Buchdrucker-Wissen in 60 Sekunden

Die Gründe für Borkenkäfer-Massenvermehrungen
Buchdrucker-Wissen in 60 Sekunden (4/6)

Transkript

Viele Menschen fragen sich: Warum sehen wir gerade aktuell solche Massenvermehrung bei Borken­käfern?

Das ist in der Wissenschaft inzwischen sehr gut verstanden. Wir beobachten momentan auf der nördlichen Halbkugel sowohl in Nordamerika wie auch in Europa solche Massenvermehrung, gera­de in den letzten Jahrzehnten.

Und die Ursachen lassen sich im Wesentlichen auf zwei Gründe zurückführen.

Erstens, es gibt sowohl in Nordamerika als auch in Europa heute mehr fressbare Nadelbäume, durch die letzten 200 Jahre forstliche Nutzung, als je zuvor. Das heißt, der Tisch ist gedeckt mit sehr gleich alten, reifen Fichten, wie sie der Buchdrucker bei uns besonders mag.

Der zweite Grund ist im Zuge der Klimaerwärmung, dass wir immer häufiger trockene, war­me Sommer sehen, die a) die Fichten unter Stress setzen und ihnen die Widerstandsfähigkeit nehmen und b) den Buchdruckern einen rasanten Populationsanstieg ermöglichen.

Kommentar

Totholzfläche an der Waldhausstraße

„Viele Menschen fragen sich“

Nein, tun sie nicht. 668 Aufrufe dieses Videos1Stand Oktober 2026 in drei Jahren sprechen eine deutliche Sprache. „Viele Menschen können es nicht mehr hören …“ wäre eine bessere Einleitung gewesen. Denn seit den sog. Dürrejahren 2018-2020 wurde es in Zeitungen und Fernsehen in Endlosschleife wiederholt: Klimawandel, Klimawandel, Klimawandel.

Ich war im August 2026 am Falkenstein – also genau dort, wo laut Beschreibung der Playlist Buchdrucker-Wissen in 60 Sekunden seit 2023 „erhöhte Borkenkäfer-Aktivität festzustellen“ ist. Auf die Frage von Müller hätte jeder der vielen Besucher sofort und ohne lange Nachzudenken geantwortet: „Klimawandel“.

Die Fichten am Großen Falkenstein sind inzwischen alle tot. Ich hatte nicht den Eindruck, dass irgendjemand davon beunruhigt war. Die Menschen sitzen vor dem großen Panorama-Fenster des Falkenstein-Schutzhauses oder auf der Terrasse und ringsum stehen nur tote Fichten. Aber niemand bricht in Tränen aus oder scheint sich Sorgen um Waldsterben, Klimakrise oder Weltuntergang zu machen. Die Dame an der Rezeption in meinem Hotel schaute mich ganz verwundert an, als ich ihr vom Fichtensterben am Falkenstein erzählte: „Ach ja? Ich bin schon seit Jahren nicht mehr dort gewesen.“

Totholzfläche an der Waldhausstraße

„in der Wissenschaft inzwischen sehr gut verstanden“

Die Massenvermehrung ist in der Tat sehr gut verstanden. Da möchte ich Müller gar nicht widersprechen. Was mich stört, sind zwei Worte: „Wissenschaft“ und „inzwischen“.

Borkenkäfermassenvermehrung ist keine Raketenwissenschaft. Jedes Kind, das im Biologieunterricht gut aufgepasst hat, kann das erklären. Seit Jahrzehnten kann man das erklären. So erklärt Nüßlein schon vor 25 Jahren die Buchdruckerwelle der 90er Jahre so:

„Hinzu kam schließlich noch, dass das Jahr 1992 eine außergewöhnliche Reihung überdurchschnittlich warmer Jahre einleitete, díe dem Buchdrucker bis hinauf in die rauen Hochlagen geeignete Bedingungen für eine explosive Vermehrung bot (warme Sommer begünstigen Geschwisterbruten der Buchdrucker.“2Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, Zur Waldentwicklung im NP BW 1999, Freising 2000, S. 5

Müller lässt sogar eine wichtige Ursache weg: Windwürfe. Das weiß man seit über 100 Jahren:

„Ein großer Windwurf im Jahr 1870 und der ihm folgende Borkenkäferbefall hinterließen nach der Aufarbeitung allein im Nationalparkgebiet eine Kahlfläche von 2025 ha, dies entspricht rund 16% der Holzbodenfläche. Auch 1929 warfen und brachen Stürme um die 300000 fm.“3Heinrich Rall, Die Wälder im Nationalpark Bayerischer Wald: Von forstwirtschaftlicher Prägung zu natürlicher Entwicklung, in: Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald (Hg.), 25 Jahre auf dem Weg zum Naturwald, Neuschönau 1995, S. 20

Dass Müller diese Ursache weglässt, ist verständlich: Er hat ja nur 60 Sekunden Zeit.

