Herbstwanderung zum Rachel

Über die unbegründete Sorge um die Waldverjüngung

Als 2007 nach Kyrill die Nationalparkgegner gegen das Liegenlassen der Windwürfe mobil machen und sich wieder einmal um die Waldverjüngung sorgen, klingen Jörg Müller und sein Team nur noch genervt:

„Es wird Zeit, dass wir die einseitige und ausgetretene Diskussion um die Waldverjüngung verlassen.“1

Sie scheinen es leid zu sein, einen Band mit Inventurdaten nach dem anderen herausgeben zu müssen:

Immer wieder müssen sie versichern:

„Dass der Wald sich verjüngen kann, und dies auch tut, zeigen die Inventurergebnisse über den ganzen Nationalpark.“2

Dabei denken die Forscher längst in eine ganz andere Richtung: Gerade die offenen, noch nicht wieder mit jungen Fichten zugewachsenen Flächen am Rachel mit ihren Unmengen an Totholz sind wertvoll.

„[…] überraschenderweise treffen wir hier Arten häufig an, die deutschlandweit negative Bestandstrends zeigen. Dazu gehören der Gartenrotschwanz und der Baumpieper.  Aber auch seltene Käferarten leben gerade in den extrem besonnten Totholzstümpfen, während die geschlossenen Fichtenwälder für sie zu feucht und kühl sind.“3

Von wegen „tote Hose“!

Müllers Team arbeitet zusammen mit Daniel Donato von der Universität Madison im US-Bundesstaat Wisconsin. Von diesem erschien 2012 im Journal of Vegetation Science der Aufsatz “Multiple successional pathways and precocity in forest development: can some forests be born complex?“. Dessen wesentliche Inhalte habe ich bereits anlässlich der Winterwanderung zum Lusen zusammengefasst.

Genauso wichtig für Müller und seine Kollegen war ein Aufsatz, der 2011 in der Zeitschrift Frontiers in Ecology and the Environment erschien. Er trägt den Titel: „The forgotten stage of forest succession: early-successional ecosystems on forest sites“ und stammt von einem Autorenteam um Mark Swanson von der Washington State University. Mit Sukzession ist die sehr langsame, schrittweise Entwicklung eines jungen Waldes hin zu einem alten Wald gemeint. Der junge Wald am Rachel ist nach dem Borkenkäferangriff nur spärlich mit Fichten bewachsen. Sein Kronendach ist offen. Es wird sich wieder schließen auf dem Jahrhunderte dauernden Weg zum alten Wald mit mächtigen Methusalembäumen. Entscheidend ist nun, dass der hohe ökologische und schutzwürdige Wert der frühen Sukzessionsstadien, wie Swanson schreibt, vergessen worden ist.

Für gewöhnlich halten viele Naturschützer nur alte Wälder für schützenswert.4 Aber es sind gerade junge Wälder wie am Rachel mit ihren silbergrauen Baumgerippen, in denen Müller und sein Team die höchste Artenvielfalt finden: Conservation value of forests attacked by bark beetles: Highest number of indicator species is found in early successional stages heißt ein Aufsatz aus dem Jahr 2013 im Journal for Nature Conservation.

Von wegen „Nichts mehr da außer Baumstümpfe!“ Über die neuen Entdeckungen Swansons und Müllers werde ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr schreiben – ich habe noch sensationelle Fotos von einer Winterwanderung zum Rachel.

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  1. Jörg Müller, Claus Bässler, Christoph Moning, Wilder Wald – Was bedeutet das für seine Bewohner? in: Unser Wilder Wald, Nr. 21 – Sonderausgabe „Kyrill“, S. 11 []
  2. ebd. []
  3. ebd. []
  4. So schreibt beispielsweise ein Altmeister des Waldschutzes wie Georg Sperber in seinem Buch über Urwälder Deutschlands ausschließlich über alte Wälder. []