Das überflüssige Verbot des Schneelochwegs
Hinweis: Die Fotos in diesem Kapitel hat Jens offensichtlich im oberen Drittel des Schneelochwegs gemacht. Dort verläuft er mitten durch den Brockenurwald. Nationalpark wird im Folgenden mit NLP abgekürzt.
Die Nationalparkverwaltung wird mich für verrückt erklären, aber ich halte das Verbot des Schneelochwegs für überflüssig. Meiner Meinung nach ist der gesamte Weg von Ilsenburg über das Schneeloch zum Brocken und zurück für den normalen Urlauber einfach zu weit und zu anstrengend.
Natürlich spielt auch die Gefährlichkeit des Wegs eine große Rolle. Das habe ich an anderer Stelle schon ausführlich diskutiert. Aber es geht hier nicht nur um Trittsicherheit und Orientierungsvermögen: hier geht es v. a. um die Länge der Wanderung und den großen Höhenunterschied. Das schaffen nur gut durchtrainierte und sportliche Menschen.
Im Folgenden möchte ich meine Behauptung ausführlich begründen:
- Die 7 Brockentouren und der Schneelochweg
- Von Ilsenburg über das Schneeloch zum Brocken
- Die Quälerei des Rückwegs
- Die teure Brockenbahn
- Antwort auf mögliche Einwände
- Vergleich mit dem NLP Bayerischer Wald
Die 7 Brockentouren und der Schneelochweg
Die NLP-Verwaltung empfiehlt in Zusammenarbeit mit dem Harzer Tourismusverband 7 Brockentouren. Drei Touren starten in Schierke, eine am Torfhaus, eine in Oderbrück, eine bei Drei Annen Hohne und eine in Ilsenburg. Nur bei der letztgenannten Tour könnte man den Schneelochweg einbauen. Bei allen anderen Touren müsste man absurd lange Umwege machen, um zum Einstieg in den Schneelochweg nahe der Stempelsbuche zu gelangen. Nur wer von Ilsenburg aus startet, könnte ohne Umwege auf den Schneelochweg abbiegen. Es folgt die Beschreibung dieser Tour:
Von Ilsenburg über das Schneeloch zum Brocken
Vom Wanderparkplatz in Ilsenburg bis zum Abzweig des Schneelochwegs kurz hinter der Stempelsbuche sind es rd. 7,8 km. Es geht 480 m bergauf. Laut Komoot braucht man dafür 2:40 h.
Dann beginnt der Schneelochweg. Er ist rd. 3,7 km lang, geht rd. 460 m bergauf. Es dauert 1,5 h. Angeblich.
Der Weg endet an den Bahngleisen der Brockenbahn. Bis zum Gipfel sind es noch einmal 0,5 km und 40 m bergauf.
Für den Schneelochweg braucht man also mindestens 1,5 h. Der gesamte Hinweg von Ilsenburg bis zum Brocken ist also 12 km lang und es geht rd. 1.000 m hinauf. Gehzeit rund 4,5 h. Das gilt natürlich nur, wenn man …
- keine Pausen macht,
- nicht umknickt,
- nicht falsch abbiegt,
- keine Baumpilze an den abgestorbenen Fichten bestimmen möchte,
- keinen Raufußkauz oder Mopsfledermäuse oder Ameisenbuntkäfer beobachten will.
Und für den Fall, dass man wegen Herzrasen oder Muskelkrämpfen oder Unterzuckerung einfach nicht mehr weiter kann, dauert es auch länger. Etwas.
Die Quälerei des Rückwegs
Natürlich kann man denselben Weg auch wieder hinuntergehen. Dann wären es 24 km für Hin- und Rückweg. Man könnte aber auch 1 km abkürzen und den oben schon erwähnten Heinrich-Heine-Weg gehen.
Dass der historische Heinrich Heine diesen Weg im Jahr 1824 gar nicht gegangen ist, sondern in Wirklichkeit den Schneelochweg vom Brockenhotel nach Ilsenburg nahm, lassen wir jetzt mal außen vor: Uns interessiert an dieser Stelle nur, dass der sog. Heinrich-Heine-Weg gut 1 km kürzer ist und Kolonnenwege und Forststraßen einfacher zu gehen sind als Urwaldstiege. Das heißt … bei genauer Betrachtung … so leicht sind die Betonplatten des Hirtensteigs dann doch wieder nicht zu gehen: Beton hat die unangenehme Eigenschaft, sehr hart zu sein. Beton dämpft nicht. Überhaupt nicht. Und es geht bergab. Teilweise richtig steil bergab, nicht in Serpentinen. Für Kniegelenke sind das ganz böse Erschütterungen. Und dann gibt es da noch die Löcher in den Betonplatten, die zum Umknicken geradezu einladen.
Fassen wir zusammen: Die gesamte Wanderung ist 23 km lang und es geht 1.000 m den Brocken hinauf und wieder herunter. Gehzeit insgesamt rd. 8,5 h. Ohne Pause.
