Horst Stern: Bemerkungen über einen sterbenden Wald

Transkript der Reportage

Die Seite ist gegliedert in folgende Abschnitte:

 

Nadelholzforste und Buchenstangenwälder

Ein Drittel Deutschlands ist bewaldet. Zwei Drittel dieses Drittels sind Nadelholzforste, in denen die Fichte vorherrscht. Solche Baumansammlungen sehen aus wie Wald, sind aber keiner. Sie sind naturferne Holzäcker, von denen einer der Großen der Weltliteratur, Robert Musil, einmal treffend sagte, sie provozierten Gedanken an Bretterwände, die oben grün verputzt seien. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti sah in diesem Kunstforst ein Symbol für das marschierende deutsche Heer: rigide, aufrecht und in großer Dichte und Zahl. Ökologen beklagen, dass diese Holzplantagen ohne nennenswertes Bodenleben sind. Fast die Hälfte aller waldgebundenen Tier- und Pflanzenarten steht auf den roten Listen.

Lichter und freundlicher, aber eine öde Monokultur gleichwohl, sind auch Buchenstangenwälder, gleich dimensioniert die Stämme zwecks leichterer Vermarktung im nutzungsgerechten Sortiment. Der Förster lässt die Bäume nicht alt werden. Er sägt sie weit diesseits ihres natürlichen Lebensendes ab.

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Förster lehnen Naturwälder ab

Alte Bäume sieht man nur noch im selten gewordenen Naturwald, wie auf 13.000 ha das gesetzlich vorgeschriebene Entwicklungsziel des ersten deutschen Nationalparks im Bayerischen Wald ist.1 Förster begegnen solchen natürlichen Waldformen in der Regel mit Ablehnung. Ein ohne sie wachsender Wald, den man überdies nicht in Bretter zerlegen darf, rührt an ihr berufliches Selbstverständnis. Er macht ihnen Angst um ihre Existenz. Im Zentrum des Widerstands gegen Nationalparks mit hohem nutzungsfreien Waldanteil stehen in Deutschland deshalb immer wieder die klassischen Förster mit ihrer ihnen anerzogenen Nutzungsideologie.

Dass ein Baum wie dieser – eine alte Buche – die volle Spanne seines natürlichen Lebens ausleben darf, um dann nutzlos zu sterben, das ist in der Ausbildung der Förster nicht vorgesehen und hat in ihrem Denken keinen Platz.

Totes Holz im Wald gilt der beamteten grünen Zunft als ein Zeichen der Unordnung, ja der Pflichtvergessenheit. Dabei ist eine Unzahl von Lebewesen – von der Flechte bis zum Pilz, von der Bakterie bis zum Hirschkäfer – auf Totholz angewiesen. Es zerfällt unter ihrem Wirken und wird im Lauf der Zeit zu neuem Waldboden.

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Natürliche Verjüngung auf Windwürfen

Auch der gewaltsame Tod im Wald durch die baumstürzende Kraft des Windes gehört zu den Alpträumen des Försters. Die Stämme liegen und vermodern lassen: undenkbar! Ein Windwurf gehört schleunigst aufgeräumt und die forstliche Ordnung wiederhergestellt durch schematische Neupflanzung – meist der Fichte als dem Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft seit 200 Jahren.

Die Natur macht das besser! Im Schutz der gestürzten alten Bäume lässt sie den Nachwuchs gedeihen. Ein Nachwuchs ohne schematische Ordnung und ohne Beschränkung auf eine einzige Baumart. Unter die Fichten mischt sie anfangs die Birke und die Vogelbeere, die beide ihres geringen Holzwertes wegen von den Förstern als „Unhölzer“ bezeichnet und alsbald aus den Fichten- und Buchenwüsten entfernt werden. Die Folge ist ein dramatischer Verlust an Großschmetterlingen und Waldvögeln, die auf solche „Unhölzer“ zum Überleben angewiesen sind.

