Massentourismus am Brocken

Sinnentleerter Begriff von Natur

Ahrend stellt in seiner Diplomarbeit der Nationalparkverwaltung einen Persilschein aus: Das „zentrale Qualitätsversprechen …, nämlich ein ungestörtes Naturerlebnis“ kann auch bei „hohem Besucheraufkommen“ erfüllt werden. Zu diesem Ergebnis kommt er mit einem Trick: Er entleert den Begriff der „Natur“ so sehr, dass jeder Anblick einer Fichte am Wegesrand als „hochwertiges Naturerlebnis“ zählen kann. Das aber ist Unsinn. Georg Sperber beschreibt am Beispiel des Naturwaldreservats Lösershag ein ungestörtes Naturerlebnis, das keine Mogelpackung ist:

„An einem lauen Aprilabend sitze ich … hier oben am Steinwall. … Gleich nebenan auf der Spitze einer von Spechthöhlen durchlöcherten Buchenleiche singt ein Gartenrotschwanz, der Waldrotschwanz unserer Großväter, uns Enkeln ein feiner Weiser für urwaldgleiche Strukturen. Mit dem Fernglas mache ich einen Siebenschläfer aus, der mit großen Nachtaugen aus der Öffnung einer Grauspechthöhle glotzt. Zwei Rotmilane schweben zum Horstbaum am Unterhang; es gibt noch an die 100 Brutpaare in der Rhön, sie brüten im Wald, jagen aber über den weiten Wiesen und Bachgründen im Land der offenen Fernen. Dohlen kehren lärmend zur Kolonie in die Schwarzspechthöhlen zweier Altbuchen zurück, wo vorhin noch unentwegt ein Hohltauber ruckerte. Eine Waldschnepfe streicht quorrend und puitzend den Hang entlang. Der Waldkauz meldet sich mit ansteckend lebensfrohem Jauchzen, ehe er zur Mäusejagd abstreicht. Jetzt warte ich noch, bis einer der Dachse seinen Bau verlässt.“1

Niemand wird ernsthaft behaupten wollen, dass ein solches Naturerlebnis auf dem Goethe- oder Heine-Weg oder auf dem Brocken möglich ist. Auch Nationalparkleiter Pusch oder sein Vize Kison nicht. Naturerlebnis und Menschenmassen schließen sich aus.

Touristensaal im Brockenhotel

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  1. Georg Sperber und Stephan Thierfelder: Urwälder Deutschlands, München 2. Auflage 2008, S. 79 []