Maßnahmenplan für das FFH-Gebiet “Hoher Keller”

Erster Grund für die Auflichtung: Entwicklung von Zwergstrauch-Heiden

Die “Beseitigung” der Fichten erfolgt aus zwei Gründen: der erste Grund sind die “Zwergstrauch-Heide-Bestände”. Sie sollen “ausgedehnt” und “entwickelt” werden. Diese Begründung überzeugt nicht.

Nirgendwo wird im Maßnahmenplan erklärt, was Zwergstrauch-Heiden überhaupt sind. Das wird einfach als bekannt vorausgesetzt. Die Beamten des Forstamts Jesberg wissen natürlich auswendig, dass z. B. die Heidelbeere und  die Besenheide zu den Zwergsträuchern zählen.

Laut Hessischer Biotopkartierung gibt es nur 0,09 ha, d. h. 900 m2 Zwergstrauch-Heiden im FFH-Gebiet “Hoher Keller”. ((Die Zahl steht in der Fassung des Maßnahmenplans vom November 2014 im Kapitel 2.7 auf S. 9. In der Fassung vom Dezember 2016 wurde das Kapitel 2.7 ersatzlos gestrichen.)) Das hessische Naturschutz-Informationssystem (NATUREG) bietet eine Karte, auf der die Fläche der Zwergstrauch-Heide genau eingezeichnet ist. Es ist der gelbe Fleck 1 km südwestlich des Kellerwaldturms, der mit einem weißen X von mir in der Karte markiert wurde. ((Sie erzeugen diese Karte, indem Sie NATUREG aufrufen und dann auf Jesberg und den Wüstegarten nordwestlich davon zoomen. Dann wählen Sie oben rechts “Luftbild” und bei “Themen → Biotope und Lebensräume → Biotope Hess. Biotopkartierung 1992 – 2006.” Wenn Sie dann den gelben Fleck anklicken, öffnet sich unten ein Fenster mit den Informationen über das Biotop.))

Auf jedem Friedhof gibt es mehr Zwergsträucher. Die Besenheide zählt zu den beliebtesten Grabbepflanzungen. Warum es am Hohen Keller weniger Zwergsträucher als auf dem Friedhof gibt, erklärt das Kapitel “Historische Nutzung”:

Besonders erwähnenswert ist hierbei die Zwergstrauchheiden-Formation auf dem Grat südlich des Wüstegartens in 570 bis 670 m ü. N.N. Diese Reste der Zwergstrauch-Heiden stellen ein Relikt der historischen Waldnutzungsformen wie Waldweide und Streunutzung dar und spiegeln die frühere Waldfreiheit im Gratbereich wieder. […] Früher waren diese Vegetationskomplexe im Hohen Keller weit verbreitet, sind aber nach und nach großflächigen Nadelholzaufforstungen gewichen. ((Maßnahmenplan, S. 8, Hervorhebungen von mir))

Die Waldweide wurde im Mittelalter praktiziert; Kühe, Pferde, Ziegen, Schafe und Schweine wurden einfach in den Wald getrieben. Dort verbissen sie die jungen Laubbäume. Für den Wald war das eine Katastrophe. Stellen Sie sich vor, man würde Ziegen und Schafe durch ihren Garten treiben! Genauso verheerend war die Streunutzung:

“Die Laub- und Humusauflage wird dazu vom Waldboden abgekratzt und im Stall als Einstreu verwendet. Eine schnelle Verarmung und Verdichtung des Bodens ist die Folge; Jungpflanzen von Buchen und Eichen entwickeln sich nicht mehr.” ((Peter Burschel, Der Wald als Gesellschaft von Bäumen, S. 87, in: Horst Stern, Hans Bibelriether, Peter Burschel, Richard Plochmann, Wolfgang Schröder, Horst Schulz, Rettet den Wald, München 1979,  S. 87))

Am Ende war der Wald weg und Zwergsträucher wie Besenheide und Heidelbeere breiteten sich auf den Kahlflächen aus.

Der Maßnahmenplan macht einen großen Wirbel um die Zwergstrauch-Heiden. Sie sollen “erhalten”, “gefördert”, “ausgedehnt” und “entwickelt” werden. Denn Heiden sind nach § 30 des Bundesnaturschutzgesetzes gesetzlich geschützt sind. ((S. 9)) Satz 2 lautet:

“Handlungen, die zu einer Zerstörung oder einer sonstigen erheblichen Beeinträchtigung folgender Biotope führen können, sind verboten: […]  Zwergstrauch-, Ginster- und Wacholderheiden […].”

Aber Besenheide und Blaubeere sind auf dem Grat des Wüstegartens ebenso wenig “heimisch” und “standortgerecht” wie Fichten. Zwergsträucher sind das Ergebnis einer katastrophalen Waldzerstörung. Wer auf dem Wüstegarten Besenheide und Blaubeere fördert, schafft künstlich eine Heidelandschaft, wie es sie auf dem entwaldeten Wüstegarten zuletzt am Anfang des 19. Jahrhunderts gab. Der Wüstegarten wird zum Museum.

Die beiden am Kahlschlag aufgestellten Informationsschilder passen nicht zum Maßnahmenplan. Sie zählen die Zwergstrauch-Heide nicht zu den “Profiteuren” des Kahlschlags: “profitieren” werden nur Birken, Ebereschen und Flechten.

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