Ein Windpark ist für sie eine ganz erhebliche Veränderung der Landschaft. Ursache ist allerdings nicht die natürliche Störung durch den Borkenkäfer, sondern eine menschliche Störung durch Windenergieanlagen beispielsweise vom Typ Enercon E115 mit einer Nabenhöhe von 150 und einem Rotordurchmesser von 115 m. Die heimatliche Umgebung verliert vollständig ihre Vertrautheit.

Windpark Hausfirste im FFH-Gebiet Werra- und Wehretal

Die vorige Passage von Aschenbrand und Michler ist ja noch sehr allgemein gehalten, und es ist nicht weiter verwunderlich, um nicht zu sagen banal, dass sie auch für Windkraftgegner gilt. Interessanter ist, dass auch die folgende Passage, die konkret für den NLP Bayerischer Wald geschrieben wurde, sich beinahe mühelos auf den Ausbau der Windenergie in Deutschland übertragen lässt. Zunächst das Original:

„Der NLP Bayerischer Wald stand ab Mitte der 1980er Jahre vor der Herausforderung, einen Umgang mit natürlichen Störungsereignissen zu finden, da großflächige Windwürfe und Borkenkäferbefall auftraten. Bis 2012 starben durch diese natürlichen Prozesse über 6000 ha alter Fichtenbestände. Die Auseinandersetzung mit der einheimischen Bevölkerung über diese weithin sichtbare Veränderung der physischen Grundlagen der Landschaft führte bis zu einer Popularklage einer Bürgerinitiative vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof.“2ebd.

Jetzt die Übertragung:

„Die Bundesrepublik Deutschland stand seit der Jahrtausendwende vor der Herausforderung, einen Umgang mit dem Klimawandel zu finden, da zunehmend heiße und trockene Sommer auftraten. Bis 2019 wurden auf der Grundlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) rd. 30.000 Windräder an Land gebaut. Die Auseinandersetzung mit der einheimischen Bevölkerung über diese weithin sichtbare Veränderung der physischen Grundlagen der Landschaft führte zu zahlreichen Klagen von Bürgerinitiativen vor Gerichten.“

Den Ausdruck des Originals „weithin sichtbare Veränderung der physischen Grundlagen der Landschaft“ braucht bezeichnenderweise gar nicht übersetzt zu werden. Er passt hervorragend auf Windräder und klingt sogar so, als sei er gar nicht für Totholzflächen, sondern extra mit Blick auf Windräder geschrieben worden.

Natürlich richtet sich der Protest der über 1.000 Bürgerinitiativen gegen Windräder3Joachim Weimann, Der verschwiegene Protest, TAGESSPIEGEL vom 18.8.2017 nicht gegen „Baumfriedhöfe“, „Totholzflächen“ oder „Todeszonen“, d. h. „braune Flächen mit abgestorbenen silbergrauen Stämmen“, die den Zorn der NLP-Gegner entfachten. Aber wie ist es mit folgendem Satz?

„Einheimische NLP-Gegner machen ihre landschaftliche Wertschätzung bzw. den Entzug ihrer Wertschätzung argumentativ vorwiegend an grünen, lebenden Bäumen fest.“4a. a. O., S. 162

Wenn Windparks im Wald errichtet werden sollen, spielen „grüne, lebende Bäume“ sehr wohl eine Rolle und es fällt auf, wie häufig die Bürgerinitiativen Fotos vom Bau der Windräder zeigen. Für diese müssen hunderte von „grünen, lebenden Bäumen“ gefällt werden, siehe z. B.:

Und an die Stelle der „Totholzflächen“ treten die „Schlammwüsten“ der breiten Trassen, die für den Bau der Straßen für die Schwerlasttransporter in den Wald geschlagen werden, und die riesigen Erdlöcher für den Bau der Fundamente. Auch hier sind die Flächen jetzt nicht mehr grün, sondern „braun“. Und „grau“ sind jetzt nicht die Stämme der toten Fichten, sondern der Beton der Türme.

Der Filmemacher Jörg Rehmann hat 2019 einen Dokumentarfilm über Windräder gemacht und wie sie von den Anwohnern empfunden werden: Auch im Trailer zu diesem Film wird ab Min 0:59 gezeigt, wie „grüne, lebende Bäume“ gefällt werden.

„Landschaft“ ist ein Schlüsselbegriff des Aufsatzes von Aschenbrand und Michler. Die Ähnlichkeiten der Stellungnahmen der Anwohner von Windrädern mit denen der Anwohner des NLPs Bayerischer Wald sind auffallend:

„Es war ein schönes Leben hier. […] Wir fanden das eigentlich gar nicht schlimm. Das ist ja eine Sache, die auch sehr umweltfreundlich ist.“

Wohlgemerkt: Die Rede ist hier nicht von der Gründung des NLPs Bayerischer Wald.

Es gibt einen fundamentalen Unterschied: Im Fall des NLPs gab es für viele Einheimische ein Happy-End: Zwischen Rachel und Lusen gibt es wieder „junges Grün“5Gestörte Heimat, S. 162, der Wald wuchs wieder nach und er wurde wieder grün. D. h., die Landschaft ist nun wieder so vertraut und so schön wie zuvor. Im Fall der Windparks ist das „Ende der Landschaft“ unwiderruflich.

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Die Rolle der Experten beim Klimaschutz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.