FSC erlaubt Kahlschläge im Nationalpark Eifel

„Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben.“
(Bertrand Russell)

Kahlschläge: Alle stimmen zu!

Die Seite ist gegliedert in folgende Abschnitte:

 

Einleitung

Am 31. Januar 2014 veröffentlichte der FSC auf seiner Webseite Hintergrundinformationen zu „flächigen Talentfichtungen“ in der westlichen Rureifel. Damit übernimmt der FSC die hygienische Wortwahl der Nationalparkverwaltung: Das böse Wort „Großkahlschlag“ wird wo immer möglich vermieden. Die Hintergrundinformationen stammen von Dr. Röös, dem Leiter des Fachgebiets Forschung und Dokumentation in der Nationalparkverwaltung. Röös ist einer der zentralen Entscheidungsträger für die Großkahlschläge (vergleiche Rückkehr von Erle, Birke und Co). Sie können das Papier von Röös hier herunterladen: Hintergrundinformationen_Roeoes.pdf

 

Röös sollte für den FSC nur auflisten, wer über die Kahlschläge am Wüstebach informiert worden ist oder diesen zugestimmt hat. Stattdessen nennt er in ermüdend langen Auflistungen alle Beteiligten, die jemals in der Vergangenheit mit irgendwelchen Kahlschlägen in Eifeler Bachtälern befasst waren. Das ist ein rhetorischer Trick: Die Liste der Akteure wird so lang und länger und immer eindrucksvoller. Es fehlt nur noch der Aachener Bischof Mussinghof, der erklärt, dass Großkahlschläge dem göttlichen Schöpfungsplan entsprechen.

So fällt auch gar nicht auf, dass viele Akteure gleich doppelt und dreifach genannt und in vielen verschiedenen Gremien gleichzeitig auftauchen – so z. B. die Biologischen Stationen, das Umweltministerium, das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) oder auch das Wasserwerk. Die personelle Verflechtung ist hoch: So ist Marietta Schmitz gleichzeitig Mitarbeiterin des LIFE+-Projekts, der Biologischen Station Aachen und Vertreterin des BUND in der Nationalpark-Arbeitsgruppe. Und auch die Macht der Strippenzieher in der Nationalparkverwaltung wird durch die vielen angeblich unabhängigen Kontrollorgane vernebelt.

Ich fasse deshalb nur die Befürworter der Kahlschläge am Wüstebach listenförmig zusammen und kommentiere, wo es mir nötig erscheint.

 

LIFE+-Projekt

In Gang gesetzt hat das LIFE+-Projekt „Wald-Wasser-Wildnis„, dessen integraler Bestandteil von Anfang an die Kahlschläge waren, das Umweltministerium NRW. Konzipiert haben es die 2 Projektträger:

  • Nationalparkverwaltung
  • Biologische Station Aachen

Unterstützt haben das Projekt von Beginn an die folgenden Institutionen:

  • Umweltministerium NRW
  • Untere Naturschutzbehörden der Kreise Aachen, Düren und Euskirchen
  • Wasserverband
  • Kommunaler NLP-Ausschusses
  • Bundesamt für Immobilienaufgaben / Geschäftsbereich Bundesforst
  • Landesamtes für Naturschutz (LANUV)

Geprüft wurde das Projekt durch namentlich nicht genannte „externe Gutachter“ und die Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission. Gebilligt wurde es von der EU. Und der Deutschen Säge- und Holzindustrie.

Dem Kommunalen NLP-Ausschuss gehören folgende Personen an:

  • Regierungspräsident Köln
  • Landräte der Kreise Euskirchen, Düren und Aachen
  • Bürgermeister von Heimbach, Hellenthal, Hürtgenwald, Kall, Mechernich, Monschau, Nideggen, Schleiden und Simmerath
  • Vorstandsvorsitzender Wasserverband Eifel-Rur

Selbstverständlich hat die Zustimmung des Kommunalen NLP-Ausschusses nichts mit den 4,2 Millionen Euro Fördergeldern für das LIFE+-Projekt zu tun, die je zur Hälfte von EU und dem Umweltministerium stammen.

 

Halbjahresgespräche

Informiert wurden bei 5 sogenannten Halbjahresgesprächen:

  • BUND-Kreisgruppe
  • LNU-Kreisgruppe
  • NABU-Kreisgruppe
  • SDW-Kreisgruppe
  • Biologische Station Aachen
  • Biologische Station Düren
  • Biologische Station Euskirchen
  • Förderverein NLP-Eifel

Ein Protokoll der Sitzungen gibt es nicht. Namen der Beteiligten werden nicht genannt. Die Stationen zu informieren, ist überflüssig: Sie sind Projektträger.

