Herausragende Kritik an der Windkraft – Unterleuten von Juli Zeh

Kap. 13 Fließ – Fortsetzung

Uwe Kaczynski leitete die Naturschutzbehörde in Plausitz. Er war ein kleiner, tonnenförmiger Mann, der nach Kaffee und kaltem Zigarettenrauch roch. Er besaß weder Studium noch Abitur, war fünfzehn Jahre jünger als Gerhard und trotzdem sein Vorgesetzter. So gut es ging verbarg Gerhard seine Schwierigkeiten, Kaczynski ernst zu nehmen. Im Gegenzug behandelte Kaczynski ihn mit ausgesuchtem Respekt, war rund um die Uhr für ihn zu erreichen und begrüßte ihn am Telefon jedes Mal fröhlich mit »Na, Herr Professor«.

»Na, Herr Professor. Was kann ich für Sie tun?«
Die Dorfversammlung vom Vorabend schilderte Gerhard auf eine Weise, als könne es sich nur um einen Irrtum handeln.
Er wollte es Kaczynski leicht machen zu sagen, dass Unterleuten in Wahrheit gar nicht betroffen sei. Dass es die Leute von der Vento Direct eben überall versuchten, in diesem Fall aber ohne Chance. Brandenburg war schließlich groß genug.

Kaczynski hörte schweigend zu, bis Gerhard zu Ende gesprochen hatte. Dann ließ er noch ein paar Sekunden verstreichen, seufzte und setzte zu einem längeren Vortrag an. Plötzlich entbehrte die Professor-Anrede jeden Humors.
Es tue ihm leid, aber Professor Fließ müsse wissen, dass es sich hier nicht um eine kommunale Angelegenheit, sondern letztlich um große Politik handele. Brandenburg habe sich in der Energiestrategie 2020 verpflichtet, die durch Windkraft erzeugte Leistung innerhalb der nächsten zehn Jahre um das Fünffache zu steigern. Ob Professor Fließ sich das vorstellen könne: das Fünffache? Auf zwanzig Prozent des Energiebedarfs! Gleichzeitig werde die Inbetriebnahme des neuen Flughafens in Schönefeld den CO²-Ausstoß beträchtlich erhöhen. Das werde denen die Energiebilanz versauen, sagte Kaczynski, wenn sie sich nicht ranhielten. Der Ministerpräsident habe ausdrücklich klargestellt, dass neue Windparks kämen, ob das den Leuten gefalle oder nicht.

Weil Gerhard einhaken wollte, erhöhte Kaczynski das Sprechtempo.
Dieser Tanz finde auf einem anderen Parkett statt, da seien sie, nämlich Professor Fließ und Kaczynski, mit ihrem Naturschutz nur ein paar Sandkörner unter den Schuhsohlen. Leider sei die Vento Direct keine dahergelaufene Räuberbande, sondern ein offiziell anerkannter Partner des Ministeriums im Rahmen der Energiestrategie. Da wolle er lieber gleich sagen, wie die Aktien in Unterleuten stünden. Nämlich schlecht. Zwar seien die Gemeinden über das Bauplanungsrecht an der Projektierung beteiligt. Nur gehe es dabei nicht mehr um die Frage, ob die Propeller gebaut würden. Sondern nur noch darum, ob sie einen Kilometer weiter links oder rechts zu stehen kämen. Die Vento Direct grase das gesamte Umland ab, die seien schon überall gewesen, um ihre Wunschstandorte vorzustellen. Natürlich rege sich Widerstand. Schließlich wolle jeder Windkraft, nicht wahr, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.
Gerhard wollte protestieren, aber Kaczynski redete einfach über ihn hinweg.
Ein Satz noch, um die Sache zu Ende zu bringen, das sei vielleicht auch für Professor Fließ interessant. Deren Strategie bestehe in Schnelligkeit. Die Planung werde mit einem Affenzahn durch die Gemeinderäte gepeitscht, bevor die Leute richtig aufwachten. Viele Dörfer versuchten, sich zu wehren. Aber die meisten würden verlieren. So sei das eben.
»Und wer gewinnt?«, fragte Gerhard.
»Der Stärkere«, sagte Kaczynski.1Juli Zeh, Unterleuten, Kap. 13 Fließ

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