FSC erlaubt Kahlschläge im Nationalpark Eifel

Beschwerde des FSC-Vorsitzenden beim NDR

Am 20. Januar 2014 hat der Vorsitzende des FSC-Deutschlands, Dirk Riestenpatt, einen Brief an den Redaktionsleiter von plusminus, Dr. Ohmstedt, geschrieben und sich vier Seiten lang über den Fernsehbericht von Alexa Höber beschwert. Auch Riestenpatt redet sich um Kopf und Kragen – ähnlich wie Nationalparkchef Henning Walter in der Kölnischen Rundschau.

Ich gliedere diese Seite in folgende Abschnitte:

 

Imageproblem des FSC

Der FSC hat aufgrund der Ausstrahlung des Berichts ein Imageproblem. Dies verdeutlicht ein Leserbrief im Holz-Zentralblatt vom 17. Januar 2014. Dietrich Graf von Nesselrode (Mechernich), ein privater Waldbesitzer, schreibt:

Mit gewaltigen Kahlschlägen im Nationalpark Eifel befasste sich am 8. Januar die ARD in ihrem Verbrauchermagazin „Plus-Minus“. Das Ausmaß dieser Kahlschläge schien nach den aktuellen Forstgesetzen in Deutschland undenkbar. In privaten Wäldern wären derartige Methoden jedenfalls niemals genehmigt worden: und ungenehmigt hätten sie saftige Strafen ausgelöst. Ist das die Vorbildfunktion des Staatswaldes? Nun könnte es Waldbesitzern gleichgültig sein, wie das Land mit seinem Nationalpark umgeht, gäbe es da nicht ein pikantes Detail: Das Kahlschlagholz wurde mit FSC-Siegel verkauft. Besonders ärgerlich ist dies, weil FSC und Umweltverbände Bund und Länder massiv unter Druck setzen, ihre eigenen Wälder „als Vorreiter“ nach FSC zu zertifizieren, bei öffentlicher Beschaffung FSC zu bevorzugen, und gleichzeitig Stimmung gegen PEFC machen, indem FSC als „der bessere Standard“ apostrophiert wird. – Ob nach diesen Kahlschlägen noch jemand an das bessere Zertifikat glaubt?

(Ein Foto des Original-Leserbriefs können Sie hier herunterladen: Leserbrief.jpg)

 

Wortlaut des Briefs

Betreff: Darstellung des FSC in der ARD-Sendung plusminus vom 8.1.2014

Sehr geehrter Herr Dr. Ohmstedt,
ich wende mich als Vorsitzender des FSC Deutschland heute an Sie in Ihrer Funktion als verantwortlicher NDR-Redaktionsleiter der ARD-Sendung plusminus, um mich über Vorgehen und Arbeitsweise eines Ihrer Redaktionsmitglieder zu beschweren. Das von diesem Redaktionsmitglied gezeigte Vorgehen stellt einen Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht dar und entspricht nicht den Ansprüchen eines kritischen investigativen Journalismus, den der Zuschauer von der Sendereihe plusminus erwarten kann und muss.

Konkret geht es um die Sendung vom 8. Januar 2014 und den Beitrag mit dem Titel
„Fragwürdige Abholzung — Kahlschlag im Naturschutzgebiet“
In den letzten 30 Sekunden (ungefähr ab Minute 7,12) des Beitrags wird ein Bezug zum FSC als „Holz-Ökosiegel“ hergestellt. Zuvor ging es in dem Beitrag um Liefervertrage des Landes Nordrhein-Westfalen mit verschiedenen Sägewerken und um einen Kahlschlag im Nationalpark Eifel. Plötzlich wird jedoch ohne einen Zusammenhang zum vorher Gezeigten der FSC als Zertifizierungssystem prominent dikreditiert (sic!).

Danach überschlagen sich Behauptungen, Falschaussagen, verkürzte Statements und einseitige Darstellungen. Besonders befremdlich ist dabei aus meiner Sicht, dass die negativen und verunglimpfenden Bewertungen fast ausschließlich durch die aufsagende Stimme vorgenommen werden. Dem Zuschauer wird in diesem Beitrag die Chance genommen, sich selber eine Meinung zum FSC als Siegel für verantwortungsvolle Waldwirtschaft zu bilden. Durch die Stimme der Moderatorin des Beitrags wird mit fachlich falschen Aussagen und einer abschließenden Feststellung, dass ein Öko-Siegel nicht viel wert ist, hinter dem sich die gezeigten Bilder verbergen, eine subjektive Meinung klar vorgegeben. Das ist aus unserer Sicht unverantwortlich und viele unserer Mitglieder, darunter bekannte und anerkannte Unternehmen, Gewerkschaften und Umweltorganisationen, sehen das genau so.