Die Fülle der natürlichen Verjüngung ist ein weiteres Merkmal des Naturwaldes und er wird nicht periodisch durchforstet, also von jungen Bäumen befreit, die nicht der Vorstellung des Försters von einem lebenswerten, d. h. potenziell geldträchtigem Baum entsprechen. Im Naturwald ist für die bizarrsten Baumgestalten Platz. Eine von ihnen beginnt ihr Leben mit der sogenannten Kadaververjüngung: Baumsämlinge siedeln sich auf einen am Boden liegenden Stamm an, der sie als eine Art Amme ernährt. Während sie älter werden, umgreifen sie mit ihren Wurzeln den zerfallenden Kadaver und fassen langsam im Waldboden Fuß. Ist der alte Stamm unter ihr herausgefault, steht die Fichten nach ein paar Jahrzehnten wie auf Stelzen da. In einem Wirtschaftswald hätte sie nie eine Lebenschance gehabt, weil ausgemerzt wird, was nicht der Förstervorstellung von einem ordentlichen Baum entspricht.

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Nationalparkleiter Bibelriether über die Protestbewegung

Im bayerischen Wald schlug sich unlängst in unmenschlichen Flugblättern dumpfer Hass auf einen Mann nieder, der den Wald im gesetzlichen Auftrag leben und sterben lässt, wie es der Natur gefällt. Es ist Hans Bibelriether, seit 27 Jahren Leiter dieses ersten deutschen Nationalparks. Gegen ihn, einen international hoch angesehenen Forstmann, werden immer wieder Lynchdrohungen laut. „Hängt ihn auf!“, hörte er in Bürgerversammlungen nicht nur einmal.

Sabine Paul: Herr Bibelriether, Sie erleben hier etwas mit, was man wohl schon als Hysterie gegen die deutschen Nationalparke bezeichnen müsste. So haben sich erst unlängst die Gegner zu einem sogenannten Bundesverband Nationalparkbetroffener zusammengeschlossen. Wie beurteilen Sie denn diese Protestbewegung?

Hans Bibelriether: Also es ist eindeutig so, dass diese lautstarken Angriffe von regionalen Minderheiten kommen. Und die Wortführer sind in aller Regel persönlich Betroffene, die in ihren Interessen vermeintlich eingeschränkt sind oder auch nicht. Das sind Reiter, das sind Fischer, das sind Segler, das sind Mountainbike-Fahrer oder auch Bauspekulanten – gar keine Frage. Tatsache ist es, dass weit über drei Viertel aller Deutschen mehr Nationalpark in Deutschland wollen. Das ist aus objektiven Umfragen von Wirtschaftsforschungsinstituten bekannt. Mehr Nationalparke, in denen aber auch wilde ursprüngliche Natur geschützt wird und nicht etwa Forstwirtschaft betrieben wird und die Motorsäge heult.

Sabine Paul: Welchen Anteil haben denn die zwölf deutschen Nationalparke überhaupt an der Gesamtfläche der Bundesrepublik?

Hans Bibelriether: Die deutschen Nationalpark haben noch nicht einmal ein halbes Prozent Anteil an der Landfläche Deutschlands.

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Ministerpräsident Stoibers Plädoyer für die Nationalparkerweiterung

Bayerns Ministerpräsident Stoiber kam 19952 zum 25. Geburtstag des Nationalparks und noch einmal Ende Oktober dieses Jahres3 in den Wald. Er versprach die naturgemäße Weiterführung des Parks und verkündete, dass er ihm 11.000 ha eines angrenzenden Staatswaldes einverleiben werde.

Edmund Stoiber: Ich habe auch den Demonstranten deutlich gemacht, dass die Entscheidung letzten Endes keine Entscheidung der Region, des Regierungsbezirks, des Landkreises ist, sondern dass es eine Entscheidung ist, die für ganz Bayern eine enorme Bedeutung hat und über Bayern hinaus natürlich eine Bedeutung hat. Denn die Entscheidung, die getroffen wird, die hat auf die anderen zwölf Nationalparke in Deutschland und auf die europäischen Nationalparke natürlich auch eine Rückwirkung. Und die Entscheidung und die Verantwortung hat die bayerische Staatsregierung und dann letzten Endes mit der bayerische Landtag. Denn der muss ja hier zustimmen.

