Von Wüsten und Waldsteppen am Rachel

„Entgegen den lokalen Befürchtungen gibt jedoch keine der über einen Zeitraum von 20 Jahren im Bayerischen Wald durchgeführten Studien Hinweise, dass die Totholzflächen im Nationalpark negative Auswirkung auf den Urlaubsgenuss hatten.“
Michler, Aschenbrand und Leibl1Gestört, aber grün, S. 15

Der Märchenwald und die Fotografen

Was Einheimische und Touristen2Eine ausführliche Darstellung finden Sie im Kapitel Die Tourismuslogik. toll finden, das ist der „grüne Märchenwald mit uralten Baumriesen“.3Gestörte Heimat, S. 163 Fotografen ticken genauso! Eine unfreiwillige Bestätigung für die Wirkmächtigkeit des „touristischen Landschaftsstereotyps“ vom romantischen Märchenwald liefert der Fotograf Pavel Kaplun in seinen Lehrvideos: Immer ist alles „märchenhaft“ und immer geht es um den „Märchenwald“.

Ein Video trägt bezeichnenderweise gleich den passenden Titel: Natur veredeln: Märchenwald. In der Beschreibung heißt es:

„Viele von Euch haben sich ein Tutorial für den von uns gezeigten Märchenwald gewünscht.“

In einem anderen Video ist sofort zu Anfang vom „märchenhaften Licht“ die Rede:

„Hier ist eine tolle Stimmung. Wir können hier im leichten Gegenlicht fotografieren, sodass der Wald richtig märchenhaft aussieht.“

Ein Wald, der nicht märchenhaft aussieht, ist offenbar kein richtiger Wald. Und dann kommen die Bäume ins Spiel. Wenn Sie das Video anklicken, bitte nicht lachen!

„Jetzt werde ich ein paar interessante Bäume fotografieren. Ich habe schon ein paar Bäume anvisiert, wo die Formen und die Strukturen einfach phantastisch sind. […] Und da stehen sie gerade, die drei schönen Bäume.“

Wenn Sie das Video nicht angeklickt haben – dreimal dürfen Sie raten, welche Bäume „interessant“ und „schön“ sind und „phantastische“ Formen und Strukturen haben! Richtig – es sind „uralte Baumriesen“.

Jetzt könnte man aber vermuten, dass ein Fotograf wie Kaplun und seine Schüler am Rachel nicht auf ihre Kosten kommen. Keine uralten Baumriesen weit und breit! Nur Wüsten und Steppen! Aber da irren Sie sich! Bei jedem Besuch im NLP war ich auf dem Rachel und ich war nicht auf der Suche nach dem Gartenrotschwanz oder dem Neuntöter, sondern ich habe immer wie ein Besessener fotografiert. Jetzt habe ich mir noch einmal meine Fotos angeschaut und mich gefragt, was mich so in den Bann gezogen hat. Es waren nicht die grünen Bäume und es waren auch nicht die Baumriesen. Aber es waren die Formen und Strukturen, auf die auch Profi-Fotograf Kaplun so viel Wert legt. Es waren die Formen und Strukturen des Totholzes! Das hat mich magisch angezogen. Aufgeklappte Wurzelteller! Verrottende Stämme mit vielen Ästen! Stehend. Liegend. Übereinander. Untereinander. Mit Pilz. Ohne Pilz. Was die seltenen Arten für den Naturschutzexperten, das sind die Formen und Strukturen für den Fotografen. Und es wäre einmal interessant zu untersuchen, wie viele Hobby-Fotografen mit sündhaft teuren Kameras oben am Rachel auf der Suche nach dem ultimativen Foto für Instagram sind.

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