Wie Journalisten den Hambacher Forst erschaffen haben

Wie Journalist Weidermann eine junge Frau Sätze voller hanebüchener Ahnungslosigkeit sagen ließ

Hanns Joachim Friedrichs, dieses „Denkmal des politischen Moderators“1, schimpfte einmal folgendermaßen über das kommerzielle Fernsehen:

„Die glauben, es reicht, eine schöne junge Frau oder einen jungen Mann vors Mikrofon zu stellen und sie Sätze voller hanebüchener Ahnungslosigkeit sagen zu lassen.“2

Volker Weidermann scheint tatsächlich zu glauben, dass es reicht, eine junge Baumbesetzerin zu zitieren und sie Sätze voller hanebüchener Ahnungslosigkeit sagen zu lassen. Der folgende Satz Friedrichs liest sich wie eine Beschreibung der Baumbesetzerin:

„Nichts gelesen, nicht kapiert, aber mitten im Elend und voll im Bild.“3

Die Baumbesetzerin ist tatsächlich voll im Bild der Kamera und mitten im Elend: ihre Kleidung und ihre Tränen erwecken Mitleid. Und es ist nicht zufällig, dass Weidermann sie als Heilige stilisiert. Denn sie redet nicht, sie predigt. Es ist kein politisches Statement, das sie abgibt. Sie fordert nicht wie andere Aktivisten zum 115. Mal den Stopp des Braunkohleabbaus, den Kohleausstieg und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Sie stellt keine konkreten Forderungen an die Politik oder an die Wirtschaft. Sie predigt wie eine, die im Hambacher Forst ein religiöses Erweckungserlebnis gehabt hat. Es fehlt nicht viel und sie hätte auch noch gesagt: „Vater vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Ich erinnere mich an meine eigene Jugend, als ich nach dem Abitur einen Sommer bei der Gemeinschaft in Taizé verbrachte. Als ich nach Hause kam, habe ich ähnlich geredet wie die Baumbesetzerin: Auch ich erzählte von der „gelebten Utopie“ im Kloster und dass es den Menschen in Taizé “ ’scheißegal‘ sei, wie man heiße, wie alt man sei, ‚was für einen Schulabschluss man hat‘, dass sich dort [..] alle respektierten“. Auch ich erzählte mit strahlenden Augen davon, dass ich in Taizé „jeden Morgen aufgewacht sei und gewusst habe, dass [ich] am richtigen Ort sei. Dass [ich] die beste Zeit [meines] Lebens dort […] gehabt habe.“

„Mit anderen zu konkurrieren, sich zu vergleichen. Wie wir aussehen. Diese ganze Scheiße musste ich wieder verlernen. Die haben mich als Wesen akzeptiert.“

Ich habe das nicht in den Baumwipfeln des Hambacher Forsts erfahren, sondern in Taizé. Ich war damals jung und naiv. Ich hatte tatsächlich nichts gelesen und ich habe nichts kapiert. Ich habe meine peinlichen Ergüsse damals dem Tagebuch anvertraut. Mark Zuckerberg war da noch nicht einmal geboren.

Vielleicht aber ist das der Grund, warum der SPIEGEL die Chuzpe hatte, den Artikel von Weidermann abzudrucken, in dem dieser offen mit der antikapitalistischen und anarchistischen Rede der Baumbesetzerin sympathisiert: Die Frau ist jung und naiv. Solche Reden hält man eben, wenn man jung ist. Wie sagte meine 75jährige Tante?

„Das sind doch Jugendliche im Hambacher Forst! Es ist doch schön, wenn Jugendliche auf die Barrikaden gehen!“

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  1. DIE ZEIT, zit. n. Meyen, S. 13 []
  2. Interview mit dem SPIEGEL, zit. n. Meyen, S. 12 []
  3. ebd. []