Inzwischen hat der Landtag Stoibers mutige Tat abgesegnet. Seit dem 1. August dieses Jahres ist der Nationalpark 24.000 ha groß.

Edmund Stoiber: Hier haben wir eine einmalige Chance, eine einmalige Chance – das geht über den regionalen Bereich hinaus -, ein in Mittel-, West- und Südeuropa in Ursprünglichkeit und Größe einzigartig geschlossenes Waldgebiet in weitgehend Unberührtheit zu erhalten. Das ist die geschichtliche, die momentane Verantwortung. Nun muss sich die Gegenwart, muss sich möglicherweise einschränken. Ich kann bestimmte Nutzungen nicht machen, wenn ich das halten will. Das heißt, ich muss die Menschen, die jetzt leben und dort leben, müssen möglicherweise die ein oder andere Einschränkung erfahren. Aber warum müssen sie sie erfahren? In der Verantwortung für die Zukunft! Denn die nächste oder übernächste Generation wird dann mal sagen: Die Menschen sind ihrer Verantwortung gerecht geworden 1995, als es darum gegangen ist, das noch einmal zu erweitern und diese Ursprünglichkeit zu erhalten.

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Bundespräsident Herzogs Ermunterung zum Nichtstun im Wald

Auch Bundespräsident Roman Herzog war 19954 unter den Gratulanten. Wie später in seiner berühmt gewordenen Berliner Adlon-Rede richtete er schon hier unbequeme Worte an die im alten Denktrott verharrenden Menschen. Während er im Berlin dem Machen das Wort redete, ermunterte er hier im Wald zum Nichtstun.

Roman Herzog: Schaun Sie, ich fahre in sechs oder sieben Wochen – so genau weiß ich das nicht – nach Brasilien, vertrete dort unser Land – nicht nur den Freistaat Bayern, wie ich allerdings erwähnen muss, sondern ganz Deutschland. Und dann muss über Umwelt gesprochen werden, über Umweltschutz, über die Zukunft der Regenwälder undsoweiter. Und da sind wir Deutsche ja immer ganz vorn dran, wenn es darum geht, den anderen die guten Ratschläge zu erteilen, die auf das hinauslaufen, dass sie einen Verzicht leisten sollen, den wir und unsere Vorfahren nicht geleistet haben. Und da ist es für mich einfach gut – ich will darüber jetzt keine weiteren Ausführungen machen – das ist einfach gut, auf so einen Nationalpark, wie er hier im Bayerischen Wald existiert und wie er ja mit ungeheuren Opfern auch – es ist ja vorher gesagt worden – auch der Bevölkerung, auch der Anwohner verbunden ist, hinweisen zu können.

Bei allem Respekt, Herr Bundespräsident! Von Opfern der Bevölkerung für den Nationalpark kann wohl keine Rede sein, wenn man darunter nicht die Sperrung einiger Wege zum Schutz der Pflanzen und Wildtiere verstehen will. Der Tourismus boomt mit Millionenumsätzen zu allen Jahreszeiten.

Roman Herzog: „Ich hoffe zuversichtlich, dass die Menschen auch wieder lernen, dass man die Natur nicht nur nutzen, nicht nur ausnützen kann, sondern auch liegenlassen kann entgegen allen vermeintlichen Erkenntnissen der deutschen Forstwirtschaft.“

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Medien nähren Vorurteile und Unwissen

Liegenlassen, das sagt sich leicht! Die Folgen des Nichtstuns im Wald sind aber schwer zu ertragen, wenn man nicht versteht oder nicht verstehen will, was die Natur im Sinn hat mit dem Borkenkäfer hier im Nationalpark. Man muss lernen zu akzeptieren, dass Orkane, die den Wald umwerfen, dass Brände, die ihn vernichten, und Borkenkäfer, die Fichten zu Tode bringen, dass solche Ereignisse keine „Naturkatastrophen“ sind, sondern Strategien der Waldevolution, einförmige, instabile Wälder abzulösen durch bessere, mit großem Strukturreichtum und Resistenz gegen Stürme, Brände und Käferfraß.

