Der Aufsatz „Gestörte Heimat“ und die Windkraft

Gestörte Heimat – ein Aufsatz über Gut und Böse

Im Aufsatz von Aschenbrand und Michler geht es um die Landschaft zwischen Rachel und Lusen. In den Augen der Einheimischen wurde sie durch den Borkenkäfer zerstört, in den  Augen der Naturschützer wurde sie durch den „ungestörten Ablauf eines natürlichen Prozesses“ zu einem wertvollen Lebensraum für seltene Arten. Wenn ich den Aufsatz von Aschenbrand und Michler lese, dann finde ich die Rollen in dem Drama klar verteilt. Die Einheimischen sind die Bösen und die Naturschützer die Guten. Schwarz – Weiß. Die Einheimischen sind dumm und engstirnig: Sie wollen nur ihren „intakten grünen Wald“. Dabei haben sie Unrecht: Die Landschaft wurde nicht zum „Baumfriedhof“, nicht zur „Todeszone“ und nicht zur „Wüste“. Die Naturschützer dagegen sind klug: Sie wissen um den hohen naturschutzfachlichen Wert von „Waldsteppen“ und haben Recht: der Borkenkäfer ist keine „Plage“, sondern eine „Schlüsselart des NLPs“. Wenn der Einheimische Andreas Geiß 1997 oben am Lusen in Tränen ausbricht, ist er im Grund zu bemitleiden: ein armer alter Mann, dessen Trauer „forstlichen und ökonomischen Holzproduktionsgefühlen“ entspringt. Dem dummen Rentner fehlt es ganz einfach an „ästhetischem Empfinden für Naturdynamik“. Aschenbrand und Michler sprechen das nicht offen aus und würden sich heftig dagegen verwehren. Aber diese kurze – die Autoren würden sagen: verkürzte – Zusammenfassung ihres Aufsatzes liegt nahe. Sehr nahe.

Die Bürgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes e.V. würde Aschenbrand und Michler sicherlich Einseitigkeit und Voreingenommenheit vorwerfen. Beide Autoren sind weder unabhängig noch neutral. Und die Bürgerbewegung hätten einige gute Argumente:

  • Der Aufsatz erscheint in einer Fachzeitschrift für Naturschutz: Naturschutz und Landschaftsplanung. Das Jahresabo zum stolzen Preis von 134 €.
  • Der Aufsatz richtet sich also nicht nur ausschließlich an das exklusive Fachpublikum der Naturschutzexperten; es gibt diesen im Schlusskapitel unter der Überschrift „Fazit für die Praxis“ sogar einprägsame Tipps wie z. B.: „Lokal geht es darum, kein Gefühl der Fremdbestimmung bei den Anwohnern aufkommen zu lassen. Bei der Einbeziehung der lokalen Bevölkerung sollten verfestigte landschaftliche Ideale berücksichtigt werden.“ Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
  • Einer der Autoren war, der andere ist Beschäftigter des NLP. Sie können also von vornherein gar keine Kritik am NLP äußern, ohne ihre berufliche Karriere zu schädigen. Eine längere Version des Aufsatzes erschien so bezeichnenderweise auch zusammen mit dem Chef des NLPs, Franz Leibl, höchstpersönlich: Gestört, aber grün: 30 Jahre Forschung zu Landschaftskonflikten im Nationalpark Bayerischer Wald. 1im Buch Berr K., Jenal C. (Hgg.), Landschaftskonflikte. RaumFragen: Stadt – Region – Landschaft. Springer VS, Wiesbaden 2019

Aschenbrand und Michler sind also keine unbeteiligten neutralen Wissenschaftler. Sie sind Partei. Und das ist solange kein Problem, wie man mit ihnen einer Meinung ist. Und im Falle des Borkenkäfers bin ich das ja auch und ich habe selbst viele Artikel gegen die Bürgerbewegung geschrieben. Was aber, wenn die „Heimat“ nicht durch den Borkenkäfer „gestört“ wird, sondern durch Windräder?

Windpark Hausfirste im FFH-Gebiet Werra- und Wehretal,

Eignen sich die Argumente von Aschenbrand und Michler nicht auch ebenso gut, um eine „Bürgerbewegung gegen Windräder“ zu diskreditieren? Könnten Aschenbrand und Michler nicht auch den Betreibern von Windparks nützliche Praxistipps geben und ihnen erklären, wie Windkraftgegner ticken? Machen wir einmal den Test!

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