 

TERENO-Jahrestreffen

Grundsätzliche Zustimmung“ zum 9 ha Großkahlschlag äußerten am 7.3.2013:

  • verschiedene Institute des FZ Jülich
  • Geographie Transregio-Projekt der Universität Bonn
  • Vegetationskunde und Tierökologie INRES
  • Klimatologie und Biogeographie der Universität Trier
  • AG Boden von Biologie V der RWTH Aachen
  • Gewässerlabor des Wasserverbands Eifel-Rur
  • Trinkwasserversorger ENVOR
  • Untere Wasserbehörde
  • AK Fledermausschutz
  • LIFE+-Projekt
  • NLP-Verwaltung

 

Natürlich stimmen die TERENO-Beteiligten dem Kahlschlag zu: Genau den wollen sie ja untersuchen (siehe Professionelle Meinungsmache: Das TERENO-Projekt). 15 Millionen Fördergelder wurden dafür bewilligt.

 

Nationalpark-Arbeitsgruppe

Die Nationalpark-Arbeitsgruppe unter der Leitung von Henning Walter, Chef der Nationalparkverwaltung, nimmt am 23.4.2013 die Planung, 8 ha Fichtenwald kahlzuschlagen, zur Kenntnis und hat keine Bedenken. Der NLP-AG gehört neben den Mitgliedern des Kommunalen Nationalparkausschusses (siehe oben) je ein Vertreter der folgenden Institutitonen an (siehe § 20 der Nationalpark-Verordnung):

  • Bezirksregierung Köln als höhere Landschaftsbehörde
  • Kreise Euskirchen, Düren und Aachen als untere Landschaftsbehörden
  • Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV)
  • Obere Jagdbehörde
  • Höhere Forstbehörde
  • Biologische Stationen Euskirchen, Düren und Aachen,
  • BUND
  • NABU
  • LNU
  • Förderverein Nationalpark Eifel e.V.
  • Nationalpark-Beirat
  • Lenkungsgruppe Konversion
  • Bundesvermögensverwaltung
  • Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege
  • Deutsch-Belgischer Naturpark Hohes Venn-Eifel aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Belgien
  • regionale touristische Organisationen
  • regionale Sportorganisationen
  • Eifelverein e.V.
  • regionale Fischereiverbände
  • Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft mbH Nordeifel (WAG)
  • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

4 Jahre lang saß Volker Hoffmann für den BUND in der Nationalpark-Arbeitsgruppe, bis er 2008 unter Protest seinen Posten niederlegte (siehe “Nationalpark-Initiator fühlt sich verraten”). Für ihn rückte Marietta Schmitz nach (siehe Harsche Kritik am Nationalpark Eifel). Marietta Schmitz ist eine der Hauptverantwortlichen des LIFE+-Projekts und dort zuständig für die Gewässermaßnahmen und “ökologische Bauleitung”. Sie ist Mitarbeiterin der Biologischen Station Aachen. Bild 4 der Pressemitteilung “Panzerüberfahrt im Nationalpark Eifel renaturiert” zeigt sie zusammen mit Nationalparkchef Henning Walter, Forstrevierleiter Vollmer und Projektleiterin Bettina Krebs. Marietta Schmitz leitet auch das surreale LIFE+-Projekt „Allianz für Borstgrasrasen„, bei dem 90 ha Fichtenwälder und nach Windwürfen verbuschte Flächen gerodet werden, um in Borstgraswiesen umgewandelt zu werden (siehe den Artikel im Kölner Stadtanzeiger vom 20.8.2013 mit dem bezeichnenden Titel „Wald muss für Naturschutz weichen„).