Der Boulevard-Journalismus, der sich in Bilderblättern und Fernsehmagazinen das Maul zerriss über Bilder wie diese und Krokodilstränen vergoss über den sterbenden Bergfichtenwald, den – so der Tenor all dieser ökologisch ignoranten Veröffentlichungen – allein der Naturschutz zu verantworten habe, weil er sich weigere, dem Borkenkäfer mit Axt und Säge den Garaus zu machen. Diese Art von quoten- und auflagegeilem Mediengeschwätz ist billig, weil es im Publikum nur Unwissen und Vorurteile nährt, nicht aber ökologisch stimmig informiert.

Und so sieht er aus, der kleine braune Rindenfresser, der Borkenkäfer. Ein fünf Millimeter großer Winzling, dessen waldverheerende Wirkung in seinem zeitweilig massenhaften Auftreten liegt.

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Nationalparkleiter Bibelriether zu den Ursachen des Waldsterbens

Sabine Paul: Verschiedene Ökologen behaupten immer wieder, dass der Borkenkäfer lediglich ein Todesurteil am Bergfichtenwald in den Hochlagen des Bayerischen Waldes hier vollstreckt. Ein Urteil, das die menschliche Gesellschaft mit ihrem umweltzerstörerischen Lebensstil längst selbst verhängt hat. Stichwort: Erderwärmung, Luftverschmutzung. Was sagt der gelernte Forstwissenschaftler dazu?

Hans Bibelriether: Der im kühlen Klima herangewachsene Bergfichtenwald des Bayerischen Waldes, durch 200 Jahre Forstwirtschaft gleichförmiger geworden, ist auf großen Flächen in den letzten vier Jahren vom Borkenkäfer abgetötet worden. Ursache, Hauptursache dafür ist zweifellos die Klimaveränderung und die Erwärmung. Das wird auch im Bayerischen Wald ständig wärmer. Nur ein paar Beispiele dazu: Wir haben 1994 24 Sommertage – also Tage über 25° in 1.000 m Höhe – gehabt. Im Durchschnitt waren es früher 5 Tage. Wir haben in den letzten drei Jahren im April, im Mai Hitzeperioden gehabt, die den Borkenkäfer außerordentlich begünstigt haben, sodass er zur Massenvermehrung fähig war. Die haben dann diese Bergfichten abgetötet, die ohnehin geschwächt waren. Es kommt ja noch dazu, dass seit Jahrzehnten diese Bergfichten – gerade die Kammlagen – durch Luftverschmutzung geschädigt sind. Und so ist es tatsächlich so, dass jetzt großflächig einfach diese alten Bestände absterben. Aber es ist natürlich so auf der anderen Seite, dass unten bereits wieder was Neues nachwächst. Es entsteht ein neuerer, differenzierterer, abwechslungsreicherer Wald als der relativ gleichförmige der Hochlagen.

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3.000 ha Schälschäden durch Hirsche

Dies ist die neueste Karte des Schadens. Schwarz eingefärbt die vom Borkenkäfer befallenen Flächen parallel zur Grenze zu Tschechien. Im Nationalpark sind es 12 % des Gesamtwaldes. Sie stechen mit ihrer Braunfärbung deutlich aus dem Grün der gesunden Waldteile hervor. Als ich 1970, dem Gründungsjahr des Nationalparks, zum ersten Mal in diesen Wald kam, war der große braune Rindenfresser, der Hirsch unter den Fichten zugange. Die Schälschäden, die er anrichtete, um sich den Magen mit Raufutter zu füllen, erstreckten sich damals auf 3.000 ha, das Doppelte der heute vom Borkenkäfer befallenen Waldfläche. Und mehrere 100 ha waren so zusammengefressen, dass von den Wunden her Fäulnis in die Bäume kam, und ganze Waldareale unter Wind- und Schneedruck zusammenbrachen. Darüber mochte sich damals niemand erregen. Der Hirsch ist in der öffentlichen Meinung der König des Waldes und ist die heilige Kuh der politisch mächtigen Jagdlobby. Unter ihrem Druck sperrte die bayerische Staatsforstverwaltung damals die vom Hirsch zerstörten Waldareale und verbot der Parkleitung, sie öffentlich zu machen. Ich filmte sie trotzdem.

