Auf der Suche nach der niedersachsenweit einmaligen Besonderheit
Im Kurzportrait des Naturwalds Schrabstein schreibt die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA):
„Aufgrund seiner standörtlichen Vielfalt, vor allem aber wegen der auf größerer Fläche auftretenden standörtlichen Besonderheiten, weist das Naturwaldgebiet eine große Zahl seltener Arten auf. Eine niedersachsenweit einmalige Besonderheit ist das Vorkommen der Kleinen Felsenkresse. Daneben finden sich weitere, nach der Roten Liste Niedersachsens gefährdete oder sehr seltene Arten wie beispielsweise Echter Salomonsiegel, Gewöhnliche Zwergmispel, Hufeisenklee oder Weidenblättriger Alant.“1Kurzportrait – Weiterführende Untersuchungen
Es gibt Spötter, die erklären, wie solche Listen „einmaliger“, „besonderer“, „gefährdeter“ oder „sehr seltener“ Arten entstehen. Man schicke einfach eine Handvoll Botaniker durch den Naturwald und lasse sie seltene Pflanzen suchen. Es müssen nicht unbedingt promovierte oder gar habilitierte Experten sein. Nein, im Grunde reichen talentierte Studenten selbst früher Semester. Die wuseln dann einen Tag lang im Naturwald herum und am Abend ist die Liste fertig.
„Nähere Untersuchungen zur Fauna liegen bisher nicht vor.“
Solche Listen sind wichtig: Ohne Rote-Liste-Arten geht im Naturschutz gar nichts. Georg Sperber erzählt gerne die Anekdote, dass er Eremiten bei sich zu Hause züchtete und sie bei Exkursionen mit Politikern in der Hosentasche mitnahm. Dann setzte er sie unbemerkt auf einem Baumstamm und tat völlig überrascht. Der Politiker war schwer beeindruckt und fortan von der Schutzwürdigkeit des Steigerwalds überzeugt. Denn der Eremit ist „eine der seltensten Käferarten Deutschlands“. Seine Entdeckung im Steigerwald war „sensationell“.2Die sensationelle Entdeckung des heimlichen Einsiedlers im Steigerwald
Eine solche Art zu denken ist wie ein Virus. Es steckt an. Mich auch. Als ich auf den Klippen des Schrabsteins stand, habe ich nicht nur die Ruhe und die Aussicht genossen. Ich habe unbewusst Ausschau gehalten nach irgendwelchen blühenden Pflanzen am Felsen. Denn der Fels ist eine „standörtliche Besonderheit“ und wenn da was wächst, ist es vielleicht eine „seltene Art“.
Ich habe tatsächlich ein gelb blühendes Etwas am Felsen entdeckt. All meinen Mut habe ich zusammengenommen, denn ich habe Höhenangst und bin nicht schwindelfrei. Auf dem Bauch liegend bin ich ganz ganz vorsichtig an den Rand der Klippe herangerobbt und habe Fotos gemacht. Was das da war, davon hatte ich nicht die geringste Ahnung.
Es ist der Hufeisenklee. In der eingangs zitierten Liste der NW-FVA wird er genannt und gilt als „nach der Roten Liste Niedersachsens gefährdete oder sehr seltene Art“. Die NW-FVA hat recht: Laut Arten-Referenzliste für Gefäßpflanzen ist der Hufeisenklee tatsächlich „gefährdet“. Nicht „stark gefährdet“ oder „vom Aussterben bedroht“, aber „gefährdet“. In Niedersachsen und Bremen. Allerdings nicht deutschlandweit: In ganz Deutschland steht der Klee nur auf der Vorwarnliste und ist laut Bundesnaturschutzgesetzt „nicht besonders geschützt“.3siehe Bundesamt für Naturschutz – FloraWeb
Oben sprach ich von einem ansteckenden Virus. Der Naturwald Schrabstein ist unbekannt.4Selbst Förster in unmittelbarer Nachbarschaft haben noch nie von ihm gehört. Man möchte fast sagen: Das ist auch gut so. Wäre es anders und der Schrabstein bekannt, würden am Wochenende womöglich überall Pflanzenfreunde an den Felsen herumkrauchen und Rote-Liste-Arten suchen.
