Sommerwanderung zum Rachel

2. Die Naturschutzlogik

Die Naturschutzlogik ist eine völlig andere als die Heimatlogik. Die Perspektive von Naturschützern unterscheidet sich fundamental von der der Einheimischen. Und mit Naturschützern meinen Aschenbrand und Michler nicht Lieschen Müller von der lokalen Ortsgruppe des BUND. Nein, sie meinen Naturschutzexperten wie z. B. Jörg Müller oder Simon Thorn1siehe Der Pilzkäfer Triplax rufipes im Steigerwald und betonen selbst:

Die „Neubewertung der Totholzflächen“ ist „als Ergebnis eines Expertendiskurses [..] für Außenstehende unter Umständen schwer nachvollziehbar.“2a. a. O., S. 163, Hervorhebungen von F. – J. A.

Man achte auf die Wortwahl! Auf der einen Seite die „Experten“ und auf der anderen Seite die „Außenstehenden“. Letztere stehen buchstäblich draußen vor der Tür, während die Experten drinnen ihre „Diskurse“ führen. Was aber ist so „schwer nachvollziehbar“, dass die Einheimischen es partout nicht verstehen wollten? Es geht um Biodiversität, zu deutsch: Artenvielfalt:

„Auf Grundlage der Biodiversität im Allgemeinen und dem Vorkommen von seltenen Arten im Speziellen wird Wert zugeschrieben, der umso höher ausfällt, je seltener die entdeckten Arten und je indikativer sie für andere typische Arten eines Ökosystems sind (Indikatorarten).“3a. a. O., S. 162, Hervorhebungen von F. – J. A.

Mag der Laie sich unter „Biodiversität“ vielleicht noch etwas vorstellen können – schon beim ökologischen Fachbegriff der „Indikatorart“ werden viele kapitulieren und von den Experten zu „Außenstehenden“ gemacht; sie werden ausgeschlossen, weil sie es nicht verstehen. Aschenbrand und Michler wissen das:

„Der Verweis auf seltene Arten ist geeignet, beim naturwissenschaftlich interessierten Publikum positiv aufgenommen zu werden.“4a. a. O., S. 163, Hervorhebungen von F. – J. A.

Beim Publikum, das sich dafür nicht interessiert, reichen seltene Arten nicht. Ihnen sind die grünen Bäume wichtiger. Aschenbrand und Michler zitieren zwei drastische Leserbriefe aus dem Bayerwald-Boten:5ebd.

„Ist es nicht fantastisch, was der NLP Bayerischer Wald für die Region so lebenswichtige Raritäten beherbergt? […] um an erster Stelle in der Rangliste der ökologisch besonders wertvollen Wälder in Bayern zu stehen, brauchten nur 10.000 Hektar Wald in Totholzflächen verwandelt werden. Forscherherz, was brauchst du mehr?“

„Sucht eure Lorcheln und scannt eure Artenvielfalt wo ihr wollt, aber nicht bei uns im Bayerischen Wald!“

Ich kann beide Leserbriefschreiber sehr gut verstehen. Das wird Sie vielleicht überraschen, denn ich würde mich selbst zu dem „naturwissenschaftlich interessierten Publikum“ zählen und habe viel über „seltene Arten“ auf Totholzflächen geschrieben.6siehe z. B. Artenvielfalt auf belassenen Borkenkäferflächen und Die unbekannten Kollateralschäden der Borkenkäferbekämpfung Trotzdem: Ich finde beide Leserbriefschreiber sogar ein bisschen sympathisch. Denn das Problem mit „seltenen Arten“ ist: sie sind so verdammt selten! Und das meine ich nicht ironisch, das ist mein voller Ernst. Meine erste „seltene Art“ habe ich gesehen, als mir Jörg Müller und Thomas Michler eine gezeigt haben: siehe Video des Urwaldreliktkäfers Mycetoma suturale. Sonst kannte ich diese „seltenen Arten“ nur aus Fachzeitschriften. Nie vom Sehen. Und ich habe geflucht, weil diese Zeitschriften selbst für einen „naturwissenschaftlich interessierten“ und noch dazu studierten Biologen wie mich so furchtbar schwer zu verstehen sind.7siehe z. B. Verwendete Literatur Es gibt keine für den Laien verständlichen und gut geschriebenen Bücher über Totholzkäfer. Ganz zu schweigen davon, dass sie ohne die Hilfe des Fachmanns nie zu sehen sind. Und das gilt nicht nur für die häufig ja sehr winzigen Käfer, die noch dazu die meiste Zeit ihres Lebens versteckt unter der Borke leben. Das gilt auch für „naturschutzfachlich“ so wertvolle Vögel wie den Gartenrotschwanz, den Dreizehenspecht, den Sperlings- und den Habichtskauz. Die sollte man doch sehen können am Rachel! Sollte man meinen. Aber sehen Sie einen auf den Fotos oder dem Video? Ich nicht!

Der Unterschied zwischen der hohen Wertschätzung von Totholzflächen durch Naturschutzexperten und der Geringschätzung durch Einheimische ist sogar noch größer. Aschenbrand und Michler zitieren starke Worte aus einem Aufsatz von Jörg Müller und Rainer Simonis:8Wenn der Borkenkäfer geht, kommt der Gartenrotschwanz, Vogelschutz – 1/2011

„In der Diskussion um die Totholzflächen hört man häufig erfreute Stimmen über den nachwachsenden Wald. Eine solche Begeisterung gegenüber üppiger Naturverjüngung entspringt aber eher forstlichen und ökonomischen Holzproduktionsgefühlen. […] Bis heute fehlt es bei vielen Menschen an Akzeptanz oder ästhetischem Empfinden für Naturdynamik.“9Hervorhebungen von F. – J. A.

