Wie beurteilt man den Erhaltungszustand eines FFH-Gebiets?

Wie ist der Erhaltungszustand des Lebensraumtyps Hainsimsen-Buchenwald im Köllnischen Wald?

Den 43 ha Hainsimsen-Buchenwald im FFH-Gebiet wird ein „guter“ Erhaltungszustand (Note „B“) bescheinigt. Sie finden diese EZB folgendermaßen:

  • Wählen Sie rechts oben auf der Karte der Natura 2000-Gebiete in Nordrhein-Westfalen unter „Themen“ bei „Schutzgebieten“ „FFH-Gebiete“ aus.
  • Klicken Sie links oben auf das „i“ für Gebietsinformationen.
  • Klicken Sie in der Karte auf den Code für das FFH-Gebiet „DE-4407-302“.
  • Klicken Sie im sich öffnenden Fenster das fett gedruckte blaue „DE-4407-302 Köllnischer Wald (7680016)“ an.

Dann öffnet sich folgendes Fenster, in dem die Erhaltungszustände der verschiedenen LRTs aufgeführt sind:

Erhaltungszutand_B

 

Nun – mir geht es beim Lesen dieser Beurteilung wie einem Personalchef, der einen Bewerber interviewt, dem auf dem Zeugnis eine „2“ in Mathe attestiert wird, obwohl dieser einfachste Dreisatzaufgaben nicht beherrscht. Und was ist von dieser Note „B“ zu halten, wenn Jörg Wipf, Forstamtsleiter von RVR Ruhr Grün, behauptet, dass das Fällen von Altbuchen – selbstverständlich „Maßnahmen zur Widerherstellung (sic!) der Verkehrssicherheit“ – „kein Eingriff (sind), die den Entwicklungszustand des LRT gefährden“ (siehe Antwort von Jörg Wipf, Hervorhebung von mir)?

Im Folgenden bestimme ich selbst einmal den Erhaltungszustand für zwei Biotoptypen des LRT Haimsinsen-Buchenwald:

Die roten Pfeile zeigen ihre Lage an:

2_Biotoptypen

 

Ich werde nacheinander für die insgesamt 8 Felder der EZB-Tabelle (siehe vorige Seite) den jeweiligen Erhaltungszustand einschätzen.

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Beurteilung des Erhaltungszustandes des Biotoptyps BT-4407-0085-1999

Kriterium: LR-typische Strukturen

Feld 1: Deckung von starkem und/oder mittlerem Baumholz LR-typischer Baumarten bezogen auf die Kartiereinheit

Im Feld 1 der Tabelle zur EZB spielt der Deckung vom Baumholz die Hauptrolle. Dazu habe ich in einer 0,3 ha großen Kartiereinheit des Biotoptyps BT-4407-0085-1999 den Brusthöhendurchmesser sämtlicher Bäume mit einer Messkluppe bestimmt. Das kartierte Areal ist auf dem folgenden Foto rot eingerahmt und liegt nördlich der Oberhausener Straße auf Höhe der Herzogstraße:

HerzogstrasseQuelle: Google-Maps

Sie finden die Kartierungsfläche, wenn Sie auf Höhe der Herzogstraße von der Oberhausener Straße dem Forstweg 200 m nach Norden folgen. Dann zweigt nach rechts ein Trampelpfad ab. Dieser bildet die nördliche Grenze, der Forstweg die westliche Grenze der Kartierung. Die Fläche ist repräsentativ für den Biotoptyp. Der Wald sieht dort so aus:

 

Die Datei mit sämtlichen BHDs der insgesamt 113 Bäume können Sie hier herunterladen: EZB.pdf

10 % der Bäume gehören zum starken Baumholz mit einem BHD > 50 cm. 30 % zählen zum mittleren Baumholz mit einem BHD zwischen 38 und 50 cm. Diese Prozentangaben dürfen nicht mit der Deckung verwechselt werden, denn starkes Baumholz nimmt bei senkrechter Projektion eine größere Fläche ein als mittleres Baumholz, weil seine Kronen größer sind. Nichtsdestotrotz kann die Deckung des starken Baumholz unmöglich größer als 20 % sein, wenn nur 10 % der Bäume zu dieser Wuchsklasse gehören. Ebensowenig kann die Deckung des mittleren und starken Baumholzes zusammen größer als 70 % sein, wenn sie nur 40 % der Bäume ausmachen. Folglich steht in Feld 1 als Ergebnis ein „C“ für einen „mittleren bis schlechten“ Erhaltungszustand.

