Kahle Hardt – Die hässlichen Eichen vom Edersee

Das Narrativ „Urwald“

Zum Narrativ der „knorrigen Eichen“ gehört unbedingt dazu das Narrativ des „Urwalds“. Die ganze Erzählung würde nicht funktionieren, hätten Förster die Eichen gepflanzt. Das wäre ja dann ein Forst! Künstlich! Das geht ja gar nicht! Man möge sich anschauen, wie abfällig man im Nationalpark Harz über die Fichten spricht. Nein, ein richtiger Nationalpark braucht einen Urwald! Und den hat man jetzt.

Relikte, Inseln und Verstecke

Das heißt – ein richtiger Urwald ist es eigentlich nicht. Er zählt zu den „Urwaldrelikten“. Und das wiederum sind laut Frede und Morkel „etwa 150 ha weitgehend unversehrte Waldrelikte“1a.a.O., S. 9. Was der Unterschied zwischen „weitgehend unversehrten“ und „besonders naturnahen“ Wäldern ist, erklären die Experten nicht. Außer dass man von letzteren nicht nur 150, sondern „mehrere hundert Hektar“ hat. Worin die ersteren „eingebettet“ sind – wie Inseln in einem Meer.

Weshalb das Nationalparkamt auch von „Urwaldinseln“ spricht: „Relikte urwaldähnlicher Waldinseln“. Die sind „an den steilen, teils schwer zugänglichen Felshängen […] versteckt.“ Das ist zwar Unsinn, denn die Kahle Hardt ist nun alles andere als „versteckt“, sondern geradezu hervorragend sichtbar.2siehe Eberhard Leicht, Die Erweiterung des Nationalparks Kellerwald-Edersee: Eine Betrachtung aus forstlicher Sicht, Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 21/2022, Abb. 1 Aber „versteckt“ ist trotzdem wichtig. Denn ohne Versteck kein Urwald:

„Diese besonderen und seltenen Lebensräume können nur dort existieren, wo der Mensch nie eingegriffen hat.“

Gemeint ist offenbar, dass die Hänge so steil sind, dass Waldarbeiter mit der Säge dort nicht hinkommen. Was schon wieder Unsinn ist, denn alte Gemälde beweisen das Gegenteil3siehe Leicht, Abb. 5 – Ansicht des größtenteils entwaldeten Schlossbergs Waldeck 1566. Waldarbeiter sind ähnlich fit wie z. B. Dachdecker, die problemlos auf Dächern herumturnen.

Panek ist nicht so vorsichtig, was den Urwald angeht. Über den „Eichen-Buschwald an der Kahlen Hardt“ schreibt er:

„Vermutlich ist dieser lichte Wald absolut unbeeinflusst – ein echter Urwald also.“4Urwaldsteig, S. 73

Dass „vermutlich“ und „absolut“ einander ausschließen, stört niemanden: Ein richtiger Steig braucht einen „echten“ Urwald. „Wald-Steig“ verkauft sich schlecht.

Die Infotafel an der Kanzel am Edersee-Ostufer schließt sich Panek an und spricht von „echten Urwäldern“. Dass der Hang, an dem sie steht, sich nicht nach Süden, sondern Westen neigt, spielt keine Rolle. Und „unbarmherzig“ hat mich der Regen getroffen, nicht die Sonne. Ein Wort der Infotafel finde ich allerdings passend: „mickrig“. Das trifft die Form der Eichen an der Kahlen Hardt ganz gut. Und nur für das Protokoll: Vom „felsigen Steilhang an der Kanzel“ bekommt der Wanderer überhaupt nichts mit; die Wanderwege zur Kanzel nehmen eine völlig andere Route.

Infotafel an der Kanzel am Edersee-Ostufer

Kein Urwald

Ein Förster, der dem Nationalparkamt und seinem Urwald kräftig in die Suppe gespuckt hat, ist Eberhard Leicht. Er schreibt:

„Während im Regionalmarketing, das an die unterschiedlichsten Interessengruppen adressiert ist, der Urwaldbegriff als Bezeichnung für eine Waldlandschaft mit urtümlichem Erscheinungsbild nachvollziehbar ist, müssen bei der Verwendung im fachlichen Kontext strengere Maßstäbe angelegt werden.“5Leicht, S. 16

Fachmann Herr Frede war vermutlich nicht amüsiert. Leicht weiter:

„Hans Leibundgut (1909 – 1993), der Altmeister der europäischen Urwaldforschung definiert Urwald als ‚ausgedehnte Waldkomplexe, deren Standorte, Vegetation, Baumartenmischung und Aufbau seit jeher ausschließlich durch natürliche Standort- und Umweltfaktoren bedingt wurden.‘ Ein besonderes Augenmerk gilt dabei auch einem künstlich überhöhten Wildbestand, der erheblichen Einfluss auf die Artenzusammensetzung und Struktur von Wäldern haben kann (Leibundgut 1982).“

Ausgehend von dieser strengen Definition von Urwald führt Leicht mindestens zehn Gründe gegen einen Urwald am Edersee an:

  1. Eichenholzverbrauch für Burgen, Häuser
  2. Holz für als einziger Energieträger bis Mitte 19. Jh.
  3. 5 mittelalterliche Burgen
  4. 10 Ortschaften
  5. 4 wüst gefallene Siedlungen
  6. Wald als Viehhaltung (Weidefläche, Einstreu, Laubheu als Winterfutter)
  7. Wald für frühindustrielle Berg- und Hüttenwerke (z. B. Holzkohle für Bericher Hütte)
  8. Pflanzung von Schwarzkiefern an der Kahlen Hardt
  9. Bauholz für Ederstege
  10. Wildverbiss im allgemeinen und gebietsfremdes Muffelwild im besonderen

Leicht resümiert:

„‚Urwald‘ kann also im Ergebnis keine zutreffende Charakterisierung der Hangwälder auf der Nordseite des Edersees sein.“

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