Von Wüsten und Waldsteppen am Rachel

Die Wüsten und der Katastrophentourist

Es gibt noch eine Antwort auf die Frage, was mich am Rachel außer Strukturen und Formen so fasziniert und immer wieder zurückkommen lässt. Und das ist eine Antwort, die im Aufsatz Gestörte Heimat von AuM nicht vorkommt und nicht einmal in den Fußnoten erwähnt wird oder zwischen den Zeilen steht. Es ist die Faszination an der Katastrophe.

Das erste Mal war ich 2009 am Rachel, also vor genau 10 Jahren. Ich wusste damals nichts über Wälder. Zumindest nicht mehr, als ich im Biologie-Studium über Wälder gelernt hatte. Also nichts. Ich wusste sehr viel über Xylem und Phloem und über sekundäres Dickenwachstum, aber sonst nichts. Und für meinen Biologieunterricht brauchte ich ja auch nichts. Oder zumindest nicht mehr, als in den Schulbüchern über den Wald steht. Also fast nichts. Wenn Sie das für übertrieben halten, werfen Sie bitte einmal einen Blick in den Kernlehrplan Biologie für die Gymnasiale Oberstufe in NRW. 2009 hatte ich von Wohlleben auch noch nie gehört. Und ich war noch nie in einem NLP gewesen, geschweige denn, dass ich wusste, was das ist.

Rachel im Juli 2009

Aber dann sah ich 2009 einen Bericht im Fernsehen über den NLP Bayerischer Wald. Der Borkenkäfer dürfe dort machen, was er wolle. Riesige Fichtenwälder seien abgestorben. Und genau das interessierte mich: abgestorbene Wälder. Es war die Katastrophe, die mich magisch anzog. Ich war am Rachel und am Lusen und es war nicht die Wiederbewaldung und es waren nicht die jungen grünen Fichten, die mich interessierten; ganz im Gegenteil. Ich war im Bann der abgestorbenen, der toten Fichten. Das zeigen auch die Fotos, die ich damals machte:

Dabei war ich nicht in Endzeitstimmung. Ich hatte keine Angst, dass die Welt untergeht. Die toten Fichten waren nicht der Beginn der Apokalypse. Damals hörte ich zum ersten Mal von Hans Bibelriether und seinem Motto „Natur Natur sein lassen!“ Das leuchtete mir sofort ein. Der Käfer durfte hier fressen. Aber mein Gefühl war ein ganz anderes als das der Leute, die die beiden oben genannten Facebook-Posts kommentieren.

Einige typische Kommentare seien hier zitiert:1Gestört, aber grün, S. 13 ff.

  • so toll zu sehen, dass die Natur das selbst regulieren kann
  • Was doch die These stützt, dass im Naturschutzgebiet der Borkenkäfer nicht zu bekämpfen ist, weil die Natur das selbst regelt.
  • Vertraut in die Kräfte der Natur!
  • Und das, was da nachwächst, ist weit schöner und resistenter und spannender und echter als das, was davor dort wuchs.
  • Gott sei Dank ist hier wieder ein neuer Wald entstanden.

AuM schreiben dazu:

„Dabei spielen die nachwachsenden Bäume eine entscheidende Rolle bei der Deutung. […] Die Wiederbewaldung weckt hier scheinbar Assoziationen zum Wunder der Auferstehung, die Natur wird als bessere Gegenwelt zur Zivilisation idealisiert.“2ebd.

Natur als bessere Gegenwelt zur Zivilisation? Wie bitte? Ein Katastrophentourist idealisiert nichts und ist froh, wenn er nach dem Ausflug in die Katastrophe wieder in die Zivilisation zurückkehrt. Und mit der Auferstehung habe ich es auch nicht so als Atheist. Ich frage mich, ob AuM hier nicht weit über das Ziel hinausschießen. Demnächst kommt noch Küchenpsychologie und Bibelriether wird zum ödipalen Rebell gegen die väterliche Ordnung. Mutter Natur und so. Mir waren auch die nachwachsenden Bäume völlig egal. Von wegen entscheidende Rolle bei der Deutung. Wenn der Käfer den NLP in eine Wüste verwandelt hätte, wäre das für mich in Ordnung gewesen. Und es wäre für mich 10 Jahre später immer noch in Ordnung: ich möchte lediglich mal einen Gartenrotschwanz oder Wendehals am Rachel sehen.

Ich erinnere mich an den Abstieg vom Rachel 2009: ich kam an einem Fichtenwald vorbei, wo der Käfer gerade alle Fichten gefressen hatte. Und ich machte das, was man im NLP eigentlich nicht darf: ich wich vom Weg ab und ging mitten hinein in den toten Wald. Ich machte dort Fotos.

Es war wie bei einem Verkehrsunfall: Schrecklich! Aber man muss immer wieder hingucken!

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