Kritik an der Reportage des NDR über den Urwald von morgen

Viel Zeit für unwichtige Themen

Der Bau einer Käferfalle ist nicht schwer zu verstehen. Auch dass Sturmholz unter Spannung steht und gefährlich werden kann, leuchtet sofort ein. Solche Themen kann man in einem Film kurz und knapp darstellen: Das geht in einer Minute, ohne dass Entscheidendes fehlen würde. Wobei man sich natürlich schon fragt, warum dem Bau dieser Fallen so viel Zeit eingeräumt wird und was das mit Urwald zu tun hat. Es sind nebensächliche Themen, die, wenn überhaupt, dann nur am Rand interessieren.

Wenig Zeit für wichtige Themen

Wichtige Themen aber fallen unter den Tisch. Für sie ist keine Zeit. Minutenlang und in Großaufnahme werden die beiden Biologen bei der Auswertung der Akustikboxen im Büro der NW-FVA gezeigt. Der Zuschauer erfährt, dass der Grauspecht vom Aussterben bedroht ist. Die Gründe dafür erfährt er nicht. Für dieses wichtige Thema ist keine Zeit.

Keine Zeit ist auch für die Frage, wie man sinnvollerweise mit 140 ha Fichten im Wildnisgebiet Solling umgehen soll. Auch das ist ein wichtiges Thema und keine Nebensache. Die sog. „Erstinstandsetzung“1siehe z. B. Holzernte als Startschuss für natürliche Waldentwicklung ist ein kontroverses Thema. Die Wissenschaftler sind sich nicht einig.2siehe z. B. die Diskussion um die Kahlschläge im Nationalpark Eifel oder die im Nationalpark Harz oder die im Nationalpark Bayerischer Wald

Auch dem wichtigen Thema Jagd wird Förster Brede durch seinen Kommentar zum Wildverbiss bei jungen Buchen sicherlich nicht gerecht:

„Hier geht es nicht darum, dass die Bäume möglichst schnell wachsen, sondern hier geht es darum, dass die Baumarten überhaupt wachsen, und das tun sie. Gar keine Frage. Gegen diese ganzen jungen Bäume kann kein Reh anfressen – auch nicht, wenn es ein paar mehr sein sollten.“

Welche Baumarten hier wachsen würden, kann Brede ohne Weisergatter gar nicht beurteilen. Gegen die Hauptbaumart Buche haben die Rehe tatsächlich keine Chance. Gegen Nebenbaumarten wie Eichen, Vogelbeeren, Elsbeeren und Eiben schon. Das weiß auch Brede, aber er sagt es nicht. Das sind kontrovers diskutierte und komplexe Themen.3siehe Entmischung durch selektiven Verbiss Eine Minute reicht da nicht.

Trotzdem macht der Film mit Erstinstandsetzung und Jagd kurzen Prozess. Es wird so getan, als seien diese Themen nicht kontrovers und als sei das, was dazu gesagt wird, alternativlos und der Stand der Wissenschaft. Eine zweite oder gar dritte Meinung wird nie eingeholt. Nahegelegt wird, dass es sie auch gar nicht gibt. Auch Fragen, die sich geradezu aufdrängen, werden nicht gestellt: Warum ist die Jagd auf zwei Dritteln der Fläche erlaubt? Warum werden Fichtenforste erst als Naturwälder ausgewiesen, um sie gleich im Anschluss abzuräumen?

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