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Das Leben des Borkenkäfers unter der Rinde

Der Borkenkäfer aber ist bloß Ungeziefer und gehört nach Volks- und Medienmeinung von Staats wegen bekämpft. Er braucht Wärme – mindestens 18°, um in Flugstimmung zu kommen, und sich auf die Suche zu machen nach einer Fichte, deren kranke Ausdünstung er – so wird vermutet – wittern kann. Hat er sie gefunden, verströmt er einen Lockstoff, der seinesgleichen in großer Zahl anzieht. An Laubbäume geht er nicht und gestürzte, oder anderswie geschädigte Stämme zieht er den gesunden vor. Forstzoologen sehen im Borkenkäferbefall des Nationalparks ein riesiges Freilandexperiment, mit dessen Hilfe sie die Populationsdynamik dieses Insekts zu entschlüsseln hoffen. Es interessieren die Zeitabläufe, in denen eine Käferpopulation aus sich selbst heraus zusammenbricht, wie es im Bayerischen Wald früher schon beobachtet wurde. Durch die Rinde bohrt der Borkenkäfer sich zur Basthaut des Baumes vor, in der er zusammen mit tausenden von Artgenossen die Wasser und Nährstoffe führenden Adernetze zerstört, sodass der Baum schließlich verdurstet und verhungert.

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Kampf der Staatsforsten gegen den Käfer

Beeindruckt vom Geschrei der Medien und der Unruhe unter der Bevölkerung, die ihre tradierten Heimatbilder für beschädigt hält, ordnete die Bayerische Staatsforstverwaltung die herkömmliche Bekämpfung des Borkenkäfers an. Nationalpark hin, Schutzgesetze her. Der Kampf gegen den Käfer beginnt mit der Fällung der befallenen Bäume und der Vernichtung der Brut in der Borke durch Feuer und Häckselmaschinen. Da das Stammholz nicht wertlos ist und noch verkäuflich, rücken Großmaschinen an, um die gefällten Bäume aus dem Wald zu zerren. Die bodenzerstörerische Brutalität dieser forstlichen Maßnahmen nennen sie „Waldpflege“.

In Wahrheit stehen am Ende solcher punktuellen Käferbekämpfungen zahlreiche Waldverwüstungen, die städtischen Großbaustellen ähneln. Die Maschinen fahren wegelos, ohne Rücksicht auf die Bodenbedeckung. Und was die acht monströsen Räder der Schlepper noch zwischen ihren tiefen Fahrrinnen an Jungwuchs stehen lassen, das walzt das Stammbündel, das sie talwärts zerren, nieder. Der Waldboden ist auf Jahre zerstört.

Der Deutsche Naturschutzring, der Dachverband aller dem Schutz der Natur verpflichteten Verbände, sprach in einem Brief an Edmund Stoiber den augenfälligen Verdacht aus, dass die bayerischen Staatsforstverwaltung im seit jeher ungeliebten Nationalpark endlich demonstrieren will, wer der wahre Herr im Wald ist und dass es ohne Förster eben nicht geht. Ein Tiefschlag für den international akzeptierten Nationalparkgedanken, der in erster Stelle die Freiheit von jeglicher Naturnutzung zum Ziel hat, ist die Eingliederung des Nationalparks in ein staatliches Holzvertriebssystem. Im Schutz der Borkenkäferhysterie können sie hier nun endlich wieder Holz zu Geld machen. Und sie verweigern die Beschränkung ihrer brutalen Methoden auf schmale Grenzstreifen zum Schutz angrenzender Privatwälder. Sie wollen unter Missachtung der vom Landtag beschlossenen naturverträglichen Rechtsverordnung möglichst auf ganzer Fläche holzen. Lassen Stoiber und der Landtag das zu, dann gibt es demnächst eine Vielzahl großer und kleiner Kahlschläge im Nationalpark. Der geschlossene Wald würde an vielen Stellen aufgerissen und damit zur leichten Beute des absehbaren nächsten Orkans, eines Wintersturm a la Wiebke, der 1990 ganze Wälder niederlegte – Nadelholzforste zumeist. Das gäbe dann wieder ein neues großes Fressen für den Borkenkäfer. Immerhin: an ihren Maschinenmonstern klebt ein Feigenblatt.