Ich werfe dieser Veranstaltung zwei Dinge vor:

  1. einseitige Information durch die Nationalparkverwaltung
  2. Demokratiedefizit und mangelhafte Gesprächskultur

zu 1:
Die Informationen über die Kahlschläge stammen alle aus einer einzigen Quelle: dem Nationalparkforstamt. Seit den ersten Planungen zum Nationalparks Eifel erzählen die Schleidener Förster das Märchen von den bösen Fichten und den guten Erlen. Sie warnen vor Borkenkäferplagen biblischen Ausmaßes und kennen das Patentrezept dagegen: Kahlschläge. Sie prophezeien blühende Landschaften mit Narzissen und Bärwurz und Rotem Fingerhut. Sie versprechen Hunderttausende von Touristen, die wochenlang in der Eifel übernachten werden, weil dort schon in ein wenigen Jahrzehnten die „Urwälder von morgen“ wachsen werden. Der Kampf gegen die „Verfichtung der Bachtäler“ ist ein Gründungsdogma des Nationalparks (siehe Das Förstermärchen vom Waldumbau im Nationalpark Eifel). „Entfichtungen“ sind alternativlos. Wer das anzweifelt, bricht ein Tabu.

 

zu 2:
Wenn alle Gremien einstimmig zustimmen, stimmt etwas nicht. Wir leben in einer Demokratie, die eine Pluralität von Meinungen braucht. In einer Demokratie werden unterschiedliche Positionen vorgestellt und diskutiert. Einstimmige Entscheidungen aller Gremien sind Hinweise auf Demokratiedefizite und eine mangelhafte Gesprächskultur. Die Liste von Katastrophen-Projekten, die zuvor von allen Ausschüssen abgenickt worden sind, ist lang: Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Berliner Flughafen, Essener Messeneubau.

 

Gutachten

Das Planungsbüro für Landschafts- und Tierökologie Wolf Lederer aus Geseke hat die Vogelwelt am Wüstebach begutachtet und dem Großkahlschlag die Unbedenklichkeit bescheinigt. Natürlich ist das kein Gefälligkeitsgutachten und es hat rein gar nichts damit zu tun, dass das Planungsbüro auch in Zukunft Aufträge vom Land NRW bekommen möchte. Was passieren kann, wenn man dem Umweltministerium nicht genehme Gutachten veröffentlicht, hat Prof. Andreas Schulte erfahren müssen: Ihm wurden nach seinem Klausner-Gutachten 2008 sämtliche Fördermittel gestrichen. Aber selbst wenn das Gutachten negativ ausgefallen wäre: Glaubt irgendjemand, die Kahlschläge wären gestoppt worden, wenn Mäusebussard und Waldkauz ihren Brutplatz innerhalb des Gebiets gehabt hätten? Drollig ist der Hinweis auf die verbesserten „Habitatbedingungen für Kleinnager“. Ursache ist nämlich die zukünftige Vergrasung des Kahlschlags: Vergrasung behindert in erheblichem Maße die Naturverjüngung und die Mäuse verbeißen zusätzlich die Jungbäume: Gras – Maus – Aus!

Dr. Körber vom AK Fledermausschutz entblödet sich nicht, die Kahlschläge sogar ausdrücklich zu „begrüßen“. Seine „Kurzstellungnahme“ ist eine Zumutung: Wenn man Körber folgt, müsste man auch die alten Buchenhallenwälder am Kermeter kahlschlagen – auch sie sind eine „großflächige Monokultur mit nur kleinsträumigen andersartigen Strukturen“. Ein Mosaik aus Lebensräumen wäre am Wüstebach auch ohne Großkahlschlag entstanden: Man hätte nur die nächsten Windwürfe und Borkenkäferkalamitäten nicht räumen müssen.

Sonderbar ist, dass die beiden Gutachten erst in Auftrag gegeben wurden, als das LIFE+-Projekt längst bewilligt worden war. Und bezeichnend ist, wen man nicht gefragt hat: weder Experten für Pilze, noch für Käfer, noch für Bodenlebewesen und natürlich keine Experten für Prozessschutz wie z. B. Hans Bibelriether oder für Buchenwälder wie Peter Wohlleben oder für ökologischen Waldbau wie Lutz Fähser. Die Verantwortlichen haben Scheuklappen auf.

 

Schlusswort

O-Ton Röös: „Die Bewertungen der regionalen Bevölkerung … zu flächigen Entfichtungen in Eifeltälern sind fast durchweg positiv.“ Das sieht Martina Hilger-Mommer, Sprecherin des grünen Ortsverbands in Schleiden, etwas anders: „Aus lokaler Sicht ist das Unverständnis in der Bevölkerung groß.“ Das Schlusswort hat Oliver Krischer, Bundestagsmitglied der Grünen: „Meine Frau sagt immer, wir sollten am Sonntag nicht im Nationalpark spazieren gehen, weil ich mich da immer so aufrege!“ (Umstrittener Weg zum Urwald, Kölner Stadt-Anzeiger vom 24.1.2014)

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