Von Wüsten und Waldsteppen am Rachel

„Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass ökologische Störungsereignisse einen positiven Effekt auf die biologische Vielfalt in Wäldern haben und dass besonders die frühen Waldentwicklungsstadien nach Störungen eine besonders hohe Biodiversität aufweisen.“
Michler, Aschenbrand und Leibl1Gestört, aber grün, S. 15

Von vermeintlichen und tatsächlichen Wüsten am Rachel

Fassen wir die wesentlichen Aussagen von AuM zur besonderen Logik von Naturschutzexperten noch einmal in aller Kürze zusammen.2Eine ausführliche Darstellung mitsamt Zitaten finden Sie im Kapitel Die Naturschutzlogik Der spezifische Blick eines Naturschutzexperten auf eine Landschaft entsteht durch jahrelange Schulung: So lernt er beispielsweise, dass seltene Arten wertvoll sind und dass es am Rachel viele seltene Vogelarten gibt: Gartenrotschwanz, Neuntöter u. v. a. m. Und er lernt sie nicht nur kennen, er lernt auch, wo und wie er sie entdecken kann. Er weiß dann, wann er kommen muss, wohin er kommen muss und welches Fernglas er am besten benutzt, um dann nach langem Warten und mit sehr viel Geduld irgendwann z. B. einen Baumpieper zu sehen. Ähnliches gilt für Käfer, Pilze und andere seltene Arten. Je mehr seltene Arten der Experte entdeckt, umso wertvoller für ihn die Landschaft.

Der Laie ist der Dumme. Er weiß das alles nicht und hat noch nie z. B. eine Dorngrasmücke gesehen. Der normale Tourist läuft wie ein Blinder am Rachel umher; von den seltenen Arten hat er keinen blassen Schimmer. Ich bin so ein dummer Laie, der zu blöd dafür ist, am Rachel seltene Arten zu entdecken. Für Experten wie Müller und Simonis ist der Rachel nur „vermeintlich“ eine „Wüste“.3siehe Wenn der Borkenkäfer geht, kommt der Gartenrotschwanz Für sie sind die „Totholzflächen“ nur „waldsteppenartig“, also gar keine richtige Steppe. Für sie ist der Rachel „in Wirklichkeit ein vitaler Lebensraum“. In meinen Ohren klingt das sehr hohl. Für mich ist das eine richtige Wüste und eine richtige Steppe und ein öder Lebensraum.

Interessant in diesem Zusammenhang sind die beiden Facebook-Posts des NLPs, auf die AuM in ihrem Aufsatz verweisen.4siehe Gestört, aber grün, S. 14 f.

Einer der „reichweitenstärksten Posts überhaupt“ war dieser vom 8.6.2016:

 

Und einer der „populärsten Facebook-Posts“ war dieser vom 13.5.2018:

 

Es sind beides Posts über den Lusen, nicht über den Rachel und schon gar nicht über dessen Ostseite. Und immer geht es um die großartige „Wiederbewaldung“ und die vielen „nachwachsenden Bäume“. Es ist mehr als fraglich, ob Fotos von der Ostseite des Rachels auch so positiv kommentiert worden wären. Vermutlich hätten es dann keine „erfreute[n] Stimmen über den nachwachsenden Wald“ und keine „Begeisterung gegenüber üppiger Naturverjüngung“ gegeben. Müller hätte wieder darüber klagen können, dass in den Köpfen der Menschen „forstliche und ökonomische Holzproduktionsgefühle“ herumspuken und dass es ihnen „an Akzeptanz oder ästhetischem Empfinden für Naturdynamik“ fehlt.

Die Frage bleibt: Was tun?

In Sommerwanderung zum Lusen hatte ich darüber spekuliert, ob nicht Führungen auf den Rachel mit einem Waldführer Abhilfe schaffen könnten, und mich darüber mokiert, dass nur so wenige Führungen angeboten werden.5siehe Die Naturschutzlogik Nach einem Telefonat mit dem Nationalpark-Führungsservice weiß ich aber jetzt, dass alles noch viel schlimmer ist und auch nicht die Schuld des NLPs. Denn nicht einmal eine Führung im Monat kam 2019 zustande. Es ist alles ausgefallen. Niemand meldet sich an. Die Wege sind zu weit. Die Leute wollen nicht mehr als drei Stunden laufen und vielen ist das schon zu lang. Niemand hat mehr Zeit. Und wenn es niemand will, dann braucht man es nicht anzubieten. Man bräuchte 50 Leute, dass sich das mal rechnet. 1-2 kriegt man vielleicht noch zusammen, mehr nicht.

Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer für mich: 2020 wird im Frühling wieder eine Führung angeboten mit dem vielversprechenden Titel Vogelwelt im Frühlingswald. Nationalpark-Ranger Robert Stockinger lädt herzlich dazu ein. Es beginnt um 7 Uhr morgens. Für seltene Arten muss man früh aufstehen. Hoffentlich melden sich genug an!

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