Sommerwanderung zum Rachel

1. Die Heimatlogik

Aschenbrand und Michler beschreiben die Perspektive der heimischen Bevölkerung so:

„Werden Räume als Kulturlandschaften verstanden, so sind sie meist dadurch gekennzeichnet, dass Landschaftsveränderungen durch natürliche Störungen vom Menschen auf ein Minimum reduziert wurden. Zudem wird die heimatliche Umgebung grundsätzlich und vor allem auf der Basis von Vertrautheit positiv bewertet. Landschaftliche Qualitäten der heimatlichen Wohnumgebung werden folglich selten hinterfragt, solange sie unverändert bleiben.“1a. a. O., S. 161, Hervorhebungen von F. – J. A.

Es ist fast überflüssig zu sagen, dass die Gründung des NLP Bayerischer Wald 1970 und dann das Absterben von „6.000 ha alter Fichtenbestände“ ab Mitte der 1980er Jahre die Kulturlandschaft des Bayerischen Waldes diametral veränderte:2siehe dazu Das Fichtensterben am Lusen Die natürliche Störung durch den Borkenkäfer wurde nicht auf ein Minimum reduziert.

Die Landschaft veränderte sich total, sie war nicht mehr vertraut und sie wurde auch nicht mehr positiv bewertet:

„Die Landschaftsveränderungen wurden […] als „Baumfriedhof“ und „Todeszone“ […] kritisiert.“3ebd.

Noch schlimmer:

„Die Kritik ging einher mit starkem Zweifel, dass dort jemals wieder Wald wachsen könnte.“4ebd.

Im STERN hieß es 1997:

„Gut möglich, dass dort, wo vor wenigen Jahren noch ein grünes Dach war, für immer eine Tundra zurückbleibt.“5Kaputtgeschützt

Kein Wunder, dass die Anwohner dem NLP eine „Zerstörung von Heimat“6Aschenbrand und Michler zitieren hier einen Aufsatz von Martin Müller, zu dem ich mich 2015 sehr kritisch geäußert habe. vorwarfen. Vertraut waren ihnen „grüne, lebende Bäume“7a. a. O., S. 162. Diese bewerteten sie positiv. Mit quadratkilometergroßen Totholzflächen konnten sie nichts anfangen. Gar nichts.

Es ist ebenfalls kein Wunder, dass die Bewertung vieler Anwohner heute – 30 Jahre später – wieder positiv ist, denn nun gibt es sie wieder: grüne, lebende Bäume. Aschenbrand und Michler verweisen auf einen „reichweitenstarken und insofern erfolgreichen Facebook-Post der Nationalparkverwaltung“8ebd. vom 8.6.2016:

Dazu Aschenbrand und Michler:

„Sowohl Touristen als auch viele Einheimische teilen in ihren Reaktionen auf diesen Post die Freude über den nachwachsenden und wiederergrünenden Wald.“9ebd., Hervorhebungen von F. – J. A.

Diese Feststellung von Aschenbrand und Michler, dass Touristen und Einheimische „grüne, lebende Bäume“ brauchen, um eine Landschaft als schön zu empfinden, hat mich sehr nachdenklich gemacht. Denn der „nachwachsende und wiederergrünende Wald“ – genau der fehlte auch mir am Rachel, als ich im Jahr 2014 meinen ersten großen Artikel über ihn schrieb. Damals war ich zutiefst besorgt, um nicht zu sagen verärgert über den Rachel und gab meinem Artikel die reißerische Überschrift: Tote Hose am Rachel. In meinen Augen gab es damals am Rachel viel zu wenig junge Fichten. Die Wiesen waren leer. Keine Naturverjüngung. Hier stimmte etwas nicht und ich machte mir viele tiefschürfende Gedanken: Sechs Ursachen für die spärliche Naturverjüngung. Fünf Jahre später ist die Naturverjüngung immer noch spärlich. Aber aus der Perspektive des Naturschutzes ist das überhaupt kein Problem, im Gegenteil: es ist sogar begrüßenswert und verdient hohe Wertschätzung! Mehr dazu im nächsten Kapitel.

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