Herbstwanderung zum Rachel

„So überrascht nicht, dass Forstleute auf den Wirtschaftswald geprägt sind. Der Wald braucht sie, sonst wächst er nicht. Ihr Selbstverständnis hängt davon ab, dass sie nutzend und pflegend in den Wald eingreifen.“
Hans Bibelriether1

Fehlschläge mit künstlicher Verjüngung

Vertreter der Bürgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes sind in dem Irrglauben befangen, man könne das Verjüngungsproblem am Rachel ganz einfach dadurch lösen, dass man auf die Kahlflächen Fichten-Setzlinge pflanzt.2 Deshalb möchte ich erinnern an das jahrzehntelange Fiasko, das die Förster mit der künstlichen Verjüngung des Hochwaldes erlebten.

Bei ihren Bemühungen um eine Verjüngung des Hochlagenfichtenwalds erinnern die Förster der Bayerischen Staatsforsten an eine Monty-Python-Truppe. Zunächst versuchte man es mit der Einzelplenterung. In den Bergmischwäldern der Hanglagen hatte das Plentern jahrhundertelang prima funktioniert: Man schneidet einen Altbaum um und auf der Freifläche wächst ein neuer junger Baum. Im Hochwald haben die Altbäume aber ohnehin einen weiten Abstand voneinander: Eine weitere Auflichtung führte nur zu vermehrter Vergrasung. Der Waldbaureferent der Bayerischen Staatsforstverwaltung Karl Rebel schrieb 1922:

„Gleichmäßiges Auflichten der ohnehin schon lichten Bestände nützt gar nichts, kann vielmehr alles verderben.“3

Dann probierte man es mit Femelschlägen. Das funktionierte auch nicht.

1958 folgte Versuch Nr. 3 mit einem irrwitzigen Aufwand an Mensch und Material: Zunächst hieb man 0,1 ha große Femellöcher in den Wald. Dann wurde der Waldboden wie bei einem Acker mit einem Scheibenpflug4 bearbeitet. So sollte das „Saatbett“ vorbereitet werden.5 Zu guter Letzt wurde auch noch gekalkt: 20 Zentner pro ha. Setzlinge nutzte man nicht: 1958 war ein Fichtenvollmastjahr. Das Problem der Vergrasung lösten die Waldarbeiter mit der Sense und der Chemiekeule: Von Hand wurde „ausgegrast und teilweise [wurden] auch Herbizide verwendet“.6 Um das Maß voll zu machen, wurde auch noch Kunstdünger eingesetzt: „Nitrophoska blau“. Jede Jungfichte bekam den Dünger zwei Jahre lang mit einem Löffel verabreicht. Das Ergebnis war niederschmetternd:

„Trotz des hohen Aufwandes und der anfänglichen Erfolge war einige Jahre später der Großteil der Verjüngung bereits wieder verschwunden.“7

1972 wurden die Hochlagen „in Hiebsruhe gestellt“ und zur Naturzone erklärt.8 Die Förster hatten eingesehen, dass sie mit ihrem Latein am Ende waren. Hier gab es für sie nichts zu „entwickeln“, nichts zu „erhalten“, nichts zu „pflegen“ und nichts zu „managen“.

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  1. Natur Natur sein lassen in Nationalparken – Warum fällt das so schwer, Nationalpark 1/2007, S. 11 []
  2. siehe Die Pflanzaktion der Bürgerbewegung []
  3. Karl Rebel, Waldbauliches aus Bayern, Diessen 1922, zit. n.: Heurich, S. 106 []
  4. siehe Pflug-Sonderformen bei Wikipedia und das historische Foto eines Scheibenpflugs []
  5. Heurich, S. 107 []
  6. ebd. []
  7. ebd. []
  8. Zu den verschiedenen Zonen siehe: Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald (Hg.), Walderhaltungs- und Waldpflegemaßnahmen – Anlageband Nationalparkplan, Grafenau 2010, S. 6 ff. []