Märzenbecher plattgemacht

Gespräch mit Forstamtsleiter Heise

Am 10.4.2019 besuchte ich Forstamtsleiter Ottmar Heise in Hameln. Sein Büro liegt im Keller der Sedanstraße 4. Müsste ich in diesem finstren Loch arbeiten, ich bekäme Depressionen. Soviel zur Wertschätzung der Stadt für ihren Wald und den Leiter ihres Forstamts. 

Heise erzählt mir Dinge, die nicht in der Zeitung standen: Als er vor 30 Jahren angefangen hat, gab es noch drei Stadtförster. Im Zuge der Sparmaßnahmen der Stadt ist nur noch er übriggeblieben. Der Stadtforst ist 1.250 ha groß. Wenn dort bspw. an fünf Stellen von Forstunternehmen Holz geerntet wird, kann man das unmöglich jeden Tag kontrollieren. Erschwerend kam im Januar 2018 hinzu, dass Heise damals nach einem schweren Arbeitsunfall nur an Krücken gehen konnte. Abgesprochen war, die Holzstämme am unteren Hang des Schweinebergs zum unteren Forstweg zu seilen.1 Als das Forstunternehmen damit fertig war, entschieden sich die Arbeiter kurzentschlossen, auch die am oberen Hang liegenden Holzstämme zu rücken: „Jetzt sind wir schon einmal hier! Und die Zeit bis zur Märzenbecherblüte wird knapp!“

Ich spreche Heise auf die Rückegassen nördlich des Kammwegs an, wo der Märzenbecher dichte blühende Teppiche bildet. Das widerspricht meiner Erwartung, dass der Boden in Rückegassen unwiderruflich verdichtet ist, sodass dort für immer kein Märzenbecher wachsen kann.

Heise korrigiert meine falsche Erwartungshaltung: Die Rückegassen nördlich des Kammwegs sind vor 20 Jahren angelegt worden. Seit damals hat sich der Märzenbecher längst erholt. Überhaupt – verdichtet ist der Boden am Schweineberg sowieso. Mit einem Spaten kommt man nicht tief: Am Oberhang ist der Boden sehr flachgründig. Nach 10 -20 cm stößt man auf festen, steinigen Muschelkalk. Auch die Buchen haben dort große Schwierigkeiten. Beim Versuch, mit ihren Wurzeln in die Tiefe zu wachsen, verletzen sie sich und Pilze dringen in die Wurzeln ein. Deshalb erreichen die Buchen am Schweineberg nicht ihr Höchstalter von 300 Jahren und sterben früher.

Ich schlage Rückepferde vor. Er winkt ab. Er hat sich einmal lange mit einem alten Landwirt unterhalten, der mit seinen Kaltblütern in den Kriegsjahren 1942 am Hohenstein 180 Jahre alte und entsprechend dicke Buchen gerückt hat. Das Holz wurde für die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke in Dessau gebraucht und zu Sperrholz verarbeitet. Tonnenschwere 5 m lange Holzstämme wurden von 4-Spännern gezogen – und zwar nicht nur den Berg hinunter, sondern auch hoch. Der alte Landwirt erinnerte sich nicht gerne: „Die Kaltblüter bekamen acht Stunden am Tag die Peitsche!“

Ich denke spontan an einen Satz von Revierförster Urban Backes von Saarforst: „Das Pferderücken ist nicht halb so romantisch wie das auf den Bildern immer rüberkommt!“ Überhaupt frage ich mich, was wohl der Märzenbecher von Rückepferden halten würde. Nicht nur die Pferde selbst sind sehr schwer und würden mit ihren Hufen die Märzenbecherzwiebeln genauso zerdrücken wie die Reifen von Holzrückeschleppern oder die Füße von Spaziergängern. Und die Pferde ziehen die Holzstämme ja auch nicht auf Wattebäuschchen durch den Wald und was die Pferde nicht zerdrücken, würden die Holzstämme plattmachen. Ich verstehe die lakonische Bemerkung von Heise: Am besten wäre es, die Holzstämme mit Helikoptern aus dem Wald heraus zu fliegen. Aber das bezahlt die Stadt nicht.

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Schluss – 5 Lehren

  1. siehe Karte []