Peters

4. Keine Argumente für den Nationalpark

Frau Peters möchte die „örtlichen Abgeordneten“ von der Sinnhaftigkeit des NLPs überzeugen. Wie aber soll ihr das gelingen, wenn sie in ihrer gesamten Rede nicht ein einziges Argument für den NLP bringt? Kein einziges! Nicht einmal das Standardargument vom Touristenboom. So schreibt z. B. DER TAGESSPIEGEL:

„Zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Besucher machen sich jedes Jahr in das Mittelgebirge auf. 6000 Beschäftigte profitieren direkt von den Touristen. 60 bis 70 Millionen Mark bleiben dabei jährlich für die strukturschwache Region hängen.“1

Sie hätte auch über Auerhuhn, Gartenrotschwanz, Dreizehenspecht, Habichtskauz, Luchs, Totholzkäfer, die Rückkehr von Rote-Liste-Arten und die von Motorsägen ungestörte Ruhe schwärmen können.

Überzeugungsarbeit hätte sie auch dadurch leisten können, dass sie den vielen Einheimischen eine Stimme im Parlament verschafft hätte, die den NLP gut finden und sich von der Borkenkäferhysterie nicht haben anstecken lassen. Folgende NLP-Befürworter hätte sie beispielsweise zitieren können:

  • das Gemeinderatsmitglied Dr. Max Köck2,
  • den Frauenauer Glas-Künstler und Graphiker Erwin Eisch3,
  • ihren Parteikollegen und Frauenauer Bürgermeister Josef Stadler,4
  • den stellvertretenden Chefredakteur der Passauer Neuen Presse Klaus Hermann,5
  • und last but not least hätte Peters auch an den Grafenauer Landrat und NLP-Pionier Karl Bayer erinnern können, der 1995 viel zu früh gestorben war.6

Aber nichts dergleichen! Stattdessen ähneln viele ihrer Aussagen verdächtig den Äußerungen führender NLP-Gegner. So fällt beispielsweise die gedankliche Nähe zu Alois Kandlbinder auf, dem Bürgermeister des winzigen Dorfes Waldhäuser. Peters war Alois Kandlbinder am 19. Juni 1997 beim Ortstermin der Umwelt- und Landwirtschaftsausschüsse am Lusen begegnet. Das Dorf ist eine Enklave im NLP und liegt unmittelbar unterhalb des Lusen. Es ist eine Hochburg der NLP-Gegner und war beim Ortstermin schwarz beflaggt.7 Die Passauer Neue Presse zitiert Kandlbinder wie folgt:

„Die Experten warnen bereits seit mehr als zehn Jahren vor dem Borkenkäfer, aber der Nationalpark setzt sich über diese Gutachten hinweg. Die Natur muss sich selbst überlassen werden, lautet die Devise der Nationalparkverwaltung. Dies kann nicht mehr lange gutgehen, da es bei uns bald keine Natur mehr gibt […] Der Freistaat soll sich einen Wald leisten können, der nicht wirtschaftlich intensiv genutzt wird. Allerdings ist ein Urwald in einem bewohnten Gebiet nicht möglich. Ein goldener Mittelweg muss gefunden werden. Der bayerische Landtag soll beschließen, dass der Borkenkäfer im Nationalpark Bayerischer Wald bekämpft werden darf, sonst ist in kürzester Zeit vom Nationalpark nicht mehr viel übrig.“8

Es scheint so, als habe Peters sehr aufmerksam zugehört. Viele der Flausen Kandlbinders finden sich in ihrer Rede wieder – so z. B. die Idee des goldenen Mittelwegs:

„Richtlinien müssen zwangsläufig […] flexibel […] gehandhabt werden. Ich meine, […] der Fundamentalismus, den wir zum Teil üben, ist ein deutsches Problem. Der Begriff „Nationalpark“ bezeichnet ganz unterschiedliche Dinge in verschiedenen Ländern.  Ich denke an die USA, die mit Brand und Säge hineingehen. Dennoch hat man ihnen die Anerkennung noch nicht weggenommen.“9

Fast möchte man dankbar sein, dass nicht auch noch die Borkenkäferbekämpfung „mit Brand“ im § 14 gesetzlich vorgeschrieben wurde!

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  1. Der Urwald im Naturzustand ist den Wäldlern ein Graus, DER TAGESSPIEGEL vom 1. August 1996 []
  2. Köck ist Gründungsmitglied des Pro-Nationalpark-Vereins. Siehe: Die Bäume sterben, der Wald aber lebt, FAZ vom 5. Juli 2001 []
  3. Eisch hatte z. B. mit Bibelriether u. a. das Buch „Wachsen aus Vergänglichkeit“ veröffentlicht und sich stark gemacht für die Erweiterung des NLPs. Daraufhin waren in Frauenau von NLP-Gegner „Plakate reichlich beleidigenden und gar bedrohlichen Inhalts“ aufgehängt worden. Siehe: Mit Schmäh-Plakaten gegen Nationalpark-Buch, Süddeutsche Zeitung vom 9. November 1996 []
  4. „Der Frauenauer Bürgermeister Josef Stadler (SPD), in dessen Gemeinde die Reaktionen auf den Kabinettsbeschluss (für die Nationalpark-Erweiterung, Ergänzung von mir) geteilt sind, begrüßt die Erweiterung.“ Siehe: Für Naturschützer wird ein Traum war, Süddeutsche Zeitung vom 24. Mai 1996. Man achte auf die Formulierung: Die Meinungen sind „geteilt“. Es gibt „Gegner und Befürworter„, wie die SZ schreibt. []
  5. Hermann hatte 1997 den viel beachteten Aufsatz „Leben und Sterben“ veröffentlicht, der sich gegen die Borkenkäferbekämpfung aussprach. Siehe: Artikel in der Passauer Neuen Presse []
  6. siehe: Der Steigerwald-Pionier Karl Bayer []
  7. Die offizielle Webseite des Dorfes erwähnt diese hochnotpeinliche Vergangenheit des Dorfes mit keinem Wort. []
  8. Die Vertreter des Landtags zeigten sich über das Ausmaß des Waldsterbens erschüttert, Passauer Neue Presse vom 20. Juni 1997; Die Überschrift des Artikels ist von der Autorin Monika Pingitzer bewusst falsch gewählt. Im Text wird die NLP-Gegnerin Henriette Braunmandl zitiert. Diese sagt: „Viele waren tief erschüttert über die Katastrophe.“ []
  9. Plenarprotokoll, S. 6123, rechte Spalte, 5. Absatz, Hervorhebungen von mir []