Sommerwanderung zum Rachel

„Weit verbreitet ist die Vorstellung vom grünen Märchenwald mit uralten Baumriesen […]. Diese stereotype Vorstellung vom Wald ist nicht nur aus Märchen und Filmen bekannt, sondern wird derzeit z. B. auch erfolgreich von ‚Deutschlands berühmtesten Förster‘ (Bild Zeitung 2017) Peter Wohlleben in seinen Büchern bedient.“
Aschenbrand und Michler1a. a. O., S. 163 f.

3. Die Tourismuslogik

Wenn ein Tourist eine Landschaft wie die am Rachel bewertet, dann spielen „stereotype Vorstellungen“ eine große Rolle:

„Für die Tourismuswirtschaft sind stereotype Vorstellungen von Landschaft besonders wichtig, da sie es erlauben, komplexe Gebilde wie Regionen oder ganze Staaten auf eine einzige Aussage zu verdichten und somit als Produkt zu positionieren. […] Auch für den Wald existieren stereotype Vorstellungen. Weit verbreitet ist die Vorstellung von grünen Märchenwald mit uralten Baumriesen, die als Symbol der Weisheit und Dauerhaftigkeit der Natur interpretiert werden.“2a. a. O., S. 163

Wenn Touristen also „mit stereotypen Ideallandschaften zum Reisen motiviert“3a. a. O., S. 164 werden, dann könnte man befürchten, dass sie von der Landschaft am Rachel schockiert sind.

Denn diese entspricht nun wirklich nicht einem „grünen Märchenwald“. Aber diese Befürchtung ist unbegründet, denn:

„Hier zeigt sich, dass Touristen schlicht daran gewöhnt sind, dass nicht alle Erwartungen erfüllt werden. Sie gehen routiniert mit Unerwartetem um.“4ebd.

Die vom Borkenkäfer radikal veränderte Landschaft am Rachel „bleibt für Touristen weitgehend unproblematisch und wirft höchstens Fragen über ihre Ursachen und Folgen auf.“5ebd.

Mit einem Augenzwinkern fügt Michler hinzu: Das kann „für die Umweltbildung von Schutzgebieten als gute Ausgangsbedingung betrachtet werden“. Michler arbeitet im NLP für die Umweltbildung. Allerdings achte man auch hier auf die genaue Wortwahl: Die Totholzflächen am Rachel werfen „höchstens“ Fragen auf. Vielen Touristen dürften die toten Fichten am Rachel völlig egal sein.

Die Stimmung am Waldschmidthaus und am Gipfelkreuz ist immer gut: niemand wirkt nachdenklich oder besorgt oder traurig. Und schon gar nicht bricht irgendjemand in Tränen aus wie noch Andreas Geiß im Jahr 1997:

„Oben angekommen, weinte ich. Es war zu schrecklich und zu bitter, was ich gesehen hatte. Mein Bayerwald [war] tot.“6Andreas Geiß (Hg.), Nationalpark Bayerischer Wald – vom „grünen Dach Europas“ zum Waldfriedhof, Regen 32001 , Vorwort. Geiß beschreibt seine Ankunft am Lusen, nicht am Rachel. Ich bin mir aber sicher, er wäre auch am Rachel in Tränen ausgebrochen.

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