Sinner

„Natur Natur sein lassen meint, dem Borkenkäfer das gleiche Lebensrecht wie der Kreuzotter oder dem Auerhuhn zuzubilligen und einzusehen, wie Goethe es so treffend formuliert hat: ‚Auch Flöhe und Wanzen gehören zum Ganzen‘.“
Hans Bibelriether1

 

Das Gerede von der angeblichen Akzeptanzkrise

Eberhard Sinner nennt auch den Grund, warum der Hochlagenwald vor dem Borkenkäfer geschützt werden soll. Er argumentiert politisch, nicht ökologisch: Es soll Akzeptanz in der lokalen Bevölkerung geschaffen werden. Dies ist das eigentliche Thema seiner Rede –  die angebliche Akzeptanzkrise des NLPs:

Erschütternd für die Menschen ist vor allem die Tatsache, dass Bäume nicht nur punktuell, sondern auf großen Flächen […] absterben. Auf mehreren tausend Hektar stehen dürre2 Bäume. Dieser Anblick ist für die Bewohner des Bayerischen Waldes schrecklich […]“3

Verschlimmert wird der ohnehin „erschütternde“ und „schreckliche Anblick“ durch die Erinnerung an Vorgänge, die 120 Jahre zurückliegen:

„[…] sie denken dabei an die Situation vor 120 Jahre, als der Bayerische Wald von einer ähnlichen Borkenkäferkatastrophe heimgesucht wurde. […] sie haben diese Erinnerung.“4

Zur Katastrophenerinnerung und zum Schreckensanblick kommt noch eine Vertrauenskrise hinzu:

„Hinzu kommt, dass man die Situation, obwohl dies möglich gewesen wäre, nicht vorhergesehen hat.“5

Eine unheilige Trias hat der Bevölkerung das Vertrauen geraubt:

  1. der Bund Naturschutz, der den Borkenkäfer „sogar verniedlicht“ hat,
  2. die NLP-Verwaltung, die fälschlicherweise behauptet hat, dass „die selbstverordnete Nichteingriffsstrategie den Käfer allmählich mattsetze“, und sogar
  3. Staatsminister und Leiter der Staatskanzlei Erwin Huber höchstselbst, der „noch 1995 […] keine Gründe für eine Invasion der Borkenkäfer sah“.6

§ 14 zum Schutz des Hochlagenwaldes ist Mittel zum Zweck: Es geht darum, „wie wir wieder Vertrauen schaffen und eine Akzeptanz herstellen können“. Oder anders formuliert: § 14 macht „die Erweiterung des Nationalparks […] für die örtliche Bevölkerung akzeptabel“.

Nicht nur Eberhard Sinner redet lang und breit über die angebliche Akzeptanzkrise. Auch sein kleiner Bruder Karl Friedrich wird in den kommenden Jahren vertrauensbildende und akzeptanzschaffende Maßnahmen zur Chefsache machen.7

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  1. Hans Bibelriether, Natur Natur sein lassen, in: Peter Prokosch (Hg.), Ungestörte Natur – Was haben wir davon, Tagungsbericht 6 der Umweltstiftung WWF-Deutschland, Husum 1992, S. 93 []
  2. dürr =  tot []
  3. Protokoll, S. 6120, linke Spalte, 4. Absatz, Hervorhebungen von mir []
  4. ebd. und rechte Spalte, 1. Absatz []
  5. Protokoll, S. 6120, rechte Spalte, 2. Absatz []
  6. ebd., 2. und 3. Absatz []
  7. siehe Die Kritik kommt von außen []