Kahle Hardt – Die hässlichen Eichen vom Edersee

Der „Knorreichenstieg“ in der Naturschutz-Literatur

Paneks Wanderführer

Einer der führenden, wenn nicht der führende Naturschützer im Kellerwald war Norbert Panek.1siehe Norbert Panek – Wikipedia. Nicht nur rund um den Edersee, sondern bundesweit hatte er in der Szene einen guten Namen.2Die gesamte Naturschutzszene war 2022 ebenso erschüttert wie sprachlos, als die Medien berichteten, dass Panek von seinem eigenen Sohn totgeschlagen worden war. Seit Mitte der 80er Jahre kämpfte er für einen Nationalpark.3siehe Norbert Panek, Urwald-Ängste – Der beschwerliche Weg zum Nationalpark „Kellerwald“, Korbach 2006 Nach dessen Gründung 2004 kämpfte er noch einmal fast 2 Jahrzehnte für dessen Erweiterung. Auch die Idee eines Urwaldsteigs rund um den Edersee ist von ihm. Im Wanderführer Urwaldsteig Edersee schreibt er:

„Der ‚Knorreichenstieg‘ führt Sie durch einen der letzten, echten Urwaldreste Mitteleuropas mit bizarren Baumgestalten, die sich in den schiefigen Steilhang gekrallt haben.“4S. 60

„Buschförmige, bis zu tausendjährige Eichen stehen zu einem lichten Extremwald zusammen.“5ebd.

„Vermutlich ist dieser lichte Wald absolut unbeeinflusst – ein echter Urwald also.“6S. 73

„Die aufgestaute Wärme ist fühlbar und die Trockenheit sichtbar.“7ebd.

Panek ist den Stieg vermutlich eher selten nach tagelangem Regen und bei nasskaltem Wetter gegangen.

„Die extremen Lebensbedingungen der steilen Steinschutthalde für Pflanzen und Tiere, wie den Steppengrashüpfer, sind offensichtlich.“8ebd.

Das Problem nicht nur dieses Wanderführers ist, dass die seltenen Tierarten für den interessierten Naturfreund praktisch nie zu sehen sind.

„Skurille alte und knochige Eichen mit natürlichen Stockausschlägen stehen hier in einem frühsommerlich weißen Meer der seltenen Astlosen Graslilie.“9ebd.

Anfang Juni ist Frühsommer. Eine Graslilie habe ich nicht gesehen. Kein Steppengrashüpfer, keine Graslilie, keine Urwaldreliktart. Ich war enttäuscht.

Paneks Naturführer

Im Natur- und Kulturführer Kellerwald und Edersee schreibt Panek unter der Überschrift Wärmeliebende Traubeneichen-Trockenwälder:

„Extrem trockene, felsige Steilhänge mit feinsplittrig zerfallenem Schieferschutt sind die bevorzugten Standorte dieser interessanten Trockenwaldgesellschaft.“10S. 67

„Die Traubeneiche (Quercus petraea) bildet auf den sonnigen Hangflächen lichte Bestände aus meist niedrigen, knorrig gewachsenen Einzelbäumen, die sich mit ihren Wurzeln fest in den humusarmen, steinigen Untergrund krallen.“11ebd. 

„An den südexponierten Steilhängen der ‚Kahlen Hardt‘ treten stellenweise wärmeliebende Extremausprägungen auf, die mit ihrem Artenspektrum und hohen Natürlichkeitsgrad zu den naturschützerisch wertvollsten Pflanzenformationen des Kellerwalds und der Bundesrepublik (!) zählen.“12ebd., Ausrufezeichen im Original

„Die dortigen, nicht mehr als fünf Meter großen Traubeneichen dürften mindestens 500, einige Wurzelstümpfe möglicherweise sogar 1.000 Jahre alt sein.“

„Eichen-Trockenwälder sind bundesweit ’stark gefährdet‘ (z. B. durch Kiefernaufforstungen).“13ebd.

Im Jahr 2006 heißt es noch bei Panek:

„Die Bestände im Kellerwald stehen bereits weitgehend unter Naturschutz oder gelten als Grenzertragswälder, in denen in der Regel keine forstwissenschaftliche Nutzung mehr stattfindet.“

Fredes Nationalpark

Heute gilt allerdings:

„Im Herbst 2020 ist der Nationalpark nun um die schützenswerten und landschaftlich reizvollen Hangwälder nördlich und östlich des Edersees mit ihren vielen wertgebenden Naturschätzen und Arten erweitert worden.“14Achim Frede & Carsten Morkel, Die Erweiterung des Nationalparks Kellerwald-Edersee um die Naturschätze der nördlichen Edersee-Steilhänge, Jahrbuch Naturschutz in Hessen Band 20/2021, S. 8

Der soeben zitierte Text stammt von Achim Frede (stellvertretender Nationalparkleiter und gleichzeitig Leiter der Forschungsabteilung) und Dr. Carsten Morkel (Forschungskoordinator). Es ist ein sehr wissenschaftlicher Text mit unzähligen Fachbegriffen und verwirrend vielen Tier- und Pflanzennamen, die niemand kennt außer hochspezialisierten Experten. Auch dieser Text spricht von einem Wetter, das ich an der Kahlen Hardt leider noch nicht erlebt habe:

„Im engen und gewundenen Durchbruchstal der Eder […] herrscht […] subkontinental getöntes Regenschattenklima mit trocken-warmen Extremstandorten bei deutlich unter 600 mm Jahresniederschlag und 8-9 °C Jahresmitteltemperatur.“15a.a.O., S. 9

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