Wie macht man aus einem Wirtschaftswald ein Waldschutzgebiet?

Exkurs: „Das Land hat für den Urwald nicht mehr Geld!“

Haupteinkaufsstraße in Dudweiler, einem Stadtteil von Saarbrücken nahe beim Urwald

Wenn Sie ein Anhänger der neoliberalen Wirtschaftspolitik sind, werden Sie vermutlich auch den Stabilitäts- und Wachstumspakt der EU befürworten. Sie werden die Regel gut finden, dass das jährliche Haushaltsdefizit eines EU-Staates nicht höher als 3 % seines Bruttoinlandsprodukts sein darf. Wenn das auf Sie zutrifft, dann überspringen Sie bitte dieses Kapitel! Sie ärgern sich sonst nur oder schreiben mir wütende Leserbriefe. Überzeugen werde ich Sie ohnehin nicht können. Wenn Sie aber kein Freund der Schwarzen Null sind, dann lesen Sie bitte weiter. Beginnen möchte ich mit einer kleinen Geschichte, die Stephanie Kelton in einem ZEIT-Interview erzählt:

„Stellen Sie sich Folgendes vor: […] Sie leben in einem Land, in dem 15 Millionen Leute zu Hause sitzen, weil sie keinen Job finden. In den Restaurants sind die Tische nur zur Hälfte besetzt, in den Läden kauft niemand ein. In diesem Land ist aber zugleich unglaublich viel zu tun: Die Schulgebäude sind marode, die Straßen in einem schlechten Zustand. Jeder vernünftige Mensch würde sagen: Wenn es Dinge gibt, die erledigt werden müssen, und Menschen, die das gern machen würden, dann bringen wir doch beide zusammen. Zum Beispiel indem der Staat ein Programm zur Modernisierung der Infrastruktur auflegt. […] An dieser Stelle kommt das Geld ins Spiel. Denn viele Politiker und Ökonomen sagen: Das können wir uns nicht leisten, da müssten wir neue Schulden machen. Und wenn wir zu viele Schulden machen, geht der Staat pleite.“

Wie viele Tische in den Restaurants in Dudweiler, einem Stadtteil Saarbrückens in unmittelbarer Nachbarschaft zum Urwald, nicht besetzt sind, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass die Tische in der Eisdiele in der Haupteinkaufsstraße am Sonntag Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein nicht einmal zur Hälfte besetzt waren.

Leere Tische der Eisdiele in Dudweiler

Und tags zuvor kauften nur ganz wenige Leute in den Läden ein; viele Geschäfte standen leer. Einziger Lichtblick war die Bäckerei Maurer, in der die Zeit scheinbar stehengeblieben war. Rundherum Billigläden und Leerstand. Ich habe diesen trostlosen Anblick sofort wiedererkannt; ich bin in Gelsenkirchen groß geworden. Auch dort haben die Stahlwerke und Zechen geschlossen. Meine Großmutter hätte sich in Dudweiler wie zu Hause gefühlt: „Das ist ja wie in Gelsenkirchen-Ückendorf!“ Es wäre so unglaublich viel zu tun. Nicht nur in Dudweiler, auch im benachbarten Urwald.

Leerstand in Dudweiler

Das Land könnte Biologen für die Erforschung des Urwalds einstellen: Welche Käfer leben im Urwald? Welche Pilze? Welche Vögel? Das Land könnte Forstwissenschaftler einstellen: Wie entwickelt sich der Holzvorrat? Wie das Totholz? Wie die Mikrohabitate? Das Land könnte Biologielehrer einstellen für die Urwaldschule und für das Wald-Informationszentrum. Das Land könnte Kindergärtner einstellen für einen Urwaldkindergarten. Das Land könnte Sozialarbeiter einstellen für das Wildniscamp. Das Land könnte Waldarbeiter einstellen. Und einen zweiten Urwaldförster. Das Land könnte auch eine Schule neben dem Urwald bauen und einen Kindergarten und ein Forschungszentrum. Es wäre so unglaublich viel zu tun!

Leerstand in Dudweiler

Aber dann kommen die Politiker des Saarlands und sagen: Das können wir uns nicht leisten! Stephanie Kelton ist anderer Ansicht. Und sie ist nicht allein: Die Modern Monetary Theory hat viele Fürsprecher. Besonders empfehle ich Ihnen den Blog von Bill Mitchell. Und eines verspreche ich Ihnen: Mitchell weiß mehr über den Stabilitäts- und Wachstumspakt als Wolfgang Schäuble.1

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  1. siehe William Mitchell, Dystopie Eurozone, Berlin 2017 []