Totholzfläche an der Waldhausstraße

„Wir beobachten momentan“

Müller widerspricht sich: Entweder beobachtet man die Massenvermehrung „momentan“ oder „in den letzten Jahrzehnten“. Beides zusammen passt nicht. „Momentan“, d. h. zum Zeitpunkt der Dreharbeiten im Jahr 2023, sterben die Fichten am Falkenstein. Und selbst das ist etwas ungenau. Denn im Norden des NP sterben die Fichten spätestens seit 2019 großflächig ab, rund um den Falkenstein dann 2022 und 2023.4siehe Mangold, M., Olszewski, T.,Reers, J., Heurich, M. (2026). Bericht zur natürlichen Waldentwicklung im Nationalpark Bayerischer Wald 2015 bis
2024. Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald, Grafenau, S. 13 ff.

Wahrscheinlich ist das auch der Grund für die sechs Videos der Playlist Buchdrucker-Wissen in 60 Sekunden: Die NPV hatte Angst, dass es wieder zu Protesten kommt, ähnlich wie in den 80er Jahren nach dem Fichtensterben am Lusen oder wie bei der Erweiterung des NP Ende der 90er Jahre:

Demonstration gegen die Nationalparkerweiterung in Finsterau 1995 NPVBW / NP BW

Böse Zungen vermuten, dass es die Angst vor einem Wiederaufflammen früherer Proteste war, weshalb man Jörg Müller in gleich drei der sechs Videos vorangeschickt hat: Vielleicht dachte man, ein international renommierter Professor mit über 700 Publikationen in Fachzeitschriften mache besonderen Eindruck.

Die Angst war überflüssig. Die Menschen, die 1995 protestierten, sind mittlerweile tot oder im Altenpflegeheim. Sie protestieren nicht mehr. Mit ihrem wichtigsten Vorwurf aber hatten sie damals recht: Die Erweiterung des NP würde dazu führen, dass sich dort der Borkenkäfer ungehindert vermehrt und die Fichten absterben.

Totholzfläche an der Waldhausstraße

„Der Tisch ist gedeckt mit sehr gleich alten, reifen Fichten“

Diese Erklärung für das Fichtensterben mag wohl für den normalen Wirtschaftswald zutreffen. Im klassischen Forst sind die Fichten in der Tat alle gleich alt. Aber im Nationalpark? Zumindest in der Vergangenheit hörte man da ganz anderes. Im offiziellen Nationalparkführer von Bibelriether/Strunz aus dem Jahr 1975 lesen wir über den Wald am Rachel:

„Erst weiter droben, nach dem Schusterkreuz […] und dem Lieselbrunnen, wird der fast unberührte Bergwald erreicht. Am Waldschmidthaus [… ] beginnt das Naturschutzgebiet ‚Rachel mit Rachelsee‘.“5Hans Bibelriether, Harmut Strunz, Nationalparkführer Bayerischer Wald, München 1975, S.33

Oder über den Bergfichtenwald:

„Höher hinaus im Bereich des Grenzgebirgskammes, wo Buche oder Tanne wegen des kühleren Klimas nicht mehr fortkommen, findet sich als weiterer großflächig natürlicher Waldtyp, der gerade im Bayerischen Wald von Menschen noch kaum veränderte Bergfichtenwald.“6a. a. O. S. 13

Oder über den natürlichen Fichtenwald:

„Im Gegensatz zum eintönigen dunklen, gegen Stürme, Schnee und Schädlinge anfälligen Fichtenkunstforst der Niederungen, ist dieser Fichtenurwald locker und dicht. […] Im Bayerischen Wald / Böhmerwald blieb dieser Fichtenwald auf großen Flächen noch bis heute kaum verändert erhalten.“7a. a. O., S 15

Dass der „kaum veränderte“ Fichtenwald gegen Schädlinge nicht so anfällig sei wie der Fichtenkunstforst, hat sich dann als Irrtum erwiesen.

Totholzfläche an der Waldhausstraße

„im Zuge der Klimaerwärmung“

Man muss nur 1 + 1 zusammenzählen, d. h. die Kernaussagen von „Borkenkäfer im NP BW“ und „Die Gründe für Borkenkäfer-Massenvermehrungen“ zusammenfassen, und gelangt zu dem Ergebnis, dass der Klimawandel gut für den NP BW war: siehe How dare You! und Klimawandel und Rachel – Was ein Nationalparkmitarbeiter nicht sagen darf.

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