Die teure Brockenbahn
Offenbar nimmt die NLP-Verwaltung quasi als selbstverständlich an, dass man nicht zu Fuß vom Brocken zurückwandert, sondern mit der Brockenbahn fährt. Nur zwei der sieben von ihr vorgestellten Brockentouren1Durch das Eckerloch zum Brocken, Auf dem Goetheweg zum Brocken geben die Länge des Hin- und Rückwegs an. Die anderen fünf Touren beschränken sich auf die Länge des Hinwegs. Und selbst wenn man mit der Brockenbahn zurückfährt, wird bei allen Touren darauf hingewiesen, dass eine „gute Grundkondition“ erforderlich ist. Sogar bei der Tour „barrierearm von Schierke zum Brocken“ ist eine „gute Grundkondition“ unabdingbar. Und das bei einer Tour für über „leicht begehbare Wege“, für die ausnahmsweise „kein besonderes Können erforderlich“ ist! Alle anderen Aufstiege führen über „sehr unebene Wegstrecken“. Und selbst die barrierearme Tour gilt genauso wie alle anderen Touren als „mittelschwer“.
Die einfache Fahrt mit der Brockenbahn kostet übrigens 38 €. Pro Person. Kinder von 6 bis 14 Jahren zahlen 24 €. Eine Familie mit zwei Kindern über 6 Jahren zahlt für die Rückfahrt vom Brocken 124 €. Und nein, das ist kein Tippfehler. Das kostet wirklich so viel.
Antwort auf mögliche Einwände
Ich behaupte also, die Tour von Ilsenburg durch das Schneeloch zum Brocken sei zu weit und zu anstrengend und überhaupt nur für sportliche, durchtrainierte Menschen geeignet. Vielleicht lauten mögliche Einwände ungefähr so:
„Wo ist das Problem? Das geht doch! Das ist doch zu schaffen! Erst letzte Woche sind wir … Da muss man sich mal ein bisschen zusammenreißen! Vernünftige Schuhe braucht man natürlich! Rucksack! Verpflegung! Etwas zu trinken! T-Shirt zum Wechseln! Handtuch! Sonnenschutzcreme. Mückenspray! Pflaster! Klar, in Sandalen geht das natürlich nicht! Ein bisschen Vorbereitung braucht es schon! Aber sonst? Jetzt mal nicht so wehleidig sein!“
Ich streite nicht ab, dass es Menschen gibt, die den Brocken ohne Probleme schaffen. Einmal habe ich morgens um 8 Uhr einen Jogger auf der Ilsetalstraße getroffen, der kam schon vom Brocken zurück! Und es gibt Einheimische wie den Jens, die vermutlich öfter einmal eine Brockentour machen.2Brocken-Benno ist sicherlich nicht der Normalfall. Und diese von Gott Gesegneten sieht man auch oben am Brocken: frisch, fromm, fröhlich und frei.
Aber der Rummel oben am Brocken täuscht. Die meisten kommen mit der Brockenbahn. Sicherlich gibt es viele Urlauber, die so eine 24 km lange Wanderung auf den Brocken und zurück prinzipiell schaffen würden. Aber wie viele von denen, die prinzipiell dazu in der Lage wären, machen es tatsächlich? Und wie viele würden es vielleicht schaffen, aber machen es nicht? Was ist mit den Älteren? Mit denen, die ein kaputtes Knie haben? Eine kaputte Hüfte? Herzprobleme? Übergewicht? Und dann sind da noch die jungen Familien mit Kinderwagen und Kinder-Tragerucksack. Sportlich. Keine Frage. Aber den Schneelochweg?
Ist man eigentlich gut auf eine 23 km Wandertour zum Brocken vorbereitet, wenn man dreimal die Woche ins Fitnessstudio geht? Reicht das? Dreimal die Woche 20 min auf dem Stepper und dann 1.000 Höhenmeter? Sind Jogger, die regelmäßig ihre Runden im Stadtpark drehen, auf 1.000 m Höhenunterschied vorbereitet? Ich bezweifele das.
Vergleich mit dem NLP Bayerischer Wald
Als ich diesen Artikel geschrieben habe, habe ich mich manchmal ernsthaft gefragt, ob die von der NLP-Verwaltung vorgeschlagenen Brockentouren wie der 17,5 km lange Goethe- oder der 21,5 km lange Heinrich-Heine-Weg nicht vielleicht doch ganz normale Wanderwege sind und ob diese Länge nicht vielleicht die Neue Normalität ist. Aber dann habe ich mich an die Wanderwege im NLP Bayerischer Wald erinnert.
Dieser NLP hat zwei prominente Berge: den 1.452 m hohen Großen Rachel und den 1.373 m hohen Lusen. In gewisser Weise sind sie durchaus mit dem Brocken vergleichbar; denn beide Berge sind bei Einheimischen wie Touristen sehr beliebt. Der aber in meinen Augen bedeutsamste Unterschied ist, dass beide Berggipfel mit vergleichsweise kurzen Wanderungen zu erreichen sind. Bei der ersten Tour ist man schon nach 2,7 km oben:
Bei der zweiten Tour hat man den Gipfel auch schon nach nur 3,6 km erreicht. Der gesamte Rundweg ist 10,4 km lang. Mehr nicht:
Und es gibt noch einen ganz wesentlichen Unterschied: Die Anreise zum Parkplatz Waldhausreibe bzw. Gfäll kann mit dem Igelbus erfolgen. Und der ist für Urlauber kostenlos.
Und wer gerne ganz bequem und ohne jede Anstrengung auf einen Berg möchte, kann ganz in der Nähe von Lusen und Rachel die Seilbahn auf den 1.456 m hohen Großen Arber nehmen; Berg- und Talfahrt kosten für Erwachsene 19 €, für Kinder 15 €.
Bergstation Großer ArberNach oben
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