Der Großkahlschlag am Oderteich im Jahr 2020

Der Borkenkäfer

Praktisch alle Fichten im Odertal sind tot. Das habe ich damals nicht befürchtet. Das habe ich nicht vorausgesagt. Das hat allerdings damals niemand vorausgesagt. Noch 2007 nach Kyrill dachten die Förster im NLP: Mit dem Käfer werden wir fertig! Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Denn nicht nur die Förster dachten so. Auch die Wissenschaftler. Und die Politiker. Und die Naturschützer. Sie alle waren an der Gründung des NLPs Harz beteiligt und haben ihn immer wohlwollend begleitet. Noch der 2011 verabschiedete Nationalparkplan erklärte als Ziel:

„[G]rößere Fichtenkomplexe sollen geschützt werden.“1Kap. 2.2.4 Borkenkäfermanagement, S. 77

Das setzt als selbstverständlich voraus, dass dieser Schutz möglich ist. Dabei war das Risiko eigentlich bekannt:

„In weiten Bereichen haben die standortfremden und strukturschwachen Fichtenbestände ein sehr hohes Risiko umfangreich auf frühe Entwicklungsstadien zurückgeworfen zu werden, womit gewachsene Strukturen wieder völlig verloren gehen können.“2Kap. 3.2 Borkenkäfermanagement, S. 100

Standortfremd, strukturschwach, sehr hohes Risiko. Und trotzdem verkündete man vollmundig:

 „Mit einem abgestuften Konzept zum Waldschutz wird aktuellen Störungen begegnet, um […] in der Naturentwicklungszone geeignete Altbestände, die für die Waldentwicklung erforderlich sind (vor allen Dingen zur Laubholzeinbringung), zu schützen.“3ebd.

Und da war damals niemand, der in schallendes Gelächter ausbrach! Auch kein einziger Wissenschaftler erhob Einspruch – man war so stolz auf ihre Unterstützung:

„Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) ist das zuständige Organ in allen Waldschutzfragen, wird über aktuelle Entwicklungen im Waldschutz regelmäßig unterrichtet und ist beratend tätig.“4NLP-Plan, S. 52

Heute sind wir alle ganz überrascht, wie schnell der Borkenkäfer den NLP aufgefressen hat. Vielleicht tun einige auch nur so. Vielleicht haben einige es immer gewusst. Denn dass der Borkenkäfer kurzen Prozess mit Fichten machen kann, weiß man im Harz seit Jahrhunderten:

„Bis ins 15. Jahrhundert zurück reichen Berichte über Borkenkäferkalamitäten. Ganz dramatisch war die „Große Wurmtrocknis“, die zwischen 1770 und 1800 wütete.“5Eine unendliche Geschichte – Borkenkäfer im Harz-Nationalpark, NABU Sachsen-Anhalt

Wer heute überrascht ist, hätte bei Wikipedia lesen können:

„Diese größte bekannt gewordene Käferkalamität im Harz wurde die „Große Wurmtrocknis“ genannt – sie vernichtete 30.000 ha Fichtenwald und dauerte etwa 20 Jahre an. Die Wiederaufforstung geschah größtenteils mit Fichte. Ständige Borkenkäferprobleme und Sturmkatastrophen waren die negativen Begleiterscheinungen der Fichtenwirtschaft des Harzer Bergbaus“

Auch ich hätte es wissen können.

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