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Heranwachsen eines neuen Bergmischwaldes

In großer Stille und mit einem Zeitbedarf, der den in Bilanzjahren und Legislaturperioden denkenden Menschen überfordert, zeigt die Natur, wie sie den Borkenkäfer zur Begründung neuer besserer Wälder instrumentalisiert. Sie nutzt die toten Bäume als Schutz und Schirm für den nachwachsenden Wald.

Der naturblinde Fanatismus der Nationalparkgegner geht so weit, dass sie an einem Waldort, der für bayerische Landtagsabgeordnete zur Besichtigung und Urteilsfindung vorgesehen war, vorher den Jungwuchs herausrissen zum Beweis ihrer lügenhaften These, dass der Wald nur stirbt, aber sich nicht erneuert. In Wahrheit ist die Verjüngung nicht nur üppig; sie ist auch nach Baumarten gemischt. Es wächst hier ein klassischer Bergmischwald heran. Zwischen den allgegenwärtigen Fichten steht schon die Tanne und die Buche. Die für die Waldstabilität unverzichtbare, weil sehr standhafte Tanne war hier im Wald bis zur Gründung des Nationalparks ohne Lebenschance. Hirsche und Rehe, die in viel zu großer Zahl zum Vergnügen der Jäger den Wald bevölkerten, fraßen ihr die Triebe ab. Der Freistaat Bayern schützte sie und andere vom Wild gefährdete Bäume mit Zäunen, die eine Gesamtlänge der Entfernung zwischen München und Peking entsprach. Das kostete Millionen Steuergelder. Solchen Zaunschutz bietet die sich selbst überlassene Natur kostenlos. In das Dickicht aus gestürzten Bäumen springt kein Hirsch, kein Reh mehr hinein.

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Artikel in der Passauer Neuen Presse

Unter den vielen Stimmen, die sich öffentlich zur Tragödie des sterbenden Bergfichtenwaldes hier im Bayerischen Wald gemeldet haben – unwissenden Stimmen oft, böswilligen noch öfter – ; unter all diesen Stimmen sticht eine hervor, die sich auszeichnet durch große Nachdenklichkeit und Sprachkraft. Sie stammt von einem leitenden Redakteur5 der Passauer Neuen Presse und wurde von der Redaktion für so wichtig erachtet, dass sie sie auf Seite 1 platzierte:

Der Wald stirbt, weil er unter den Bedingungen, die wir mit unserer Art zu leben geschaffen haben, in seiner bisherigen Form nicht überleben kann. Und er reagiert nach den Gesetzen der Evolution: Der alte Wald stirbt, damit ein neuer, ein anderer Wald leben kann. Aber können wir damit leben? Für uns ist der Tod schwer zu ertragen. Der Mensch hat jung zu sein und dynamisch, der Wald immergrün und ewig rauschend. Sterben gehört nicht mehr zu unserem Leben. Wir haben den Tod weggesperrt in die Schlachthöfe, die Altenheime und die Intensivstationen. Deshalb erschrecken wir so, wenn wir ihm begegnen – unerwartet, ungeschönt, so wie im sterbenden Wald. Doch für den, der nicht wegschaut, wird in dem jungen Grün unter den toten Bäumen sichtbar, dass neues Leben nur entstehen kann, wo altes vergeht.

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  1. Die Aufnahmen des naturnahen Waldes wurden im Urwaldreservat Mittelsteighütte gedreht. []
  2. 7. Oktober 1995 []
  3. 22. Oktober 1997 []
  4. 7. Oktober 1995 []
  5. siehe Klaus Hermann, Leben und Sterben, Nationalpark 3/97, S. 4 []