Borkenkäfer im NP BW
Buchdrucker-Wissen in 60 Sekunden (2/6)
Transkript
Hinweis: Die folgenden Fotos sind genau dieselben, die auch im Video eingesetzt werden. Sie sind aktuell Bestandteil der Pressemappe des NP.
Der Buchdrucker spielt im NP BW eine ganz besondere Rolle.
In der Naturzone des NP ist er einer der zentralen Gestalter der natürlichen Dynamik.
Zeitreihe Waldentwicklung am Lusen / NP BWIn den letzten Jahrzehnten hat er hier den ganzen Wald, einen ehemaligen Wirtschaftswald, umgebaut und hat eine heterogene Landschaft geschaffen aus hellen Bereichen und dunklen Bereichen, viel und wenig Totholz.
Verjüngung Gregor Wolf / NP BWWir haben gelernt, dass unter allen Baumarten die Fichte am stärksten von dieser Auflichtung durch den Borkenkäfer gefördert wurde.
Auf der anderen Seite haben wir gelernt, dass die Biodiversität massiv angeschoben wurde durch dieses Massenangebot an Totholz und auf der anderen Seite das Angebot an lichten Waldstrukturen.
Urwaldreliktkäfer Peltis grossa / NP BWAlso über alles hinweg hat der Buchdrucker die Biodiversität und die Heterogenität des Nationalparks erhöht.
Zitronengelbe Tramete – Rainer Simonis / NP BWIn der Randzone, in der Managementzone, wird er dagegen wie ein Forstschädling behandelt, um hier die angrenzenden Wälder zu schützen.
Kommentar
Totholzfläche an der WaldhausstraßeDrehort
Der NP ist knapp 25.000 ha groß. Und das Filmteam wählt diesen Drehort? Diesen? Steht Müller überhaupt im NP? Oder vielleicht in Würzburg nahe der Universität? Wieso wurde überhaupt vor einer grünen Kulisse gedreht? Warum nicht gleich im Büro? Der Drehort spielt doch überhaupt keine Rolle im Film und ist vollkommen gleichgültig.
Thema des Films ist zwar der Buchdrucker, aber statt am Falkenstein zu drehen, wo 2023 eine „erhöhte Borkenkäfer-Aktivität festzustellen“1Beschreibung der Playlist Buchdrucker-Wissen in 60 Sekunden war, dreht man in einem grünen Wald.
Wenn man genau hinschaut, erkennt man hinter der linken Schulter von Müller eine Käferfichte. Müller hätte hingehen können. Er tut es nicht.
Ein Profi würde sich vermutlich die ersten 10 Sekunden des Videos anschauen und dann Stopp rufen: „Worum geht es hier? Borkenkäfer? Tatsächlich? Und wer ist das? Was unterrichtet der? Welche Funktion hat der im NP? Ernsthaft? Und dann drehen die dort?“
Totholzfläche an der Waldhausstraße„In der Naturzone ist der Buchdrucker der zentrale Gestalter der natürlichen Dynamik.“
Der Satz ist nicht falsch. Aber nur die halbe Wahrheit. Denn die im Video gezeigte Karte führt in die Irre. Die grün eingezeichnete Naturzone ist erst seit 2022 so groß und hat erst sehr spät ihre endgültige Größe von 75% der gesamten Fläche erreicht. 2siehe Nachdenken über Sinner – Teil 2 oder auch das Vorwort zum Jahresbericht 2022 Bei der Erweiterung des Parks 1997 war die Naturzone im Erweiterungsteil zwischen Rachel und Falkenstein gerade einmal 300 ha groß. Das sind 3% einer Erweiterungsfläche von 11.000 ha. 25 Jahre hat die Vergrößerung der Naturzone gedauert und es ging nur quälend langsam voran. Um jeden Hektar wurde erbittert gekämpft.3siehe Geschichte löschen durch Informationsschilder
Der Satz ist nicht falsch, aber er lässt weg, dass es außer der Naturzone von 1997 bis 2022 auch noch die Entwicklungszone gab. Und in dieser war der Käfer ein Forstschädling ganz genauso wie im Wirtschaftswald und wurde unerbittlich bekämpft.
Müller arbeitet seit 2006 im Nationalpark, seit 2012 ist er Abteilungsleiter für Naturschutz und Forschung, seit 2013 Vize-Chef. Er weiß das natürlich alles. Sagen tut er es nicht. Er hat ja auch nur 60 Sekunden Zeit.
Totholzfläche an der Waldhausstraße„Buchdrucker hat den ganzen Wald umgebaut.“
Den ganzen Wald hat der Buchdrucker nicht umgebaut: Im Erweiterungsteil des NP zwischen Rachel und Falkenstein hat man den Buchdrucker jahrzehntelang bekämpft und den Umbau nicht zugelassen. Müller weiß das. Er hat sogar einen Aufsatz in einer Fachzeitschrift dazu geschrieben: Increasing disturbance demands new policies to conserve intact forest. Der Aufsatz enthält ein ziemlich beeindruckendes Foto eines Forstrückeschleppers, der im Erweiterungsteil des NP metertief im Schlamm versinkt.
Totholzfläche an der Waldhausstraße„Ehemaliger Wirtschaftswald“
Es ist selten, dass ein Mitglied der Verwaltungsspitze des NP zugibt, dass es ein Wirtschaftswald war, den man zum NP erklärt hat. Für gewöhnlich wird gesagt, dass dieser Wald immer schon besonders naturnah war und er nur ganz wenig und wenn, dann nur schonend bewirtschaftet wurde. Müller betont ganz im Gegenteil, dass die Naturnähe erst durch den Umbau des Käfers hergestellt worden ist.