Nur ein schmaler Grat trennt den letzten Satz von der Behauptung, den Leuten fehle es an Intelligenz. Sie sind einfach zu blöd um zu verstehen, dass „waldsteppenartige Totholzflächen“ nur „vermeintlich“ eine „Wüste“ und „in Wirklichkeit ein vitaler Lebensort z. B. für den Gartenrotschwanz“ sind. Den dann wiederum aber nur Experten wie z. B. Förster Rainer Simonis sehen und fotografieren können.

„vitaler Lebensort für den Gartenrotschwanz“

Wenn Sie aus meinen letzten Sätzen Verärgerung heraushören, dann hören Sie richtig. Ich bin verärgert. Denn mir ging es ganz genauso: auch mir fehlte es an „Akzeptanz“ und „ästhetischem Empfinden“, als ich den Rachel im Jahr 2014 besuchte. Ich fühlte mich damals – um es vorsichtig auszudrücken – belogen: alle Naturschutzexperten redeten davon, dass der Wald sich wieder erholen würde und überall junge Fichten wachsen würden. Nur am Rachel konnte ich davon nichts sehen. Und mir fehlte trotz 20jähriger Tätigkeit als Biologielehrer am Gymnasium jegliches Verständnis für „Waldsteppen“. Von denen hatte ich im Studium nie gehört und die tauchten auch im Biologie-Curriculum nirgendwo auf. Selbst im Biologie-Leistungskurs kam das nicht vor.

Es brauchte eine E-Mail von Jörg Müller, um mich auf den hohen naturschutzfachlichen Wert des „so wichtige[n] Mosaik[s] aus offenen und geschlossenen Waldflächen“ hinzuweisen. Daraus entstand dann mein Artikel Winterwanderung zum Rachel. In diesem Artikel steckte die Arbeit von vielen Wochen – inclusive durchgearbeiteter Nächte, nach denen ich todmüde zur Schule ging. Es brauchte sehr viel Zeit, um die ganzen Fachzeitschriften zu kapieren. Erst danach war ich ungefähr auf einer Höhe mit den Naturschutzexperten und ich konnte ihre hohe Wertschätzung für den Rachel verstehen. Aschenbrand und Michler würden den von mir benötigten Zeitrahmen von mehreren Wochen noch für zu niedrig halten. Sie rechnen nicht mit Wochen, sie rechnen mit Jahren:

„Dabei sollten sie [= die NLPs] sich [..] bewusst machen, dass sie als Experten Landschaft aus der Expertenlogik ihrer beruflichen Sozialisation heraus konstruieren, die unter Umständen nicht für alle potenziellen Besucher nachvollziehbar ist, da sie in der Regel auf jahrelanger Auseinandersetzung mit den Themen entwickelt werden.“10a. a. O., S. 165, Hervorhebungen von F. – J. A.

„Jahrelange Auseinandersetzung“: Woher soll ein normal arbeitender Familienvater diese Zeit nehmen? Woher soll sie eine Mutter mit Halbtagsjob und Kindern nehmen? Helfen vielleicht Führungen auf den Rachel mit einem geschulten Waldführer, um den Rachel schön zu finden? Und wenn ja, warum bietet die NLP-Verwaltung dann nur eine pro Monat an?11siehe NLP Bayerischer Wald (Hg.), Erlebnisangebote – Führungen 15.5. – 8.11.2019, S. 13 Führung Nr. 8: „Spuren in die Wildnis“ am 20.5, 17.6, 15.7. 19.8, 16.9 und 21.10 Zitat aus der Beschreibung der Führung:

„[D]ie unbändige Dynamik der Natur nach großen Sturmereignissen [ist] nirgends so direkt erlebbar, wie in den ursprünglichen Wäldern des Rachelgebiets und ihrem ewigen Werden und Vergehen.“12ebd.

Moment! „Ursprüngliche Wälder“? Waren es nicht eben noch „Waldsteppen“? „Ewiges Werden und Vergehen“? Was soll das denn jetzt? Ich weiß auf all diese Fragen keine Antwort.

Es gibt allerdings eine zynische Antwort: Es gibt eine zynische Lösung für das Problem, dass viele Einheimische den NLP mitsamt seinen Naturschutzexperten nach wie vor ablehnen. Eine Lösung, die auch funktioniert: die Gegner des NLPs sterben. Und einige NLP-Mitarbeiter sagen das auch hinter vorgehaltener Hand: Die Gegner des NLPs werden alt und sterben. Und die junge Generation hat keine Probleme mit den Totholzflächen. Warum auch? Sie kennen es ja nicht anders. Bitte erinnern Sie sich an das Zitat am Anfang des vorigen Kapitels:

„Zudem wird die heimatliche Umgebung grundsätzlich und vor allem auf der Basis von Vertrautheit positiv bewertet. Landschaftliche Qualitäten der heimatlichen Wohnumgebung werden folglich selten hinterfragt, solange sie unverändert bleiben.“

Die jungen Leute sind mit den Totholzflächen vertraut. Sie kennen den Rachel gar nicht anders. Sie haben den alten Fichtenwald nie gesehen. Sie hinterfragen das nicht, weil für sie der Rachel unverändert bleibt. Die einzige Veränderung ist, dass die kleinen Fichten langsam groß werden. Aber das ist etwas, was man nie hinterfragen würde. Die junge Generation hat also kein Problem mit dem Rachel. Für sie gilt genau dasselbe, was für die Touristen gilt, um die es im folgenden Kapitel geht:

„Das Gesehene wird [..] als Selbstverständlichkeit betrachtet und bleibt als solche weitgehend unhinterfragt.“13a. a. O., S. 164

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