Kritik an der Reportage des NDR über den Urwald von morgen

Widersprüche im Film

Man muss kein Experte für Naturschutz sein, um die Widersprüche im Film zu bemerken. Ein offenes Ohr und ein offenes Auge reicht:

  • „Was macht der Wald in den ersten Jahren? Er atmet tief durch.“ Direkt danach Waldarbeiter mit Motorsäge und ein Bagger im Wald.
  • „Wie der wilde Wald einmal aussehen wird und welche Pflanzen und Tiere darin leben werden, das bleibt erst einmal ein Geheimnis der Natur.“ Direkt danach wird gezeigt, wie Fichten gefällt werden. Offenbar ist es kein Geheimnis, dass Fichten nicht im wilden Wald leben werden.
  • „Da ist das Menschenleben dann immer ein bisschen kurz, um das abschließend auch beurteilen zu können.“ Das abschließende Urteil über die Fichten aber ist gefällt.
  • „Der Hohenstein beherbergt eine enorme Anzahl seltener Arten und Biotope.“ Dazu Bilder von einem jungen Uhu. Der Uhu aber steht schon lange nicht mehr auf der Roten Liste.1siehe Bundesamt für Naturschutz – Uhu – Verbreitung
  • „Die Bechsteinfledermaus ist eine Zeigerart. Wenn die da ist, dann wissen wir, das ist ein toller Wald.“ Sonst wüsste man es nicht?
  • „Wir wollen einfach einen Einblick haben, was läuft hier an Tieren, wie viele Tiere sind hier unterwegs. Sind vielleicht auch Arten dabei, die höchst spannend sind, so wie Wildkatze oder, wenn es noch besser käme, ein Luchs? Das wäre ganz toll!“ Brede spricht neben den Trümmern eines Hochsitzes, der deswegen abgesägt wurde, weil Rehe nicht mehr gejagt werden sollen. Im Wildschutzgebiet sollen sie ihre Ruhe haben und nicht gestört werden. Rehe sind Hauptbeutetiere des Luchses.
  • „Sie hoffen, dass der sonst seltene Grauspecht dabei ist. Nur noch etwa 250 Reviere sind in Niedersachsen bekannt. Im Solling ist der Grauspecht besonders häufig. Er hat da einen Verbreitungsschwerpunkt in diesem Gebiet – auch niedersachsenweit gesehen. Die Art geht in ganz Niedersachsen in ihrem Bestand gerade stark zurück und ist vom Aussterben bedroht.“ Kann man mit Akustikboxen nachweisen, warum der Grauspecht vom Aussterben bedroht ist? Kann man mit Akustikboxen das Aussterben verhindern?

Unsinn im Film

Viele Aussagen im Film sind nicht widersprüchlich. Sie sind einfach nur hanebüchener Unsinn: 

  • „Um das hier in unberührte und wilde Natur zu verwandeln, braucht Peter Martensen Fantasie und Zeit.“
  • „Um zu verstehen, wie es dem Wald geht und ein natürliches Ökosystem funktioniert, schauen sich die Forscher alle Tiere genau an.“
  • „Nach über 100.000 Jahren Jagd wird es noch eine Weile dauern, herauszufinden, wie sich die Wildtiere in einem Wald ohne Menschen verhalten.“
  • „Ich finde den Zusammenhang superspannend und die Verbindung, die man immer wieder finden kann zwischen den verschiedenen Artengruppen oder eben auch den Bäumen, den Strukturen an den Bäumen und den verschiedenen Artengruppen. Es ist ja einfach alles ein Netzwerk, was miteinander zusammenhängt.“

Fernsehen für die Generation 70+.

Zyniker würden vielleicht sagen: Was erwarten Sie eigentlich von so einem Film? Was stellen Sie denn für Ansprüche? Wie naiv sind Sie? Dieser ganze Film – das ist Fernsehen für die Generation 70+.

Vielleicht haben die Zyniker Recht. Mir persönlich ging beim wiederholten Anschauen des Films die Sprecherin ganz fürchterlich auf die Nerven. Sie spricht wie eine Kindergärtnerin. Oder wie eine Altenpflegerin. Es fehlt nur noch der Hinweis am Ende des Films: „So, Herr Adrian, da haben wir aber einen schönen Film angeschaut, nicht wahr? Und nun machen wir schön das Fernsehen aus und gehen hübsch ins Bett!“ 

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