Feld 2: Altbäume-LR-typischer Baumarten

Es gibt überhaupt keine Altbäume ab 80 cm BHD auf der Fläche. Folglich gibt es wieder ein „C„.

Feld 3: Groß dimensionierte Totholzbäume

Stehende und liegende Totholzbäume mit einem Durchmesser > 50 cm und einer Länge ab 2 m fehlen auch. Noch ein „C„.

Insgesamt muss der Erhaltungszustand der lebensraumtypischen Strukturen mit „C“ bewertet werden.

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Kriterium: Vollständigkeit des LR-typischen Arteninventars

Im einzigen Feld dieses Kriteriums kann man getrost die Note „A“ verleihen für „hervorragend“, denn in der 1. und 2. Baumschicht sowie der Strauchschicht gibt es fast nur LR-typische Arten, deren Anteil folglich bei 90-100 % liegt. Einzige Ausnahme ist die Esche (Fraxinus excelsior), von der einige wenige Bäume auf dem Areal stehen. Es gibt keine Fichten, keine Douglasien, aber auch keine jungen Berg-Ahorn-Bäumchen in der Strauchschicht, wie das an anderen Stellen vorkommt.

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Kriterium: Beeinträchtigungen

Feld 1: Befahrungsschäden

Es gibt erfreulicherweise keine Fahrspuren: „A„.

Feld 2: Beeinträchtigung der Struktur

Note „C„, da das starke Baumholz weniger als 30% des Bestandes abdeckt. An dieser Stelle könnte man die Beurteilung abbrechen, denn: „Die niedrigste Bewertung dieses Teilparameters bestimmt die Gesamtbewertung der Beeinträchtigungen“ (Fußnote 7).

Feld 3: Deckung der Verjüngung nicht LR-typischer Baumarten in der Krautschicht

Da in der Kartiereinheit jegliche Verjüngung fehlt, kann dieses Feld fairerweise gar nicht ausgefüllt werden. Südlich dieser Kartiereinheit gibt es Flächen, die vollständig mit jungen Bergahornen bedeckt sind. Dort müsste ein „C“ vergeben werden, da der Bergahorn unterhalb 200 m ü. NN nicht lebensraumtypisch ist.

Feld 4: Störzeiger

Note „A„, da Störzeiger hier ausnahmsweise fehlen. Weite Gebiete des Köllnischen Walds sind dagegen mit Brombeeren verkrautet. Und auch der Schwarze Holunder macht sich breit.

Die Beeinträchtigungen müssen insgesamt mit „C“ beurteilt werden.

Die 3 Werte für die 3 Kriterien Strukturen, Arteninventar und Beeinträchtigungen lauten also CAC. Die Endnote ist folglich „C„, weil die „Doppelnennung“ über die EZB entscheidet (Anleitung zur Bewertung des Erhaltungszustandes von FFH-Lebensraumtypen, S. 8).

Deutlich wird, wie wichtig starkes Baumholz für den Erhaltungszustand ist. In diesem Fall führte sein Fehlen sowohl bei den Strukturen als auch bei den Beeinträchtigungen zur Abwertung des Erhaltungszustands. Die Vorliebe der Förster für „verjüngte“ Wälder und für die Räumung „altersschwacher“ und „verkehrsunsicherer“ Altbäume führt zu schlechten Erhaltungszuständen. Junge Wälder sind nicht nur eine ästhetische Zumutung und haben einen geringen Erholungswert. Sie sind auch ökologisch minderwertig.

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