Lassen Sie mich an einigen konkreten Beispielen aus dem Beitrag. die sich alle auf den Teil ab Minute 7.12 beziehen, kurz darstellen, warum die von Ihnen beauftragte freie Journalistin Alexa Höber ihre journalistischen Sorgfaltspflichten verletzt hat und Sie, so unsere Meinung, nicht Ihrer Aufsichtspflicht nachgekommen sind.

Der Zusammenhang zwischen dem Kahlschlag im Nationalpark Eifel, den Holzlieferverträgen und FSC ist konstruiert. Die FSC-Zertifizierung des Landeswaldes in Nordrhein-Westfalen steht in keinem Zusammenhang mit Verträgen dieses Bundeslandes zur Lieferung von Rohholz. Der Exkurs zu FSC zum Ende des Beitrags hat mit den zuvor gezeigten Bildern und Interviews nichts zu tun. Es ist unbestritten, dass das Land NRW derzeit seine Lieferverpflichtungen bei der Sägeindustrie nicht erfüllen kann. Allerdings wirken die 8,3 Hektar Kahlschlag in der Eifel hierbei nur wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Allein aus diesem Grund ist die konstruierte Verbindung zu den Maßnahmen in der Eifel nicht schlüssig.

Im Beitrag wird immer wieder behauptet, FSC sei das „Öko-Siegel“ für Holz. Dies ist eine bewusste Falschdarstellung des Selbstverständnisses von FSC. Der FSC versteht sich als Standardsetzungs-Organisation für eine international verantwortungsvolle und nachhaltige Forstwirtschaft. Immer wieder weist der FSC bewusst darauf hin, dass er seine Standards als Mindestanforderung für zukunftsgewandte und verantwortliche Waldbewirtschaftung sieht. Da Alexa Höber auch schon im vergangenen Jahr über FSC berichtet hat, ist davon auszugehen, dass ihr dies bewusst war und hier gezielt die falsche Wortwahl eingesetzt wurde.

Im Text und mit im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Bildern wird u.a. beschrieben, dass sich an diesem Standort auch Buchen unter ausgedünnten Fichten entwickeln könnten. Dies ist aus forstfachlicher Sicht einfach falsch. Die Journalistin hätte hierzu z. B. den interviewten Experten Peter Wohlleben befragen sollen. Dieser hätte ihr erklärt, dass der besagte Standort als in Teilen feuchtes Bachtal für Birken, Weiden und Erlen viel eher geeignet ist.

Alexa Höber bat den FSC Deutschland kurz vor der Ausstrahlung um die Beantwortung einiger Fragen zur geplanten plusminus-Sendung. Nachdem einige der Fragen am Thema vorbei gingen (sic!) und scheinbar nicht ausreichend recherchiert wurden, ging es in einer Frage auch um die Vereinbarkeit dieses Kahlschlags mit dem Deutschen FSC-Waldstandard. Im Text des Beitrages wurde der FSC dann jedoch so falsch zitiert, dass die Aussage nichts mehr mit unserer schriftlichen Antwort zu tun hat und damit auch nicht mehr zitierfähig ist. Hier wurde seitens FSC Deutschland klargestellt, dass der FSC-Standard solche Maßnahmen auf Grundlage von gesetzlichen Verordnungen (hier der Nationalparkverordnung) und auch mit dem Ziel einer Aufwertung der Fläche nach naturschutzfachlichen Maßgaben als seltene Ausnahme zulässt, wenn dies zuvor beim Zertifizierer entsprechend angemeldet wird. Es wurde darüber hinaus deutlich gemacht, dass die konkrete Maßnahme in der Eifel nicht durch den FSC bewertet wird. Derartige das Zertifikat betreffende Bewertungen werden durch den unabhängigen Zertifizierer vorgenommen und nicht durch die Standardsetzungs-Organisation. Dass, wie im Beitrag behauptet, der FSC die gezeigte Maßnahme begrüßt, ist erneut eine bewusst getroffene Falschaussage. Richtig ist, dass der FSC die Entwicklung zur naturnahen Waldgesellschaft vorantreibt und zertifizierte Betriebe ausdrücklich auch zur Erhaltung, Pflege und Wiederherstellung naturschutzfachlich wertvoller Waldbereiche auffordert.

Der interviewte Förster Peter Wohlleben wurde in seiner Aussage zum FSC so geschnitten, dass beim Zuschauer ein verzerrter Eindruck zu FSC-Holz entsteht. Im Beitrag wird nur der Teil des Interviews gezeigt, in dem Herr Wohlleben sagt. „Dass das hier Öko-Holz ist, aus solchen riesigen Kahlschlägen, was ist dann noch ein Öko-Siegel wert?“. Dass Herr Wohlleben nach eigener Aussage im gleichen Satz zuvor darauf hingewiesen hat, „dass diese Maßnahme mit FSC nicht im Zusammenhang steht“, wurde vermutlich im Beitrag aus Versehen oder bewusst (?) geschnitten.

