Wie Journalisten den Hambacher Forst erschaffen haben

„Was wir über den Hambacher Forst wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“
Abwandlung eines Zitats von Niklas Luhmann1

Wie aus dem Hambacher Forst der Sherwood Forest wurde

Die Aufgabe des Journalisten ist es, unabhängig und objektiv zu informieren. Er darf nicht Partei ergreifen. Der langjährige Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs forderte von einem guten Journalisten:

„Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein“2

Die Zeiten sind vorbei:

„Aufmerksamkeit und möglichst allgemeines Interesse: Darauf zielt die Handlungslogik des Systems Massenmedien heute in Deutschland. [Die Journalisten suchen] etwas Besonderes, etwas, das unseren Erwartungen widerspricht und uns aufhorchen lässt. Superlative und Einmaliges, Unerhörtes und nie Dagewesenes.“3

Der Stil der BILD-Zeitung ist heute überall:

„Leicht verständlich soll es sein, originell und übersichtlich.“4

Was aber, wenn die Dinge kompliziert sind, wie z. B. der Klima-Wandel oder TTIP? Meyen zitiert eine Journalistin:

„Da müssen wir einen Dreh finden, wie der Leser das schnell verstehen kann und das auch interessant findet.“5

Wie aber schafften es die Aktivisten im Hambacher Forst in die Schlagzeilen? Der Braunkohle-Tagebau hatte jahrelang niemanden interessiert. Meyen gibt einen Hinweis:

„Wir Normalbürger können es auch in die Massenmedien schaffen – wenn uns etwas Außergewöhnliches passiert […] oder wenn wir […] einem Thema oder einem Ereignis etwas Neues, Einmaliges hinzufügen können.“ (Meyen, S. 61))

Das Neue und Einmalige war die Räumung der 86 Baumhäuser durch 2.000 Polizisten. Demonstrationen? Langweilig! Sitzblockaden? Langweilig! Aber vermummte Baumbesetzer in Baumhäusern? Polizisten auf Hebebühnen in schwindelerregender Höhe? Das hatte es in Deutschland noch nie gegeben. So etwas hatten die Menschen noch nie gesehen. Das war wirklich außergewöhnlich! Das waren Bilder! Baumhäuser mit Kochplatten und Heizung! Hängebrücken! Waldbesetzer mit Sturmhauben! Was für eine Geschichte! Das hat man so noch nie gehört! Das war grell! Das war schrill! Das war krass!

Gemeinschaftsraum,Hambacher Forst,NRW

Der SPIEGEL schreibt über die Menschen im Hambacher Forst:

„Wenn Menschen im Hambacher Forst vom Endkampf sprechen, hört es sich so an, als erzählten sie von einem Spiel, von Räuber und Gendarm. Der Schauplatz ist ein Waldstück zwischen Köln und Aachen, das Terrain erinnert an eine Filmkulisse aus Robin Hood, es gibt Baumhäuser, Hängebrücken und Lagerfeuer.“6

Was der SPIEGEL zu berichten vergisst, ist, dass die Massenmedien diesen „Endkampf“ liebten: Wochenlang schrieben sie an der Fortsetzungsgeschichte von Räuber und Gendarm. Nur dass die Räuber jetzt Aktivisten und die Gendarmen Polizisten hießen. Und den Hambacher Forst beschrieben die Journalisten so, als sei dieser der Sherwood Forest, in dem Robin Hood und seine Gefährten gegen den Sheriff von Nottingham kämpfen. Der Sheriff von Nottingham war wahlweise der Einsatzleiter der Polizei oder der Manager von RWE.

Die Massenmedien lieferten täglich Wasserstandsmeldungen zu den besetzten Bäumen:

„Sie erzählen uns tagelang immer wieder die gleiche Geschichte, geschmückt mit neuen Details.“7

Wann wurde wo welches Baumhaus von wie vielen Polizisten geräumt. Gewalt ja, nein? Wie viele Verletzte? Und was sagt der Minister?

„Konflikte, Emotionen und Bilder, immer wieder Bilder. Möglichst auffällig, möglichst groß. Zapp! Nicht! Weg! Bleib hier, denn ich sage dir, was du wirklich wissen musst. In Schlagworten, leicht verständlich, leicht bekömmlich.“8

Ulrich Wickert, einer der Nachfolger von Friedrichs, hat sich ebenfalls zu den Aufgaben des Journalismus geäußert. In seinem Buch Medien: Macht & Verantwortung forderte er:

„Aufklärung und Mut! Gebt den Menschen Orientierung! Helft ihnen beim Denken, bitte!“9

Bei den Berichten über den Hambacher Forst geschah das genaue Gegenteil: Über den Klimawandel und die gescheiterte Energiewende erfuhren die Menschen nichts. Kein Journalist, der dem Zuschauer beispielsweise das Erneuerbare-Energien-Gesetz hätte erklären können. Oder was die EEG-Umlage ist, wie hoch sie aktuell ist und wie sie berechnet wird. Oder wie der Kohle-Ausstieg eigentlich funktionieren soll. Wie viele Windräder sind nötig, um ein Braunkohle-Kraftwerk zu ersetzen? Kein Journalist stellte diese Fragen. Das gab keine Quote und keine Klicks, keine Likes und keine Shares.

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  1. Im Original lautet das Zitat: „Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ zit. n. Meyen, S. 10 []
  2. DER SPIEGEL, Nr. 13, 1995, S. 112-119, hier 113; zit. n. Michael Meyen, Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand – Wie uns die Medien regieren, Frankfurt a. M. 2018, S. 8 []
  3. Meyen, S. 59 []
  4. Meyen, S. 66 []
  5. Meyen, S. 69 []
  6. Widerstand im Unterholz, SPIEGEL Nr. 37, 2018 []
  7. Meyen, S. 10 []
  8. Meyen, S. 11 []
  9. Meyen, S. 13 []