Totholzfläche an der Waldhausstraße„Heterogene Landschaft, helle und dunkle Bereiche, viel und wenig Totholz“
Müller steht nicht in einer heterogenen Landschaft. Er steht in einem Wald ohne helle und dunkle Bereiche und ohne Totholz. Müller ist mit dem Kamerateam nicht zu einer Stelle im Park gegangen, wo er diese Heterogenität hätte zeigen können.
Und selbst wenn er zum Rachel gegangen wäre, wo dieses Mosaik aus hellen und dunklen Bereichen wirklich augenfällig ist, hätte er es unmöglich in 60 Sekunden erklären können. Erklärungen brauchen Zeit. Menschen brauchen Zeit. Müller weiß das. Er ist Hochschulprofessor.
Wenn Müller schon nicht vor Ort an geeigneten Schauplätzen dreht, dann hätte er wenigstens die im Video eingeblendeten Fotos erklären können. Vielleicht hätte er dann bemerkt, dass sie nicht geeignet sind, die Heterogenität zu veranschaulichen: Die Ausschnitte, die die Zeitreihenfotos vom Wald am Lusen zeigen, sind viel zu klein. Und so zeigt das Foto 2001 einen einheitlich hellen Bereich, das von 2015 einen einheitlich dunklen Bereich. Noch ungeeigneter ist das Foto zur Verjüngung von Gregor Wolf: Die Fichten wachsen dicht an dicht und sind alle gleich groß.
Wer komplizierte Sachverhalte in wenigen Sekunden erklären möchte, läuft geradezu notwendigerweise Gefahr, missverstanden zu werden. Ein Förster, der im Wald ordentlich Holz machen will, hat vielleicht früher einen großen Kahlschlag gemacht. Nach dem Video macht er nicht mehr einen großen, sondern viele kleine Kahlschläge: So wird sein Wald hübsch heterogen mit vielen hellen und dunklen Bereichen. Und auf Kritik wird er guten Gewissens antworten: „Das ist gut für die Artenvielfalt! Sagt auch Prof. Müller auf YouTube!“
Totholzfläche an der Waldhausstraße„Unter allen Baumarten wurde die Fichte am stärksten durch den Borkenkäfer gefördert.“
Vielleicht gibt es einen verborgenen Hintersinn in diesem Satz, den nur Müller versteht. Ansonsten ist das einfach Unsinn.
Und wieder passt das eingeblendete Foto nicht: Mal abgesehen davon, dass es hochgradig artifiziell und mit Photoshop koloriert wurde – viel wichtiger ist doch: Wo ist hier die viel gerühmte Artenvielfalt?
Totholzfläche an der Waldhausstraße„Die Biodiversität wurde massiv angeschoben.“
Das ist ein Satz, den man vielleicht Politikern erzählen kann, wenn man sie im Dienstwagen zum Lusen kutschiert. Er passt auch zu Sonntagsreden oder in eine Mappe mit Presseinformationen. Aber dieser Satz ist vollkommen inhaltsleer.
Wie viele Arten kann der normale Besucher des NP bei einer Wanderung erleben? Peltis grossa oder eine andere der angeblich 16 Urwaldreliktarten im NP bekommt der normale Besucher nie zu Gesicht. Nie. Gleiches gilt für Zitronengelbe Tramete, Bleichen Schüppling und Rosenduft-Feuerschwamm. Der normale Besucher sieht sie nicht. Die 2000 bisher angeblich nachgewiesenen Pilzarten stehen auf dem Papier. Pilzexperten mögen beeindruckt sein, der Laie erkennt vielleicht gerade einmal Zunderschwamm und Rotrand-Porling. Ganz davon abgesehen, dass Pilze auch für Experten überhaupt nur an wenigen Wochen im Jahr zu sehen sind.
Man möge nicht einwenden: „Es ist nun einmal so, dass Artenvielfalt nur von Experten erlebt und beurteilt werden kann. Laien können das nicht.“ Irrtum! Artenvielfalt ist auch von Nicht-Experten erlebbar: z. B. beim Schnorcheln im Roten Meer. Da sieht jeder Depp auf Anhieb mindestens ein Dutzend verschiedene Fischarten. Er kann sie zwar nicht mit Namen benennen, aber dass es hier eine Vielfalt von Arten gibt, das kann er sehen. Im NP BW geht das meiner Meinung nach nicht.
Eine Anekdote möge das veranschaulichen: Der Ranger des Wildnis-Spaziergangs, an dem ich im August d. J. teilnahm, erklärte, den Grünspecht könne man regelmäßig auf den Rachelwiesen sehen. Noch am selben Nachmittag war ich dort oben. Mit Fernglas. Ich habe ihn nicht gesehen. Gesehen habe ich auch nicht Gartenrotschwanz, Baumpieper, Wendehals oder Neuntöter.4Wenn der Borkenkäfer geht, kommt der Gartenrotschwanz Und auch nicht das Auerhuhn: Vielleicht steht an den Rachelwiesen kein „Minimum an zweizimmerhohen grünen Fichten als wichtige Schlaf- und Nahrungsbäume zur Verfügung“. Vielleicht wurden die Hühner aber auch von gewissenlosen Wanderern dahingemeuchelt, die sich nicht an Betretungsverbote halten.5Wutausbruch wegen Auerhuhn
Eigentlich wäre Müller genau der richtige Fachmann, Artenvielfalt zumindest in einem Video zu zeigen. Er tut es nicht. Aber er hat ja auch nur 60 Sekunden Zeit.
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