Herr Wohlleben hat nach eigener Aussage Frau Höber mehrfach explizit darauf hingewiesen, dass der gezeigte Kahlschlag als Naturschutzmaßnahme gerechtfertigt wurde und in diesem Fall die einschlägigen Regelungen der FSC-Zertifizierung eine Ausnahme zulassen. Vielmehr gilt es aus seiner Sicht die Nationalparkverordnung und die Naturschutzplanung zu hinterfragen.

Das Befahren des Waldes mit großen Maschinen im Zuge der Baumfällarbeiten, wie z. B. mit dem Harvester, wird als verwerfliche Praxis und besonders rücksichtslose Zerstörung des Waldes dargestellt. Damit fördern Sie ein romantisiertes, falsches Bild von moderner Forstwirtschaft, welches nicht der in Deutschland unstrittigen forstlichen Praxis entspricht. Der Einsatz von Erntemaschinen ist ein wichtiger Beitrag, um die Naturverjüngung in einem Bestand nicht zu gefährden, um die Unfallgefahr der Waldarbeiter auf ein Mindestmaß zu reduzieren und um den Eingriff in das Ökosystem Wald möglichst gering zu halten. Nach Aussagen des von Ihnen gezeigten Forst-Experten Peter Wohlleben wurden die Vorschriften des FSC zum Befahren von Waldflächen sowie für die Holzernte eingehalten und sind nach seiner Ansicht in keiner Weise zu beanstanden.

Zuletzt möchte ich jedoch noch auf das meines Erachtens schwerwiegendste Versäumnis hinweisen: die Einseitigkeit des Beitrages. Im gesamten Beitrag kommen nicht einmal die Vertreter des Nationalparks oder des Landesbetriebes zu Wort, um das Vorgehen in der Eifel zu erläutern. Neben einem selbsternannten Forstexperten und dem Experten für ökologische Forstwirtschaft, Peter Wohlleben, verzichtet der Beitrag darauf, auch Experten des amtlichen Naturschutzes, der Wasserverbände oder der großen bekannten Naturschutzorganisationen zu Wort kommen zu lassen. Die Vertreter von großen unabhängigen Organisationen oder Behörden, die sich seit über zehn Jahren mit dem Nationalpark Eifel auseinandersetzen und die Entwicklung dieses Parks aktiv mitgestalten, werden völlig außen vor gelassen. Stattdessen zeigt der plusminus-Beitrag zwei Personen mit ihren persönlichen Meinungen, obwohl diese keinen direkten Bezug zum Nationalpark Eifel oder zu der betroffenen Region haben.

Mit einigen kleineren Punkten könnte ich diese Liste noch fortführen. Ich denke jedoch, dass Sie anhand dieser Punkte nachvollziehen können, wie ich zu der Einschätzung komme, dass durch Alexa Hober wichtige journalistische Sorgfaltspflichten verletzt wurden. Bereits im letzten Jahr hat Frau Hober in der NDR-Sendung Markt kritisch über den FSC berichtet und dabei, wie bei diesem Beitrag, falsch zitiert, Sätze der Interviewpartner so geschnitten, dass die Aussagen verfälscht wurden und falsche Behauptungen gestreut, obwohl sie vorher richtig informiert wurde.

Der FSC Ist für Kritik immer offen und sieht diese auch als wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung als internationaler Organisation zur Zertifizierung einer verantwortungsvollen Forstwirtschaft. Wir sind auch bereit, öffentlich zu Fehlern zu stehen und darauf entsprechend zu reagieren. Eine derart einseitige und von partikularen Interessen getriebene Berichterstattung werden wir uns nicht bieten lassen. Diese Art dieses Journalismus schadet meines Erachtens dem Ansehen Ihrer Sendeanstalt und widerspricht dein Anspruch dor ARD, die Zuschauer objektiv zu informieren.

In Deutschland sind bereits rund 588.000 Hektar Wald nach dem FSC Standard zertifiziert. Die erwartete Zertifikatserteilung für den Baden-Württembergischen Landeswald in der ersten Jahreshälfte 2014 sowie die im schwarz-grünen Koalitionsvertrag in Hessen angestrebte Zertifizierung des hessischen Staatsforstes zeigen, dass FSC in Deutschland eine Perspektive für die Forstwirtschaft darstellt und auch politische Anerkennung genießt.
Zu Ihrer Information habe ich Ihnen die Stellungnahme des FSC Deutschland zum Beitrag beigelegt, die so auch auf der FSC-Webseite nachzulesen ist.

Für ein persönliches Gespräch stehe ich gerne zur Verfügung.

Der FSC hofft auf eine baldige Nachricht von Ihnen. Für heute verbleibe ich, auch im Namen aller Mitglieder und Mitarbeiter des FSC,
mit freundlichen Grüßen

Dirk Riestenpatt
Vorsitzender FSC Deutschland

(Eine PDF-Datei mit einem Originalscan der Beschwerde können Sie hier herunterladen: FSC_NDR.pdf)

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Kritische Analyse der Beschwerde